"Wer wird Millionär"-Eklat Riesen tragen sehr wohl Schnauzer

Gestern Abend wurde TV-Geschichte geschrieben! Ha, Ha. Das erste Mal hat jemand bei "Wer wird Millionär" die erste Frage falsch beantwortet - aber war die Antwort wirklich falsch?

AFP

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Haben Sie schon mal einen Witz nicht gleich verstanden?

Vielleicht sogar gestern Abend?

Ja?

Und? Hat die Presse über Sie berichtet? Ihren Namen genannt? Ihr Alter und was Sie studieren? Hat Ihr Foto gezeigt? Und irgendwie auch mit dem Finger auf Sie?

Gestern hat eine junge Frau bei "Wer wird Millionär?" den Witz nicht gleich kapiert. Der ging so:

"Seit jeher haben die meisten...?

A: Dober Männer

B: Cocker Spaniels

C: Schäfer Hunde

D: Riesen Schnauzer"

Eine "Frage", die eigentlich keine Frage ist - und die nur zu extrem später Stunde als Lacher auf Partys durchgehen würde. Trotzdem kennt heute jeder Internetbelesene das Gesicht der Frau. Und trotzdem zeigen heute viele Medien eklig altväterlich mit dem Finger auf sie. Hey, sie nimmt es immerhin locker. "Es war eine tolle Erfahrung" und so weiter darf sie ihren Auftritt noch kommentieren. Aber es bleibt dieser pennälerhafte Beigeschmack von: Ha! Ha! Nicht gewusst!

Eine Gelegenheit, die mancher Leser nutzt, um anonym seinen unreflektierten Missmut gegen die Welt in irrsinnige Kommentare wie diesen zu gießen: "Für solche Studentinnen wird die Frauenquote gefordert. Durch Leistung kommt so was nicht in die Chefetage. Wozu auch? Sie hat ja den Hauptgewinn 'Freund'..., der geht schaffen und füllt den Kühlschrank, sie geht shoppen. Und studiert mal eben 17 Semester als Hobby."

Es geht weder um Intelligenz noch um Wissen

Und für alle, die sich jetzt berufen fühlen, unter diesen Text zu schreiben "Hätte sie ja nicht mitmachen müssen" oder "Wer A sagt, muss auch B sagen, und wenn dann die richtige Antwort C lautet, selbst schuld": Aber die Karotten, mit denen uns die TV-Macher von den Konsequenzen eines solchen Auftritts ablenken, sind super. Kinderträume. Ein Mal Star sein! Ein Mal zeigen, was wir wirklich drauf haben! Eine Million! Und dann sagt man plötzlich D statt C.

Doch in Wahrheit geht es dabei weder um Intelligenz noch um Wissen. Nicht einmal um Auffassungsgabe. Es geht um das Erstaunen, dass da ein Mensch vor einer Kamera sitzt und kurz die Medienmaschine zum Stottern bringt, weil er nicht ohne Weiteres verwertbar ist. Weil er kein Medienprofi ist.

Denn während man keinen Geschichtsprofessor darum bitten würde, sein Dach zu decken, und niemals darauf kommen würde, den Automechaniker seines Vertrauens mit der Betreuung eines Sparfonds zu beauftragen, wird heute doch von jedem verlangt, dass er vor Kameras funktioniert.

Passanten müssen auf der Straße ad hoc zu Kommentatoren aktueller Themen werden. Kinder müssen in "Voice of Germany Kids" die gewieften Selbstvermarkter und Unterhalter geben können. Hübsche Mädchen werden bei "Germanys Next Top Model" zu Model-Darstellerinnen. Und das machen alle ziemlich gut. Meistens.

Aber dann kommt diese Frau aus Aachen und kapiert den Witz nicht. Und das ist gut. Weil der Witz nämlich gar nicht von Wortspielen mit Hunden und Schäfern handelt, sondern davon, wie das Fernsehen uns langsam und unmerklich abgerichtet hat. Dazu, uns zu unserer eigenen Unterhaltung vor die Kameras, vor ein Millionenpublikum zu begeben, und bei der Aufforderung "Spring!" nicht mehr zu fragen, "Warum?", sondern nur "Wie hoch?".

RTL-Hit "Wer wird Millionär?"

Zum Autor
  • Jeannette Corbeau
    Benjamin Maack ist Redakteur im Panorama-Ressort von SPIEGEL ONLINE.



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