Tragikomödie "Wer aufgibt ist tot" Strampeln in der Zeitschleife

Ein Wettlauf mit der Zeit: In "Wer aufgibt ist tot" durchlebt Bjarne Mädel als Handlungsreisender seinen Todestag mit finalem Crash immer wieder. Niemandem sonst würde man so gern beim Sterben zuschauen.

SWR/ Volker Roloff

Bjarne Mädel ist ein Typ. Ganz gleich, ob wir in "Stromberg" den Ernie, in "Mord mit Aussicht" den Schäffer oder in "Der Tatortreiniger" den Schotty vor uns haben - der Typ bleibt Bjarne Mädel. Für den Schauspieler mag das ein Anreiz sein, sich, wie zuletzt im Drama "24 Wochen" an der Seite von Julia Jentsch, vom komödiantischen Fach freizuspielen. Für "Wer aufgibt ist tot" aber ist dieser Typ ein Glücksfall. Niemandem sonst würde man so gerne beim Sterben zuschauen.

"Mein Name ist Paul Lohmann", erklärt er zugleich am Anfang, noch im Bett, da hat gerade der Wecker geklingelt: "Ich bin 47 Jahre alt, und ich bin tot. So gut wie. In knapp vier Stunden habe ich einen Autounfall". Bevor er mit seinem scheußlichen Cadillac in den Tunnel rast, lernen wir diesen Lohmann besser kennen. Verheiratet mit einer Buchhändlerin, eine Tochter, ein Eigenheim in Heilbronn. Als Handlungsreisender für Spiegel hat Lohmann schon bessere Zeiten gesehen, in letzter Zeit hängt er ein wenig durch. Warum, das erfahren wir erst nach seinem Unfall.

Da steht er dann über seinem sterbenden Körper, ratlos in "Raum und Zeit", wie ihm sein charmanter Todesengel (Friederike Kempter) erläutert. Gehen freilich will Lohmann noch nicht und verhandelt so beharrlich, bis ihm der Engel erlaubt, seinen letzten Tag noch einmal zu leben. Und noch mal, und noch mal, ohne dass er dem finalen Crash entgehen könnte.

Jeder Durchgang ein Wettlauf mit Zeit und Tod

Zunächst versucht es Lohmann genau damit, das Schicksal zu überlisten. Anders als der mürrische und immer mürrischere Bill Murray in der Mutter aller Zeitschleifenfilme "Und täglich grüßt das Murmeltier" geht Bjarne Mädels Lohmann mit pragmatischem Eifer an die Sache heran. Mit jedem Durchgang aber, angelegt anfangs als Wettlauf mit der Zeit und damit dem Tod, erweist sich das Leben des Helden als heillos verfahren.

Seine Frau (Katharina Marie Schubert) hat die Scheidung eingereicht und bändelt mit einem Kollegen an, seine pubertierende Tochter (Amber Bongard) verachtet ihn, und sein Chef würde ihn lieber heute als morgen loswerden. Und mit jeder Versuchsanordnung wird's düsterer. Lohmann selbst betrügt seine Frau, trinkt. Und fühlt sich schuldig am Tod seiner kleinen Tochter vor ein paar Jahren, seitdem geht's bergab.

"Man kann es jedes Mal ein bisschen besser machen, bis es perfekt ist - irgendwann", erklärt er seinem Engel, bevor er sich in einen neuen Durchgang stürzt. Das Timing stimmt, Christian Jeltsch (Drehbuch) und Stephan Wagner (Regie) erhöhen oder drosseln das Tempo in genau dem Maße, wie es die Handlung gerade braucht - von flottem Slapstick bis zum entscheidenden Standbild. Erfrischend auch die nichtlineare Erzählweise, die jedem Experiment entgegenkommt. Stellenweise, und das ist kein Schaden, wirkt "Wer aufgibt ist tot" wie die Deluxe-Langfassung einer "Tatortreiniger"-Folge.

Seine spießige Welt idyllisch in Szene gesetzt

Allein, alles Strampeln ist vergebens. Stets läuft Lohmann erneut vor die Mauer, gewissermaßen "ums Verrecken" kein anderer oder besserer Mann werden zu können. Immer wieder liegt er am Ende auf der Intensivstation, "nicht ganz tot", derweil die verstörte Familie über eine mögliche Weiterverwendung der Organe entscheiden soll - während Lohmann in seiner Zwischenwelt hilflos daneben steht.

Seine spießige Welt ist idyllisch in Szene gesetzt, mit Drohnenflug über Weinberge und den angenehm unverbrauchten Drehort Heilbronn, es passt sogar das scheußliche "Lemon Tree" von Fool's Garden, das als Jingle jeden neuen Durchgang einläutet. Je mehr Lohmann begreift, was für eine armselige Existenz er in den vergangenen Jahren war, umso ernsthafter werden seine Versuche, seiner Familie doch noch als zumindest anständiger Kerl in Erinnerung zu bleiben. Das ist der Punkt, an dem diese Tragikomödie - nach der komischen - auch ihrer tragischen Seite gerecht wird.

Nachdem sein biografisches Herumflicken weder die Vergangenheit noch die Gegenwart ändern kann, sucht Lohmann die Erfüllung seines letzten Wunsches bei sich selbst. Wie er im Trial-and-Error-Verfahren zu dieser Erkenntnis kommt, wie der gefühllose Checker seine Lage zuerst erkennt und sich dann in sie fügt, wie wandlungsfähig Bjarne Mädel den verschiedenen Stadien der Erkenntnis jeweils Gesicht und Körper gibt - das ist schon sehenswert.

Das gilt sogar für das packende, schlüssige und überdies anrührende Finale, dann wieder im Tunnel. Umso ärgerlicher die letzte Szene, die - vermutlich per Vertragsklausel - von der wohlfühlsüchtigen Produktionsfirma Degeto wie nachträglich mit Klebestreifen angeklebt worden sein muss.

Wer vier Sekunden vor Ende abschaltet, hat einen sehr guten Film gesehen.


"Wer aufgibt ist tot", Freitag, 18.11., 20.15 Uhr, ARD



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