Von Felix Bayer
Wie sich die Zeiten ändern: Früher war "Wetten, dass...?" im deutschen Fernsehen der Inbegriff für radikales Überziehen der Sendezeit. Am Samstagabend nun verzettelte sich Thomas Gottschalk minutenlang beim Nachzählen von Geldscheinen für eine Wette. Sein Kommentar: "Ist wie bei Raab: Dauert ewig, aber die Leute gucken."
Ja, die Leute gucken, aber es sind weniger geworden, bei sechs der letzten acht Sendungen weniger als zehn Millionen. "Du hast bei deinem letzten Boxkampf 14 Millionen Zuschauer gehabt", sagte Gottschalk zu seinem Gast Vitali Klitschko: "Ich erinnere mich gut an das Gefühl."
Besonders die RTL-Konkurrenz von "Das Supertalent" knabbert an der Quote. Im Oktober zog Dieter Bohlens Freakparade in der sogenannten werberelevanten Zielgruppe der Zuschauer von 14 bis 49 Jahren am ZDF-Klassiker vorbei; an diesem Samstagabend sahen insgesamt 8,4 Millionen Menschen Gottschalk und 7,74 Millionen Bohlen - für den ZDF-Altmeister war das eine rund Million weniger als im Oktober. Und das, obwohl er persönlich mit einer mäßig lustigen Parodie von "Supertalent"-Juror Bruce Darnell gegensteuerte und seine Redaktion mit einigen jungen Gästen wie Lena Meyer-Landrut, Matthias Schweighöfer und Miley Cyrus.
Vor der Sendung bereits stellte der Moderator im Pressegespräch die unvorhersehbaren Momente der Liveshow als Stärke der Sendung heraus - im Gegensatz zum durchinszenierten Gefühlstheater der RTL-Show.
Für solche unvorhersehbaren Momente kann sich Thomas Gottschalk bekanntlich auf sich selbst und seine lückenhafte Erinnerung verlassen. So rätselte er herum, wie denn noch mal der deutsche Verleihtitel des Actionfilms "Unstoppable" lautete, den Denzel Washington auf dem Sofa zu bewerben hatte. Als er ihm dann endlich souffliert worden war, freute sich Gottschalk: "Außer Kontrolle" - das könne auch als Titel für seine Sendung funktionieren.
Indiskretes auf dem Sofa
Richtiger wäre: "Alles außer Kontrolle - aber bitte in geordneten Bahnen." So wie als die Popsängerin Miley Cyrus als Wetteinsatz ihren verlässlich kreischenden Fans eine Minute lang Autogramme geben sollte - "jeder nur eins und keine Poesiealben". Nach 60 Sekunden geleitete der Moderator die junge Millionärin wieder zum Sofa und hinterließ etliche Teenager ohne Autogramm, die zwar mit eindrucksvollem Flunsch, aber doch sehr brav auf ihre Sitze zurückwanderten.
Unfreiwillig sorgte die "Hannah Montana"-Darstellerin allerdings für einen großen Moment. Von Gottschalk nach Tipps gefragt, wie Lena auch eine Weltkarriere hinkriegen könnte, hauchte die bald 18-Jährige sensationell salbungsvoll: "Niemals die Fans vergessen!"
Wenig später hieß es: "The English-speaking people are allowed to go home now", doch Miley Cyrus ließ die ihr zugesteckten Fanbriefe achtlos auf dem Sofa zurück. "Wie Miley gesagt hat: Das Wichtigste sind die Fans", sagte Smudo von den Fantastischen Vier, öffnete die Post und las daraus Perlen vor wie "I will forever a fan from you to be" (was natürlich furchtbar gemein war, weil die Schreiberin der Zeilen in einem Alter ist, in dem einem sowieso alles so peinlich ist). Gottschalk kam noch einmal auf die Frage nach der Weltkarriere von Lena Meyer-Landrut zurück. Deren sarkastische Antwort: "Also erst mal sind natürlich meine Fans alles für mich."
"Ach, Thomas!"
Die Eurovisions-Gewinnerin war einer der beiden Gäste, die mit der kontrollierten Hoffnung auf unkontrollierte Momente geladen waren; sie erfüllte die Rolle als Identifikationsfigur für all jene Zuschauer, die den Fragestil des Moderators ablehnen, aufs Backfischhaft-Bravouröseste, immer wieder flötete sie ein englisches "awesome".
Daneben hatte sich die Redaktion einen Subplot ausgedacht, in dem Atze Schröder mit Gottschalk um die Gunst der Co-Moderatorin Michelle Hunziker konkurrieren sollte. Das führte dann zu einigen bemühten Sticheleien des Comedians über Gottschalks fortgeschrittenes Alter, vor allem aber dazu, dass bei der Außenwette vor der Halle in Hannover (ein Bus fuhr auf eine Wippe) überhaupt nichts mehr zu verstehen war, da Schröder und Hunziker draußen und Gottschalk und seine Gäste drinnen gleichzeitig redeten.
Zwischen Thomas Gottschalk und Michelle Hunziker stimmt die Chemie aber weiterhin. Sie durfte ihn sanft rügen ("Ach, Thomas!") für die schlimmen Fremdscham-Momente, die aufkamen, als Gottschalk einen 15-jährigen Kandidaten damit aufzog, dass er seine Wettpatin Lena gar nicht richtig geküsst habe.
Gottschalk zwischen Galanterie und Anzüglichkeiten
Dafür gab der Altmeister Nachhilfe in essentiellen Showmasterfähigkeiten: "So hält man Nummern in die Kamera, Michelle!" Die Schweizerin trug einen sehr kurzes schwarzes Kleid, das Gottschalk sowohl Anlass für Galanterie ("Das seh nur ich - und ich erzähl nichts weiter") wie auch für Herrenwitzchen gab (zu einem Wettverlierer, der im Liegen eine Motocross-Rampe hochstemmte: "War es die Aufregung oder war es der Rock von der Michelle? Er lag ja auch ungünstig.")
Unter den von Hunziker dauereuphorisch angefeuerten Wettkandidaten ragten zwei klar heraus, die auch bei der Publikumsabstimmung vorn lagen. Andreas Malzan nuckelte am Brustwarzenkaktus - und erkannte diesen und vier andere Kakteenarten mit der Zunge.
Und Nico Haddad, ein 74-jähriger ehemaliger Gastwirt und Feuerwehrmann, der schon zum dritten Mal in der Show auftrat, wurde Wettkönig, obwohl es ihm nicht ganz gelang, in zwei Minuten tausend Kerzen auszupusten. "Wenn du noch ein bisschen weinen würdest, würde uns das optisch sehr helfen", erlaubte sich Thomas Gottschalk bei der Preisübergabe eine weiteren kleinen Seitenhieb in Richtung private Konkurrenz.
Der Atommüll war auch dabei
Doch zeigen solche Anspielungen nur, wie sehr sich Thomas Gottschalk mit "Wetten, dass...?" in der Defensive sieht. Darüber vergisst er fast, womit er früher immer wieder Diskussionen provozierte: seine Anspielungen aufs politische Tagesgeschehen. Eine Steilvorlage der Redaktion, einen 2CV mit "Atomkraft: Nein danke!"-Aufklebern und einem Castor-Demo-Flyer unterm Scheibenwischer, ließ er vollkommen ungenutzt.
Und zu Stuttgart 21 fiel ihm nur ein Bezug zu Denzel Washingtons Film ein: "Das ist der Unterschied zwischen amerikanischer und deutscher Action: Der Amerikaner versucht einen fahrenden Zug aufzuhalten, die Deutschen einen Bahnhof."
Lieber kokettierte Thomas Gottschalk gegenüber den Fantastischen Vier damit, dass er die erste Rap-Single auf Deutsch aufgenommen habe, zusammen mit Manfred Sexauer und - "Äh, wie hieß er noch? Der DJ?" - Frank Laufenberg. "Ich bin der New-Wave-Man, Nick-Nack-Man, kein Guru, kein Punker, kein Freak. / Leg mich nicht auf irgendwas fest, ich hab die Scheuklappen dicht", sang Gottschalk 1980 in seiner Strophe von "Rappers Deutsch".
Vielleicht sind Gottschalks Scheuklappen 30 Jahre später zu sehr offen, lässt er sich zu sehr irritieren.
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