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"Wetten, dass..?"-Beerdigung: Jetzt bleibt nur noch der "Tatort"

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"Wetten, dass..?"-Finale: Bye-bye Lanz Fotos
Getty Images

Leberwurst im Gesicht, Legendenbildung auf der Couch, Politiker im Publikum: Die Nation nahm Abschied von "Wetten, dass..?" - und damit vom vorletzten gesamtgesellschaftlichen TV-Ereignis.

10,7 Millionen. 12,5 Millionen. 13,1 Millionen. Das sind Zahlen! Es könnten glatt die Quoten von "Wetten, dass..?" aus den Neunzigerjahren sein - es sind aber die der erfolgreichsten "Tatort"-Folgen der Gegenwart. Und als sollte eine Art Amtshilfe zwischen den Lagerfeuer-Beauftragten von ARD und ZDF geleistet werden, saßen beim dramatischen letzten Drittel der Show gleich drei TV-Ermittler auf der "Wetten, dass..?"-Couch bei Markus Lanz: Wotan Wilke Möhring, Til Schweiger und Jan Josef Liefers, die in den letzten Jahren mit ihren "Tatorten" oben genannte Bestwerte eingefahren haben.

Nun waren sie gekommen, um von "Wetten, dass..? Abschied zu nehmen, dem neben dem "Tatort" anderen über die Jahrzehnte erhalten gebliebenen deutschen Fernsehgroßereignis. Immerhin ging die Quote mit Hilfe der TV-Kommissare noch einmal auf über 9 Millionen. Doch die Show war zuletzt eben doch nicht mehr zu retten - jedenfalls nicht in der jetzigen Form, und schon gar nicht mit Markus Lanz.

Obwohl bei den leicht verkatert wirkenden "Tatort"-Herren der Wille zur Flapsigkeit da war, agierten sie dann doch fast staatsmännisch. Nach seinen frühen "Wetten, dass..?-Erfahrungen befragt, berichtete der aus dem Osten stammende Jan Josef Liefers, seine Heimatstadt Dresden sei ein "Tal der Ahnungslosen" gewesen; durch die ungünstig tiefe Lage habe man kein Westfernsehen empfangen können. Es wirkte nicht so, als glaubte er, damals etwas verpasst zu haben. Und Wotan Wilke Möhring versuchte sich zunächst pogo-mäßig aus der Affäre zu rempeln: "Ich war ja damals Punk." Anschließend erzählte er doch noch bieder die alte Geschichte, wie er in den Achtzigern im Schlafanzug vor dem Familienfernseher saß.

Keine Sorgen, keine Ideale

Das war die gemeinschaftstiftende Erzählung, die sich hartnäckig durch den ganzen Abend zog: Mutter macht Leberwurstbrote mit Gürkchen drauf, die Kleinen dürfen frischgeduscht im Frottee-Zweiteiler auf dem Teppich vor dem Fernseher liegen. Es ist die Folklore der zwischen 1965 und 1975 Geborenen, die Lanz in seiner letzten Sendung dann auch gleich "Generation Wetten, dass..?" taufte.

Stimmt das überhaupt? Lagen wir wirklich alle geschlossen geschrubbt vor dem Fernseher, um drei Stunden lang Baggerfahrer und Bleistiftlutscher anzuschauen? Oder ist das nicht eher eine Legende, die von einer ziemlich langweiligen, ziemlich gestopften Generation erzählt wird, die sonst nichts hat, was sie zusammenschweißt? Keine Nöte, keine Ideale. Das große Leberwurstbrot-Gefühl eben. Das wurde jetzt noch einmal herbeigebetet und zugleich exorziert, als sich nach einer zähen Kinder-Hunde-Wette der ewige Show-Praktikant Elton Leberwurst aus dem Gesicht lecken lassen musste.

Ja, mit Leberwurst ist es vorbei. Aber vielleicht war "Wetten, dass..?" viel weniger das Finger-Food-Familien-Event, das wir zu erinnern glauben, als vielmehr ein Ereignis, bei dem knallhart Medienpolitik gemacht wurde - die große Politik sich aber watteweich geben durfte. Das sind doch auch Bilder, die in Erinnerung geblieben sind: Konservative TV-Intendanten saßen in der ersten Reihe neben sozialdemokratischen Bürgermeistern (oder umgekehrt), und auf der Couch nahm so manche Bundes-Parteigröße Platz, um menschelnd Punkte in der Wählergunst zu sammeln.

Deutsches Honoratiorenfernsehen

Wer es als deutscher Unterhaltungskünstler auf die Couch geschafft hatte, gehörte von da an definitiv zu den A-Promis - musste dafür aber auch gesamtgesellschaftlich liefern. Es wurden Stiftungen gegründet, Patenschaften für strukturschwache Regionen übernommen, sogar Sanierungen ganzer heruntergekommener Städte angekündigt. "Wetten, dass..?" war vor allem Honoratiorenfernsehen, in dem Leute, die es zu etwas gebracht hatten, ihren Einfluss geltend machten. Für die gute Sache. Und für sich selbst.

Ein bisschen von diesem schlaufuchsigen Win-Win-Feeling war auch noch beim dreieinhalbstündigen "Wetten, dass..?"-Abgesang an diesem Samstag zu spüren. Lanz moderierte die Sendung aus Nürnberg mit Fassung, aber manchmal auch mit etwas zu großen Worten. Wie viele Politiker ihm dabei von der ersten Reihe aus zusahen! So saß neben ZDF-Intendant Thomas Bellut der Bayerische Finanzminister Markus Söder (CSU), der es sich nicht nehmen ließ, über Twitter zu verbreiten, dass er einst "Wetten, dass..?" zum ersten Mal in seine Geburtstadt Nürnberg geholt hätte. Ach, da war endlich mal die leidige Maut vergessen!

Einen der größten "Wetten, dass..?"-Momente aller Zeiten - im Guten wie im Schlechten - gab es, als gegen Ende der Sendung Samuel Koch und Til Schweiger einen gemeinsamen Auftritt hatten. Koch, der seit seinem Wettunfall querschnittgelähmt ist, erzählte ziemlich sachlich und klug von seinem Leben und Arbeiten im Rollstuhl; Schweiger, der seinen neuen Film promotete, in dem Koch eine kleine Rolle hat, hielt sich anfangs angenehm zurück. Am Ende berichtete Koch von einer Stiftung, die er ins Leben rufen wolle, und Schweiger versuchte dann doch recht brachial die anderen Couch-Gäste dafür zu gewinnen.

Die ebenfalls anwesende Kati Witt hat allerdings schon eine eigene Stiftung, sie wollte sich da nicht auf eine zweite einlassen. Und überhaupt hatte sich ihre Stiftung ja auch schon um Koch gekümmert.

Meine Stiftung, deine Stiftung: Beim kleinen Schweiger-Witt-Battle bekam man noch mal eine Ahnung, wie geballt einst die gesellschaftlichen Kräfte bei "Wetten, dass..?" aufeinandertrafen und ausverhandelt wurden. Das ist jetzt vorbei. Jetzt gibt es dafür nur noch den "Tatort".

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1.
theodorzaloschnik 14.12.2014
Ja, wir haben es jetzt alle begriffen. Wetten daß.. war in den letzten Jahren einfach nur noch schlecht und niveaulos. Aber es ist jetzt vorbei und man tritt nicht mehr nach, wenn man am Boden liegt. Aber das ist mal wieder so typisch deutsch; meckern und motzen, statt einfach mal ignorieren. Deutschland, das Land der unzufriedenen Miesepeter. Schrecklich.
2. sinnstiftend
uksubs 14.12.2014
war es nicht, das ist wahr! es war im grunde eine dem ganzen leider wohl angemessene abschiedsfeier. und eben drum war auch genau diese szene so bitter amüsant, als schwaiger die anderen da ins boot holen wollte für die stiftung des manuel koch und alle leicht verzögert brav abnickten, quasi so, als dachten sie, naja, ich kann ja mal 50€ überweisen, und aber eben - außer kati witt. die wußte - nach noch längerem zögern - nicht nur von ihrer eigenen stiftung zu erzählen, sondern nach noooooch längerem zögern, dass eben ihre stiftung doch auch anfangs für eben jenen samuel koch eintrat. das kam in etwa so rüber wie: na, soll ich jetzt auch etwas für dessen stiftung tun, wo doch meine damals für ihn etwas tat. ich habe zum ersten mal eine ganze folge wetten dass gesehen und werde es nicht vermissen.
3.
h.hass 14.12.2014
Es wird übrigens niemand gezwungen, samstagabends oder sonstwann die Glotze einzuschalten. Wenn nur Schrott läuft, dann macht man die Empfangsgeräte halt aus, und dann gehen irgendwann die TV-Sender pleite, weil keiner mehr zuschaut. Davon wird Deutschland nicht untergehen.
4.
BruceWayne 14.12.2014
Während meines Studiums im München in den 80er Jahren konnte ich für eine Semesterarbeit ein langes Interview mit Thomas Gottschalk über Wetten, dass führen. Das war sehr interessant, und ich verstehe bis heute nicht, wie es die Verantwortlichen des ZDF haben geschehen lassen können, dass diese mehr simple Idee vollständig versenkt wurde. Das muss man erst einmal hinbekommen. Es lag nicht allein an Herrn Lanz, der Fehler diesbezüglich war es ihn überhaupt machen zu lassen. Es war die immer mehr werdende Verwässerung der Idee. That's it. Period.
5. Die Show wird wiederkommen
hermes69 14.12.2014
wartet mal 2 Jahre ab. Zuerst gibts ein Special "33 Jahre Wetten...dass?!" mit Thommi. Kurze Zeit später startet die Show mit neuem Format und etwas der Zeit angepasst wieder durch. Sicher werden die Einschaltquoten keine zweistelligen mehr sein - macht doch auch nix. Wetten dass..?! ;)
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