Abschied von "Wetten, dass..?" Der letzte Tanz

Ein Blinder identifiziert Puzzleteile durch Schnalzen, Cheerleader hängen hüpfend Wäsche auf, Ben Stiller verzieht keine Miene. Die letzte Ausgabe "Wetten, dass..?" fühlt sich an wie eine Beerdigung, bei der sich die Trauergäste um Fröhlichkeit bemühen.

Markus Lanz bei seiner letzten "Wetten, dass..?"-Show: "Alles klaro"
REUTERS

Markus Lanz bei seiner letzten "Wetten, dass..?"-Show: "Alles klaro"


Zum Ende von "Wetten, dass..?" sagte ZDF-Intendant Thomas Bellut einer Sonntagszeitung, das "deutsche Umfeld" sei nun einmal "besonders kritisch". Nicht anspruchsvoll, nicht intelligent, nein, "besonders kritisch", im Sinne von "nie zufrieden" oder "ziemlich verwöhnt".

Und weil dieses "deutsche Umfeld" auch sentimental sein kann, fühlte sich die letzte Ausgabe wie eine dieser Beerdigungen an, bei denen alle Beteiligten sich um Fröhlichkeit bemühen. Er hat ja so gerne gelacht, der Verstorbene.

So war es denn auch weitgehend eher eine Sendung über "Wetten, dass ..?" mit eingestreuten "Wetten, dass..?"-Momenten als wirklich "Wetten, dass..?" (Lesen Sie hier das Minutenprotokoll.)

Jan Josef Liefers, Markus Lanz, Helene Fischer, Ben Stiller: "Seeehr entspannt"
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Jan Josef Liefers, Markus Lanz, Helene Fischer, Ben Stiller: "Seeehr entspannt"

Kaum ein Gast, von Kati Witt über Helene Fischer bis zu Jan Josef Liefers, der von Markus Lanz nicht nach seiner frühestens Erinnerung an die Sendung befragt wurde. Nicht einmal Wotan Wilke Möhring konnte sich mit dem Hinweis aus der Affäre ziehen, er sei ja "lange Punk gewesen".

Punk hin, Punk her, am Ende fiel auch er ein in das Lied vom Lagerfeuer, von aufgeblasenen Wärmeflaschen oder Lastwagen auf Biergläsern oder Schlafanzügen aus Frottee. Um dem kollektiven Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, gab's viele bunte Ausschnitte aus früheren Sendungen zu sehen, allesamt "unvergessliche Momente". Das war so aufregend wie das besinnliche Blättern in einem Fotoalbum.

Vielleicht muss Lanz sein wie Lanz?

Lanz freilich war Lanz, wobei man sich schon fragte, ob er das bei einer Sendung wie "Wetten, dass..?" vielleicht einfach so machen muss, wie er es macht, um wirklich alle Zuschauer "mitzunehmen": Eilig ein "total egal" hinterherschieben, wenn ihm vorher ein deftiges "scheißegal" rausgerutscht ist; klarstellen, dass das ja gar nicht stimmt, wenn die Fantastischen Vier scherzen, sie würden nur noch über ihre Anwälte miteinander kommunizieren; ständig alles und jeden "seeehr entspannt finden" oder, wenn's um soziales Engagement geht, wie in Trance zu sagen: "Es gibt große, große Herzen und viel, viel Bereitschaft, gute Dinge zu tun."

Dann wieder sagte er Dinge wie "alles klaro" oder lobte einen blinden Kandidaten dafür, dass dieser alleine die Showtreppe herunterlaufen konnte. Dem Skirennläufer Hermann Maier bescheinigt er, "den spektakulärsten Sturz aller Zeiten für sich in Anspruch nehmen" zu können und nannte Michael Jackson einen "armen Mensch, eigentlich".

Echtes Interesse zeigte er nicht einmal, als er den ehemaligen Wettkandidaten und heutigen Schauspieler Samuel Koch begrüßte - dessen Unfall in der Show zur Querschnittslähmung führte und den Anfang vom Ende der Sendung markierte. Koch verbinde, so Lanz, "mit der Sendung ein ganz besonderes Band". Er umarmte ihn zur Begrüßung und erklärte zur Sicherheit, man weiß ja nie: "Wir umarmen uns immer, wenn wir uns sehen!"

Koch und Lanz: "Will dich gar nicht lange quälen"
DPA

Koch und Lanz: "Will dich gar nicht lange quälen"

Im Gespräch behandelte er Koch wie ein rohes Ei ("Ich will dich gar nicht lange quälen!"), das aber doch aufgeschlagen werden muss: "Lass uns teilhaben an deinem Leben! Wie geht es dir?" Koch: "Eigentlich ganz okay. Und selber?"

Das letzte Mal, sagte Koch trocken, habe er ja schon vor dem Ende gehen müssen und habe einen "steifen Hals" gehabt. Dabei blitzte bisweilen tatsächlich auf, was diese Sendung in ihren besseren Momenten immer schon sehenswert gemacht hatte - das vielleicht nicht Anarchische, aber doch Ungeplante mit dem Hang zur Groteske.

Etwa in der allerletzten Wette, für die der Kandidat nach dem einmaligen Vorlesen eines unbekannten Textes den exakt 101. oder 207. Buchstaben nennen musste. Oder in dem Augenblick, als die ganze Halle von Otto Waalkes und Bully Herbig zum Singen animiert wurde: "Arrivederci Lanz, das war dein letzter Tanz!" Lanz pikiert: "Jetzt wird's aber ungut".

Hollywood-Star Ben Stiller machte versteinerte Miene zum blöden Spiel - er war augenscheinlich von den zuvor dort gedemütigten Kollegen gut gebrieft worden.

Kinderwette: "Leckt zart"
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Kinderwette: "Leckt zart"

Bei der Kinderwette wollte ein kleiner Jungen anhand ihrer Zungen die Hunde erraten, die ihm Leberwurst vom Handrücken schleckten: "Leckt zart!"

Als es knapp wurde, hörte man deutlich ein zugeflüstertes "Laika", von wem auch immer, und dann war's tatsächlich die Laika. Früher wäre das ein Skandal gewesen, jetzt ist es eben egal.

Ein Blinder identifizierte Puzzleteile mithilfe von Schnalzgeräuschen, Cheerleader hingen hüpfend Wäsche auf, und der Wettkönig kletterte schneller die Fassade eines Parkhauses hoch und wieder herunter, als ein Rallye-Weltmeister innen mit dem Auto durchfahren konnte.

Woraufhin Lanz seinen Ehrenaußenreporter Olli Dittrich aufforderte, den Fahrer zu fragen, woran's denn gelegen habe. Dittrich: "Ich frage doch jetzt nicht: Woran hat's gelegen?"

Um 23.49 Uhr war es dann endlich vorbei. "Wetten, dass..?" hatte mal wieder überzogen, und die überzogene Zeit zog sich zäh und quälend. Vielleicht hat es daran gelegen.



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insgesamt 54 Beiträge
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nurpech76 14.12.2014
1. Wirklich wahr!
Ja, bei solchen Einwürfen wie zu Michael Jackson fragt man sich wirklich aus was für einem Fundus das kommt!? Vom Hocker zu Hause schreibt sich´s leicht, ich weiß schon... Trotzdem, sowas geht einfach garnicht. Wo ist das Fingerspitzengefühl? Welcher US-Talkmaster z.b. würde JEMALS so etwas sagen? Das ist eine Unterhaltungsshow, Herrgott...
mausopotamien 14.12.2014
2. Ich habe schon eine Stiftung!
Am "besten" waren für mich diese Momente: Lanz bittet die Promis für den Wettkandidaten eine Zahl zu nennen: "Bitte nenne uns eine Zahl von 1 bis 500. Aber das sollte schon eine dreistellige Zahl sein!" Nachdem dann mitgeteilt wurde, dass der Kandidat eine dreistellige Zahl bevorzugt, fragte Lanz noch weitere zweimal: "Bitte nenne mir eine Zahl zwischen 1 und 500...." Herr Koch erzählte über seine laufende Planung eine Stiftung zu gründen. Till Schweiger warf kurzerhand ein: " Wer von euch würde diese Siftung gerne unterstützen?" Alle Promis die wissen was sich "gehört" nicken, oder sagen :"Ja ich!" Ausser Katharina Witt: " Ich habe schon eine Stiftung! Und meine Stiftung hat sogar den Herrn Koch unerstützt!" Ganz toll Katharina
nordschaf 14.12.2014
3. Schluss mit dem Dauergenörgel
Wenn man nur will, kann man jede Sendung zerreden. Der Artikel klingt für mich aber eher nach substanzlosem Rumgemaule (da muss doch irgendwo ein Haar in der Suppe zu finden sein...) als nach wirklich begründeter Kritik. Nach Jahren mit Zombie-Moderatoren, in denen die Sendung offenbar auf ein Alzheimer-Publikum zugeschnitten war, hatten wir tatsächlich mit Lanz wieder regelmässig Wetten dass..? gesehen. Obwohl ich zugeben muss, dass das von unseren Kindern ausging, die das irgendwie aus der Schule mitbrachten. Nichtsdestrotrotz endeten wir wie beschrieben mit Eis und Kindern (im Schlafanzug) auf der Couch. Es gibt Schlimmeres, als ab und zu einen Samstagabend als Familie so zu verbringen. Spiessig. Na und? Sich mit Mitte 40 in Klamotten für 20-jährige unter die Teenies zu mischen und zwanghaft die eigene Jugendlichkeit zu betonen, ist nur eine andere Form von Spiessigkeit. Dann doch lieber die Echte mit Salzstangen und Wetten dass..? Für meine Begriffe hätte es keinen Grund gegeben, die Sendung nun zu begraben. Man hätte allerdings beim Konzept von vor dem "Malle-Ausrutscher" bleiben sollen, finde ich. Die Konstellation Cindy&Lanz in Kombination mit ein paar neuen Elementen und einem Schuss Peinlichkeit hat das Ganze schon erfreulich gegen den Strich gebürstet. Schade drum.
naive is beautiful 14.12.2014
4. Es gibt halt TV-Formate...
...die irgendwann nicht mehr funktionieren (eigentlich gilt das ja an irgendeinem Punkt für so ziemlich alle Fernsehformate...). Wetten-Dass funktionierte irgendwann einmal, wann genau ist aus heutiger Sicht schwer erinnerlich, als die Deutsche Fernsehfamilie noch samstagabends einträchtig und chipsknabbernd vorm Fernseher saß und den lovial-kumpelhaften Frank Elsner anhimmelte. Diese Familien gibts aber nicht mehr, und deshalb ist Wetten-Dass inzwischen obsolet, das gefühlt richtige Ende bereits deutlich überschritten und der Abschieds-Tränenvorrat längst verbraucht. Schön war's - irgendwann mal. Jetzt wird's höchste Zeit dass die 'Öffentlich-Rechtlichen' neue, attraktivere Unterhaltungsformate für 2015ff entdecken. Wie wär's mit 'Sünde im Seniorenheim', 'Wer wird Pensionär' oder 'Silbereisen gegen den Rest der Galaxis'? Ein ganz neues Format könnte auch ein automatisches, werbefreies Live-Zappen durch alle einschlägigen Privatsender-Erzeugnisse (oder Konserven) sein, damit der geneigte Zuschauer auch wirklich nichts Wichtiges verpasst, was die Welt gerade bewegt. Das wäre nicht nur informativ sondern auch umweltfreundlich (man bedenke die signitfikante Schonung der Fernbedienungs-Batterien). Zufällig erwischte Werbezeiten könnten durch motivierende Vorschauen auf den nächsten Tatort oder das Wort zum Sonntag überblendet werden. Kaum auszudenken, um welche Monats-Pflichtbeiträge das Fernsehvolk damit durch eingesparte Produktionssummen entlastet würde...
Hokuspokus 14.12.2014
5. Wie niveaulos muss man eigentlich sein...
..um mit einem rein englischsprachigem Gast und Weltschauspieler ein Wortspiel zu machen, dass nur darin besteht, dass sich Spook fast ein wenig so anhört wie "Spuck" und man mit etwas Fantasie doch sagen könnte, dass das wiederum irgendwie von Spucken kommen könnte und das sei sehr witzig. Also das Supertalent war da um Lichtjahre unterhaltsamer. Gott sei Dank ist dieser Mist zuende!
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