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"Wetten, dass..?" in Augsburg: Der Platzhirsch lahmt

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Boris Becker hatte spannende Neuigkeiten angekündigt. Aber leider drehte sich bei "Wetten, dass..?" dann doch wieder alles um unspektakuläre Wetten und altbekannte Couchgäste - von denen immerhin einer von Markus Lanz als Legende erkannt wurde.

Vorweihnachts-"Wetten, dass..?": Wenn Becker die Twitter-Hand durchgeht Fotos
DPA

Eine gute Frage, die Markus Lanz neulich in einem Interview seinen Kritikern stellte: "Handle ich mit Waffen oder verkaufe ich Frauen? Was mach ich denn? Fernsehen." Nun ist aber auch die harmlose Unterhaltungsbranche ganz so harmlos nicht, wie dieser Abend auf groteske Weise zeigte. Um seinen heiklen Job als Hüter des Lagerfeuers der Nation ist Markus Lanz sicher nicht zu beneiden: "Ich wusste, dass ich auf eine Lichtung rausgehe, und die Typen sitzen schon da mit gespannter Flinte."

Stimmt leider nicht ganz. Es handelt sich eher um eine Fernbedienung mit der man jederzeit umschalten könnte. Feine Sache. "Wetten, dass..?" ist zwar noch der "Platzhirsch" (Lanz), mit zuletzt nur 6,5 Millionen Zuschauern aber schon deutlich angeschlagen. Mit grünem Tee in der Thermoskanne, einer Tüte Chips zur Hand und viel Geduld haben wir es uns an diesem Samstagabend bei der Show aus Augsburg bequem gemacht. Leise rieselt der künstliche Schnee auf künstliche Tannen, zwischen denen plötzlich Michael Bublé hervortritt und "Winter Wonderland" singt. Im Duett mit Michelle Hunziker. Schnell ist die Fernbedienung entsichert, schwer liegt sie in der Hand, der Finger schwebt über dem Umschaltknopf. Wird schnell gehen heute, keine Frage.

Was ist das? Da tritt jemand aus einer sich öffnenden LED-Wand, über die mannshoch gestapelt die Buchstaben MARKUS LANZ laufen. Und da ist er. Mit einem Augenzwinkern erklärt er Michael Bublé, warum er ihm Michelle Hunziker nicht für eine Tournee "überlassen" wolle: "Sie war schon mal mit einem Musiker zusammen. Und wir wissen, wie es geendet ist." Haha. Moment mal. Diese überraschend schlüpfrige Übergriffigkeit! Das könnte eben auch ein klassischer Gottschalk gewesen sein. Hm. Besser mal den Finger von der Fernbedienung nehmen und abwarten.

Eine Weile schwafeln Lanz und die wohl jüngst wieder Mutter gewordene Hunziker über das Glück, Kinder zu bekommen. Kinder sind laut Hunziker "eine große Emotion!" Das passt zur Neurausrichtung der Sendung. Für ältere Zuschauer sind Kinder auch eine Emotion. Nun gehen sie gemeinsam herüber zur Couch, bei deren Anblick Hunziker erneut sentimental wird und ruft: "Das ist ja eine Emotion, Mensch!" Kaum sitzen sie, geht's weiter um Nachwuchs: "Das Leben macht nur dann Sinn, wenn man wirklich Kinder bekommt!"

Ina Müller läuft bei Wolfgang Stumph auf Grund

Sie sieht gut aus. Der Finger, wieder am Knopf, juckt ganz entsetzlich. Umso mehr, als jetzt die Saalwette vorgestellt wird. 25 Paare - wir sind in der Stadt der Puppenkiste - sollen am Ende der Sendung als Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer erscheinen. Gruseligerweise ist es eine Marionette, die verfügt: "Jim Knopf muss natürlich geschminkt sein, schwarze Farbe oder Schuhcreme, ganz egal!" Warum das nun? Weil es womöglich nicht genug Schwarze in Augsburg gibt? Weil echte Augsburger unmöglich eine schwarze Hautfarbe haben können?

Ab diesem Moment hängt eine dunkle Wolke über der Sendung.

Während man sich noch einredet, sich verhört zu haben und hofft, das Missverständnis werde sich im Laufe der Show schon klären, kommt der Schauspieler Wolfgang "Stubbe" Stumph hereingetrottet und verbreitet gute Laune. Gemeinsam mit Lanz darf er sich das Video ansehen, wie der Moderator seine verlorene Saalwette vom letzten Mal einlöste und im Trabant von Halle nach Magdeburg gefahren ist. Ossis, Wessis, Trabbis, jetzt kommt gewiss gleich der erste einer ganzen Reihe entsetzlich schlechter Witze. Aber was sagt Lanz mit Blick auf die Schwächen des sozialistischen Automobils? "Ein Zweitakter. Niemand hat die Absicht, einen Viertakter zu bauen." Er sagt das trocken und ohne jeden Versuch, Walter Ulbricht nachzuäffen. Wir haben schon besser gelacht.

Irritierend unfallfrei geht es mit Bully Herbig weiter, der ebenfalls das Sofa würdigt: "Ich kenn ja diese neue Couch noch nicht!" Darauf Lanz: "Ja, ja, irgendwann fährt sie los!" Herbig bewirbt seinen neuen Kinofilm "Buddy", in dem er einen Schutzengel spielt und sich in einer Szene von Howard Carpendale stimmdoublen lässt. Dazu fällt Lanz wie zufällig sein "Lieblingssatz von Howard Carpendale" ein, und es ist tatsächlich eine sehr schöne Textzeile: "Für misch war es nicht so wischtisch, ob was falsch war oder rischdisch." Das ist vielleicht nicht brüllend komisch, aber doch solides "Wetten, dass ..?"-Niveau.

Dass sich mit Björn Ulvaeus von Abba eine "Legende" die Ehre gibt, betont Lanz vielleicht einmal zu viel. Aber er ist nun mal eine Legende, die überdies einer wirklich bizarren Wette beiwohnen darf: Eine Frau errät Abba-Songs am Rhythmus, mit dem ihr Mann Knäckebrot knabbert. Mit Abba-Songs kann man das ja machen.

Unspektakulär, aber liebenswert, sind auch die anderen Wetten. Eine Sportskanone überschlägt sich im Schwimmbad mit dem Jetski, was man nicht nachmachen sollte. Eine Frau zählt im Kopf auf Zuruf die Anzahl von Buchstaben in einem Wort und bringt sie in alphabetische Reihenfolge, was man nicht nachmachen kann.

Peinliche Stadtwette

Eine Schulklasse erkennt lateinische Wörter am Klang, der beim Schreiben auf der Tafel entsteht, wobei Lanz die Lehrerin fragt: "Machen Sie die Geräusche oder die Kreide?" Und langsam sind alle Gäste versammelt. Darunter die raumfüllende Ina Müller, die mit ihren Kindheitserinnerungen bei Wolfgang Stumph hart auf Grund läuft: "Habt ihr auch Hausschlachtung gemacht?" - "Nein, wir hatten nichts zu schlachten." Die Fernbedienung liegt da längst in der Ecke.

Später erscheinen noch Boris Becker und seine Gattin Lilly, was irre lustig ist, weil Lilly Becker und Michelle Hunziker sich von früher "vom Modeln" kennen: "Weißt du noch? In Mailand?" Boris Becker freilich bleibt Boris Becker und verkündet wortreich, dass er nichts Nennenswertes zu verkünden habe.

Und dann wird die seltsame Stadtwette leider wirklich eingelöst. Es erscheinen, man mag es nicht glauben und reibt sich die Augen, tatsächlich Menschen mit Schuhcreme, Kohle oder anderer Schminke als Jim Knopf verkleidet, darunter auch der Bürgermeister und seine Frau. Nichts gegen die Figur des Jim Knopf, die nun einmal ist, wie sie ist - schwarz. Dass aber ein öffentlich-rechtlicher Sender die Organisation eines heiteren "Blackface"-Flashmobs im Jahr 2013 noch für opportune Folklore hält, ist kurios peinlich.

Der Platzhirsch lahmt.

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