"Wetten, dass..?" aus Nürnberg: Schluck, schwere Not!
Drei Milliarden Zuschauer im Laufe der vielen Jahre, sehrsehrwitzige Witze und ein ewiger Gast, der nicht sprechen mag: Das ist "Wetten, dass..?". Diesmal gab es eine absurde Wette über Schluckgeräusche, und Thomas Gottschalk ließ sich erst von "Bully" Herbig die Show stehlen - und dann von einem elfjährigen Gitarrengott.
Es war schon weit nach 22 Uhr, die Sendung torkelte auf die Zielgerade, da lud Thomas Gottschalk noch einmal den elfjährigen Hagen auf sein monströses Sofa. Um diese Uhrzeit dürfe man zwar keine "Kinder mehr auf die Bühne" holen, so Gottschalk mit einem launigen Hinweis auf das Jugendarbeitsschutzgesetz, aber: "Dann sollen sie mich halt rausschmeißen."
Das war nicht nur die ungefähr 65. kokette Anspielung auf seinen singulären Status in der deutschen Fernsehlandschaft und die Tatsache, dass er die Show abgeben wird - es war nur recht und billig. Schließlich hatte ihm der Kinderwettkandidat selbst sichtlich Spaß gemacht. Und "Wetten, dass..?" ist immer dann gut, wenn Gottschalk Spaß hat.
Und den hatte er an diesem Abend in Nürnberg nicht oft. Es war die erste seiner drei finalen "Rückblicksendungen", und in den lähmenden Leerlauf, der die Dramaturgie dieses "Hochamts im deutschen Show-Kult" (Gottschalk) seit jeher kennzeichnet, mischte sich da eine nicht minder lähmende Melancholie.
Halb bis zum Mond, viermal um die Erde
Damit auch jedem dämmert, dass hier bald das Ende einer Ära zu beklagen ist, wurde ausgiebig die Statistik bemüht. Mehr als drei Milliarden Zuschauer hat "Wetten, dass..?" insgesamt gehabt, rein rechnerisch. Wegen wechselnder Schauplätze wurde dabei die halbe Strecke bis zum Mond zurückgelegt oder, rein rechnerisch, viermal die Erde umrundet! Und rein rechnerisch hat "Wetten, dass..?" genau 3851 Minuten überzogen.
Die bewegende Frage, ob nun Peter Maffay, Udo Jürgens oder Herbert Grönemeyer am häufigsten zu Gast war, entschied in einem animierten Filmchen Peter Maffay knapp für sich. Überraschung! Minutenlang blätterte Gottschalk dann allen Ernstes und in aller Ruhe zusammen mit Peter Maffay in einem Fotoalbum mit Bildern jedes einzelnen der verdammten 16 "Wetten dass..?"-Auftritte des mundfaulen Sängers.
Der durfte immerhin noch singen, im Gegensatz zu Sarah Connor. Die schien nur geladen, um sich Witze über ihre Größe, ihre Blöße ("Ich bin überrascht, du hast ja was an!") und den Namen ihrer Tochter Delphine anzuhören: "Wenn's ein Junge geworden wäre, hättest du ihn dann Matjes genannt?". Tja nun.
Neben Michael "Bully" Herbig, der Werbung für seinen neuen Film machte, nahmen auf dem Sofa ferner Platz: Rowan Atkinson, der Werbung für seinen neuen Film machte; die Kabarettistin Monika Gruber, die Werbung für ihren neuen Film machte; die Musiker Dave Stewart, Joss Stone und Jessie J, die Werbung für ihre neue Musik machten. Dazwischen wurde Werbung für eine Marke mit vier Ringen im Logo gemacht oder ein Automobilhersteller aus Ingolstadt beworben. Der Wettkönig konnte sogar einen Audi gewinnen!
Blau in Blau, eine vortreffliche Kombination
Vor allem während der Wetten, die ja irgendwie auch Bestandteil von "Wetten, dass..?" sind, wirkte Gottschalk bisweilen sympathisch zerstreut. Immer wieder sprang ihm Michelle Hunziker bei, deren blaues Kleid aufs Vortrefflichste mit Gottschalks blauem Anzug korrespondierte.
Von ihrer ursprünglichen Rolle (Anfassen, Aussehen und die Kandidaten fragen, wie sie immer auf so irre Ideen kommen) hat sich die Schweizerin emanzipiert. Sie ist zur unentbehrlichen Assistentin eines Chefs geworden, dem immer wieder Wettdetails, Kandidatennamen oder simple Abläufe entgleiten. Man könnte auch sagen, dass er über den Dingen zu schweben beginnt: "Ach Gott, das Mikrofon muss ja noch eingestöpselt werden!"
Wirklich bedenklich wurde es für Gottschalk nur dann, wenn ihm auch noch ein erfreulich fokussierter Michael Herbig die Pointen stahl. Da wettete eine Sportskanone, 15 Klimmzüge machen und dabei 30 Schokoküsse essen zu können. Oder waren es Mohrenköpfe? Negerküsse? Nach turbulenter Debatte einigt man sich auf politisch korrekte Schaumküsse. Wettpate Herbig beruhigend: "Hat aber nichts mit Tollwut zu tun."
Schluck, schwere Not
Bei der Außenwette, moderiert von Olli Dittrich, unterlag eine weitere Sportskanone einem Reitpferd beim Parcours, ein anderer Athlet erklomm eine Rolltreppe per BMX-Rad. Zu beiden fiel Gottschalk ebenso wenig ein wie zu dem Kandidaten, der Bekannte an ihren Schluckgeräuschen identifizierte. Immerhin brachte er bei einem Fitnesslehrer aus Australien, der von Hüpfball zu Hüpfball zu springen trachtete, endlich mal wieder einen seiner gefürchteten Sodomie-Scherze unter, wenn auch sehr gut versteckt: "Hat jeder Australier Känguru-Gene in sich?"
Und das Publikum im Saal hielt er mit routinierten Kalauern über das gerollte R sowie rätselhaften Schlesierwitzen bei der Stange, weil es doch in Franken eine große schlesische Landsmannschaft gibt, was wiederum nur Franken wissen, aber was soll's.
Wie ausgewechselt war Gottschalk, als der elfjährige Hagen aus 100 Titeln von AC/DC fünf aus sechs angespielten Songs innerhalb der ersten drei Sekunden am Riff erkennen wollte. "Der einzige Fan, der ihre Musik nüchtern kennt" (Gottschalk) erledigte die Aufgabe mit Bravour - und spielte anschließend noch "Thunderstruck" auf der E-Gitarre sowie, zusammen mit Peter Maffay, "Highway to Hell". Für ein paar fiebrige Minuten war nicht klar, wer glücklicher war, der kleine Wettprinz oder der große Moderator, enthemmt an der Luftgitarre: "Ich hab ja Bon Scott noch persönlich kennengelernt, ganz großer Moment, meine Radiozeit."
Zur Belohnung gab's für den Jungen eine signierte Gitarre von Angus Young - und später einen jugendarbeitsschutzgesetzwidrigen Platz auf dem Sofa. Und weil eine pünktlich endende Sendung eine gescheiterte Sendung wäre, wurde natürlich überzogen. Am Ende waren es dann insgesamt 3874 Minuten. Auch egal, rein rechnerisch.
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- Sonntag, 09.10.2011 – 09:10 Uhr
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