Science-Fiction-Serie "Westworld" Wenn Androiden Albträume haben

Roboter-Rebellion im Wildwest-Vergnügungspark: Die philosophisch ambitionierte Serien-Neuauflage des Siebzigerjahre-Schockers "Westworld" soll HBO das nächste "Game of Thrones" bescheren.

HBO/ Sky

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Was für ein Wunderland! Jeden Morgen verabschiedet sich Dolores Abernathy (Evan Rachel Wood) von ihrem Vater, der in seinem Schaukelstuhl auf der Veranda sitzt und ein gemütliches Pfeifchen raucht. Na, wirst du dir wieder die Schönheit der Natur ansehen, fragt er die strahlende Blondine im kornblumenblauen Kleid. Ja, aber erst, nachdem sie ein paar alltägliche Besorgungen gemacht hat, wird sie ihre Staffelei am Fluss aufbauen und die Wildpferde malen, die dort grasen, jeden Tag aufs Neue.

Leider aber kommt meistens etwas dazwischen. Auf der Mainstreet der Westernstadt wird sie ihren Geliebten Teddy (James Marsden) wiedertreffen, der lange fort war. Später werden sie gemeinsam zurück zur Farm reiten und dort ein Blutbad vorfinden. Ihr Vater, massakriert von Banditen, "Newcomern", von denen einer Teddy erschießen, ein anderer sie in die Scheune zerren und vergewaltigen wird. Bis das grausame Spiel am nächsten Morgen wieder von neuem beginnt.

Die Prämisse von "Westworld", der neuen Prestige-Serie des US-Kabelsenders HBO, ist so simpel wie schockierend: Was wäre, wenn man einen Wildwest-Vergnügungspark mit lebensechten Robotern bevölkert, die von den Gästen nach perverser Herzenslust verstümmelt, missbraucht und abgemurkst werden können? Nachts werden die Androiden in sterilen Gewölben unterhalb des Parks wieder zusammengeflickt. Eine neue Storyline aufgespielt, auf Reset gedrückt, die Speicher gelöscht - und weiter geht das Computerspiel, das sich vom virtuellen Raum in die Realität verlagert hat - als fast perfekter Trip in die Vergangenheit, Schießeisen und Cowboyhut inklusive.

Aber was ist, wenn sich die Roboter an die Gräueltaten erinnern, die ihnen wieder und wieder angetan werden? Was, wenn sie gegen ihre Versklavung, gegen den Menschen rebellieren?

Western statt Westeros

Dem Regie-Debütanten und späterem Bestseller-Autor Michael Crichton ("Jurassic Park") reichten 1973 knappe 88 Minuten und ein schmales Budget von einer Million Dollar, um diese für die Siebzigerjahre typische Technologie-Dystopie in einen Kassenschlager zu verwandeln. Yul Brynner trat damals als durchdrehender artifizieller Wiedergänger seines schwarz gekleideten Gunslingers aus "Die glorreichen Sieben" auf und jagte Hauptdarsteller Richard Benjamin erst durch den Wilden Westen, dann durch die benachbarten Parks, in denen die Gäste das Mittelalter oder das alte Rom nacherleben konnten.

Es wäre ein ironischer, selbstreferenzieller Twist gewesen, hätte sich HBO bei seiner am Sonntag startenden Serienneuauflage für das Mittelalter-Setting entschieden. Denn "Westworld", geschrieben und produziert von Christopher Nolans Bruder Jonathan, der die Drehbücher zu Blockbustern wie "The Dark Knight" oder "Interstellar" schrieb, soll möglichst zum erfolgreichen Nachfolger des im kommenden Jahr endenden Serienspektakels " Game of Thrones" werden. Nach dem eher spektakulär teuren Debakel "Vinyl" benötigt HBO dringend wieder einen Hit mit Binge- und Kultpozential. "Westworld" wurde mit angeblich rund 55 Millionen Dollar Budget vergleichsweise günstig produziert.

Statt die Schlachten von Westeros auf der Metaebene weiterzuspielen, entschied man sich für eine sorgsam ausgestaltete und blendend besetzte Westernkulisse, in der das Schreckens-Szenario des Originals reizvollerweise umgedreht wurde. Von Beginn an wird dem Zuschauer der zunächst zehnteiligen Serie die Identifikation mit den Androiden nahegelegt. Die echten Menschen, egal ob sie als mehrere tausend Dollar zahlende Touristen ihren mörderisch-animalischen Trieben freien Lauf lassen oder hinter den Kulissen des Parks immer barbarischere Plots erdenken, mit denen sie für Nervenkitzel und Profit sorgen können, wirken moralisch depraviert im Gegensatz zu den unbewussten und daher unschuldigen Maschinenwesen.

Roboter-Industrielle mit Gott-Komplex

Doch "these violent delights have violent ends", wird in einer der ersten Episoden aus Shakespeares "Romeo und Julia" zitiert, von einem Roboter wohlgemerkt. Park-Gründer und Androiden-Schöpfer Dr. Robert Ford (Anthony Hopkins) hat über die Jahre einen Gott-Komplex entwickelt und philosophiert gegenüber seinem jüngeren Kollegen Bernard Lowe (Jeffrey Wright) über das Ende der Evolution: "Das war's, besser wird es nicht mehr", sagt er über das Schicksal der Menschheit. In der fiktiven Zukunft von "Westworld" hat sie Krankheiten besiegt und sich dazu aufgeschwungen, neues, künstliches Leben zu kreieren.

Gefangen im "Gefängnis seiner eigenen Sünden", ein Bibelzitat, das nebenbei fällt, hält Ford seine Schöpfungen für den nächsten logischen Schritt. Seine Motive werden erst im Verlauf der Serie deutlicher werden, aber mit seinem neuesten Software-Update mehren sich die ungeplanten Vorkommnisse bei den Bewohnern des Parks. Plötzlich scheinen sie sich an ihre früheren Leben - und zahlreichen Tode - zu erinnern, ebenso wie an die nächtlichen Reparaturstunden, in denen Lowe und seine Kollegen psychologische Analysegespräche mit ihnen führen. Welche Welt ist echt, welche nur Schein? Die lüsterne Illusion der gesetzlosen Wildwestwelt, wird zum realen Albtraum ihrer gequälten Protagonisten.

Auch ein schwarz gekleideter Rächer treibt in dieser prometheischen Hölle sein Unwesen. Doch anders als einst bei Yul Brynner bleibt zunächst offen, ob der von Ed Harris kantig-brutal verkörperte Revolverheld Mensch oder Maschine ist. Seit 30 Jahren studiert er die Programmabläufe im Park, nun sucht er einen Ausweg, um ihre Schöpfer zu konfrontieren - und geht dabei über Leichen.

Die Vielschichtigkeit des sich romanhaft entblätternden Plots und die Intellektualität der verhandelten Fragen hebt "Westworld" über vergleichbare aktuelle Serien hinaus: - Es geht um Bewusstsein und Identität, um menschliche Profitgier und Hybris sowie um die moralischen Fallstricke technischer Machbarkeit. "High Noon" für die conditio humana.

Bei aller philosophischen Dramatik kommt aber auch ein durchaus makabrer Spaß nicht zu kurz. Western-Fans finden zahlreiche Zitate aus Genreklassikern, allen voran und immer wieder "Spiel mir das Lied vom Tod". Und im Saloon, der zugleich als Bordell fungiert, steht ein dauerklimperndes Pianola, das allerdings keine Unterhaltungsmusik aus dem 19. Jahrhundert spielt, sondern "Black Hole Sun" oder "Paint It Black". Wovon immer Androiden träumen - harmlose elektrische Schafe sind es ganz sicher nicht.

Westworld: Ab 2. Oktober parallel zum US-Start über Sky Go und Sky on Demand



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Mara Zimmer 28.09.2016
1. Danke Herr Borcholte!
Bin schon in freudiger Erwartung der Neuauflage von "Westworld" in Serie zu sehen. Bin davon überzeugt, dass HBO wieder eine Superserie auf die Beine bringt, denn "Game of Thrones" ist ja durch keine andere Serie zu toppen. Außerdem ist "Westworld" von damals ja fast schon Alltag in unserer jetzigen Zeit. Okay, zumindest wenn es den zunehmenden Silikon-Anteil menschlicher Körper angeht:)
cinkor 28.09.2016
2. Auf alle Fälle.....
.....freue ich mich schon auf den Sonntag auf Canal 899 HBO und Ad Harris ist ein würdiger Nachfolder of Yul Brynner.
Hipster 28.09.2016
3. Huch ...
""Westworld" soll HBO das nächste "Game of Thrones" bescheren." Glaube kaum, daß HBO das beabsichtigt ;-) Habe gerade mal die nach Zuschauerzahlen erfolgreichsten Serien in den USA im Jahre 2015 recherchiert: Game of Thrones taucht dort nicht mal unter den Top 20 auf ...
wolfi7777 28.09.2016
4.
In George R R Martin's Jean Cocteau Theater in Santa Fe wird das Spektakel schon am Samstag zu sehen sein - wer also gerade zufällig in der Nähe ist ... http://grrm.livejournal.com/499746.html GRRM's "not a blog" ist generell empfehlenswert!
rainerwäscher 28.09.2016
5.
Das klingt so richtig schei....lecht. Wenn man über die Seelenlage von Robotern sinnieren möchte, empfehle ich die schwedische Serie Real Humans.
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