Neue Staffel "Westworld" Regeln für den Übermenschenpark

Existenzialismus vor Wildwest-Kulisse: In der neuen Staffel der US-Serie "Westworld" emanzipieren sich bewusst gewordene RoboterInnen von menschlichen Unterdrückern. Aktueller geht es kaum.

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Die Zukunft ist nichts für zarte Gemüter - warum sollte sie auch weniger brutal sein als die Vergangenheit? Gleich in einer der ersten Szenen der neuen "Westworld"-Episoden, wird skalpiert: Kopfhaut ab, Blut strömt, Finger graben sich in nassglänzende Hirnmasse. Willkommen im Wilden Westen 2.0! Einer Welt, in der zwar vieles mit Fäusten und Feuerwaffen ausgetragen wird, in der aber nichts ist, wie es scheint. In der Zeitebenen, Genre-Regeln und Realitäten virtuos gebrochen oder durchsprungen werden - und die Frage, was eigentlich den Menschen ausmacht, immer wieder neu gestellt wird.

Das Vexierspiel fängt beim Skalpieren an: Im Western war es der "wilde" Indianer, der dem vermeintlich zivilisierten weißen Siedler barbarisch ans moralisch erhobene Haupt ging, in der Serie "Westworld", die jetzt in ihre zweite Staffel startet, ist es ein weißer Herrenmensch, der einem deaktivierten Indianer-Androiden das artifizielle Hirn entnimmt. Die Roboter, jahrelang von Menschen erschossen, geschlachtet, missbraucht und gequält, hatten im Finale der ersten Staffel ein Bewusstsein entwickelt und sich in einem blutigen Massaker an ihren Unterdrückern gerächt. Auf dem hinterlassenen Schlachtfeld in der Cowboy-romantischen Erlebniswelt "Westworld" beginnen die Aufräumarbeiten - und die allmähliche Rekonstruktion dessen, was nach dem Aufstand der Maschinen geschehen ist.

Navigator durch dieses Rätsel-Labyrinth ist der Verhaltensprogrammierer Bernard Lowe (Jeffrey Wright). In Staffel eins musste er lernen, dass er selbst kein Mensch ist, hält diese ihn zutiefst verstörende Tatsache jedoch verborgen. Der Wahrnehmung dieses Grenzgängers ist nicht zu trauen: Zu Beginn der ersten neuen Episode beschreibt er eine Szene als Traum, die dem Zuschauer wenig später als wahrhaftig präsentiert wird. Träume aber, sagt er, seien nicht real, sie bedeuteten nichts. "Was ist denn real", fragt ihn daraufhin Dolores (Evan Rachel Wood), die Farmerstochter, die als einer der ersten und ältesten "Westworld"-Roboter zu träumen begann und damit zu Selbstgefühl fand. "Das, was unersetzbar ist", lautet die Antwort.

Frauenfiguren mit übernatürlichen Fähigkeiten

Und was mag das sein? Eine höhere Moral, etwas Göttliches, verborgen in den Wirren der Conditio humana? Und sind es vielleicht die von Menschen geschaffenen Ebenbilder, die qua Evolutionssprung viel eher in der Lage sind als ihre fleischlich-schwachen Schöpfer, dieses Potenzial anzuzapfen? Der Mut, solche Fragestellungen in einem immer wieder auch deftigen Unterhaltungsformat zu verhandeln, sorgte 2016, zum Start der Serie, für gute Quoten, doch trotz mehrfacher Nominierungen konnte das neue Prestigeprodukt des Kabel- und Streamingsenders HBO keine wichtigen Emmys oder Golden Globes gewinnen. Dabei sollte "Westworld" doch eigentlich als Nachfolger der im kommenden Jahr auslaufenden Blockbuster-Serie "Game of Thrones" positioniert werden.

Dafür ist es längst nicht zu spät. Zumindest lassen die ersten Folgen der zweiten Staffel hoffen, dass die Brillanz und Faszination von "Westworld" gerade erst dabei sind, sich zu entfalten. Wohl kaum eine andere populäre TV-Serie versteht es zurzeit besser, den aktuellen Zeitgeist klug und fantasievoll zu extrapolieren: Ging es in der ersten Staffel noch darum, die von Männern wie dem gottgleichen Roboterschöpfer Ford (Anthony Hopkins) entworfene Vision eines Übermenschenparks zu etablieren, sind es nun zwei mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattete Frauenfiguren, die die Handlung bestimmen.

Sowohl Dolores als auch die weitaus weniger schöngeistig veranlagte Bordell-Chefin Maeve (Thandie Newton) formieren aus dem nun zum Töten befähigten Androiden-Arsenal kleine Armeen, um auf die Suche nach dem Schlüssel zu ihrer Existenz zu gehen. "Ihr seid jetzt in meinem Traum", sagt Dolores abgeklärt zu Überlebenden des Massakers, die sie mit der Schlinge um den Hals ihrem Schicksal überlässt. Sie, die im grausamen Spiel hundertfach zum Lust- und Missbrauchsobjekt degradierte Kreatur, übernehme darin jetzt nur noch eine einzige Rolle: sich selbst.

Während die Menschheit sich also gerade erst mit den ersten Fragestellungen und Implikationen künstlicher Intelligenz konfrontiert sieht, die sich bis jetzt noch in abstrakt lernenden Algorithmen verbirgt, statt in Fleisch und Blut herumzulaufen, loten Showrunner Jonathan Nolan und Lisa Joy vor der Western-Kulisse ihres epischen Mystery-Thrillers bereits aus, welche existenziellen Nöte uns in Zukunft erwarten. Der wahre Thrill von "Westworld" ist jedoch, dass die Serie die heute wieder massentaugliche Technologie-Skepsis klassischer Siebzigerjahre-Dystopien in eine fesselnde Erzählung wendet, die fundamental am Menschen zweifeln lässt, nicht an der Maschine.


"Westworld", Staffel 2: Ab Sonntag, 22. April auf HBO (USA), ab Montag 23. April auf Sky Atlantic, 20.15 Uhr



insgesamt 13 Beiträge
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rainerwäscher 19.04.2018
1. Bedenklich
Nie wurde ein größerer Unsinn über eine Serie geschrieben als hier. Der ganze Roboterquatsch dient nur einem Zweck: Möglichst widerwärtige und brutalste Gewaltorgien unzensiert zeigen zu können, denn "es sind ja keine Menschen, sondern nur Roboter". Zuvor schon haben Zombies den gleichen Zweck erfüllt.
DougStamper 19.04.2018
2. @rainer
Schauen sie sich die Serie an. Glauben sie mir, das was sie hier schreiben ist absoluter Nonsens.
dergenervte 19.04.2018
3. Unbedenklich
Anscheinend haben Sie die Serie nicht verstanden. Es geht in der Serie auch darum, dass der Mensch, wenn es keinerlei Regeln gibt zur Gewalt neigt. Der Mensch ist nun einmal ein Tier, welches ohne selbst auferlegte Regeln äußerst Brutal ist. Es geht genau um diesen Punkt in der Serie und was passiert wenn sich unterdrückte Wesen wehren.
Onkel Drops 19.04.2018
4. woher stammt das Wort Roboter und was bedeutet es?
Westworld ist mit dem Film nicht zu vergleichen. die Serie geht tiefer wenn man sich mit science fiction und Assimovs Roboter Gesetzen zB befasst. gehorche den Menschen, ein Mensch darf nicht gefährdet werden, weder vom Roboter noch durch einen menschlichen Befehl. der nicht menschliche Sklave stellt seine Regeln in Frage,nicht mehr nicht weniger. westworld liefert dieses nachdenkliche Stück Kunst zwar blutig und brutal, aber so sind wir Menschen halt sobald man keine Ethik walten lässt. anders lernen uns die Roboter dort nicht kennen, aber sie sehen auch den Menschen der an der Roboter Metzelei gar nicht teilnehmen will. er behandelt sie auch nicht wie minderwertige Maschinen. sie stellen also nicht nur ihre Programmierung in Frage, sie lernen und entwickeln sich. trotz des täglichen Speicherlöschens, es bleibt immer ein bischen ungelöscht. es entsteht der Geist in der Maschine, abseits der Programmierung. dieses war beim Menschen ja im Grunde auch so. auch wenn viele das update namens Bibel,Koran und co. heute noch nicht hinterfragen. die sind halt noch nicht reif für die Menschheit 2.0 - nicht links,nicht rechts,kein Gott,keine Gier und dann werden Kriege plötzlich nutzlos. es könnte so einfach sein, aber bääh macht die dumme Herde und stuhlt sich selbst aufs Essen. warum sagte der Pastor nur immer meine lieben Schäflein und etwas vom Hirten, ja bääh weiter so bääh. es gab mal einen Moment des Erwachens als Menschen einfach die Waffen niederlegten und den gegenüber umarmten, Weihnachten im Schützengraben erster Weltkrieg! plötzlich waren Könige, Kaiser, Länder und Sprachen wie der Krieg egal . dann kam der Hirte und schlug sie tot ,weil sie keine Schafe mehr waren...
divStar 20.04.2018
5. Au waja... da wird etwas hineinintepretiert, was gar nicht vorhanden..
... ist! Es geht dabei zwar um Rache; diese dreht sich aber ausschließlich darum, dass Menschen die Roboter missbraucht haben. Der Gender-Aspekt - der heutzutage scheinbar in jeden Artikel beigemischt wird, jedoch in diesem Fall keinerlei Berechtigung hat - ist allerdings (mal wieder) nervend, da er hier zur Fehleinschätzung der Serie beiträgt. Es geht nicht darum, dass Dolores oder die Bordell-Chefin sich als Frau den Männern nicht gleichgestellt fühlt. Das war bisher kein Thema (ich schaue mir die Serie ebenso an wie die erste Staffel). Es ging zumindest in der ersten Staffel darum sich an den Menschen als solche zu rächen und ggf. einen Ausweg aus der Misere (der Schleife mit (teils nicht gänzlich) gelöschten Erinnerungen) zu entkommen. Ich kann allerdings verstehen, dass es heutzutage modern oder gar "hip" ist diese Gender-Debatte überall hinein zu dichten und in allem zu sehen. Woher dieser Wunsch kommt, erschließt sich mir allerdings nicht. Ich habe rein gar nichts gegen das sachliche Aufzeigen von Missständen und auch das Lösen selbiger; wenn aber eine Frau in einer nicht-tarifgebundenen Stelle weniger verdient als der Mann, war sie halt nicht in der Lage sich eine bessere Summe zu erstreiten (sind übrigens auch einige Männer nicht). Was nicht sein darf, ist, dass Frauen für die gleiche Arbeit innerhalb eines tariflichen Vertrags weniger bekommen. Soweit ich das weiß, ist das aber zumindest da, wo ich arbeite (im ÖD), auch nicht der Fall. Um außerdem die Glaubwürdigkeit zu erhöhen, sollte man über mehr Themen reden als nur Frauenquoten für Vorstandsposten, denn bei solch einer einseitigen Diskussion schalten viele (inklusive mir) einfach ab. Zuträglich wäre übrigens auch damit aufzuhören pauschal alle Männer für die jetzige möglicherweise vorhandene Ungleichberechtigung schuld zu schreiben - das nervt und wird nicht darin resultieren, dass jeder dann noch zuhört.
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