"Wetten, dass..?": Es ist vorbei

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Hape Kerkeling hat abgesagt, damit ist das Ende von "Wetten, dass..?" besiegelt - denn jeder Kandidat, den das ZDF jetzt noch aus dem Hut zaubern könnte, hätte den Makel, nur zweite Wahl zu sein. Die zwingende Folge: Die Sendung muss sterben. Ist ja nicht so schlimm.

"Wetten, dass..?": Die Sofaschmatzer Fotos
dapd

Ja, gibt es denn nichts Wichtigeres? Thomas Gottschalk ist nicht tot, er wechselt nur den Sender. Hape Kerkeling hat keine Lust darauf, "Wetten, dass..?" zu übernehmen. Im Dezember will das ZDF einen Nachfolger präsentieren, doch die Zeit wird knapp.

Die Republik starrt gebannt auf die sogenannte Wettcouch, als würde sich ihr Schicksal nicht im Kanzleramt, nicht bei den Verhandlungen um die Euro-Rettung entscheiden, sondern genau hier, bei Gummibärchen und einem Glas Sekt. Online-Medien berichten live, an prominentester Stelle und mit einer Vielzahl von Texten (sollte Sie an dieser Stelle die Logik zwicken: das geht vorbei) - aber warum nur?

Das letzte Lagerfeuer erlischt

Darum: "Wetten, dass..?" ist wichtig - nach wie vor. Es gibt in diesem Land nicht mehr viele Themen, die Millionen von Menschen vereinen, nicht mehr viele Ereignisse, die wie das Lagerfeuer aus der guten alten Zeit erwärmend sind und kommunikationsfördernd zugleich.

Was hält die Nation noch zusammen? Die Währung? Die gemeinsamen Werte? Der Bundespräsident? Na ja. Verlässlichkeit ist Mangelware geworden, nur einer Tatsache konnte man sich noch sicher sein: Am Sonntag nach einer "Wetten, dass..?"-Sendung konnte man sich beim Telefonat mit der Familie darüber austauschen, welche Wetten toll gewesen sind und welche weniger, welche Gäste sympathisch und welche zum Davonlaufen, und vor allem: was dieser Gottschalk da wieder geredet hat. Und was er wieder für Kleider trug! Und am Montag nach einer "Wetten, dass..?"-Sendung hatte man auch in der langweiligsten Bürogemeinschaft Gesprächsstoff für mindestens fünf Minuten. Und fünf Minuten können sehr viel sein und sehr wichtig für die eigene Positionsbestimmung im sozialen Gefüge: Fand man es gut? Oder doof? Hat man es nicht gesehen, weil man schon seit Jahren kein TV-Gerät mehr besitzt? Ein gemeinsames Thema blieb "Wetten, dass..?" in jedem Fall.

Die Absage Hape Kerkelings ist nur allzu verständlich: Wer möchte sich schon dem Stress aussetzen, die Sendung genauso gut wie Thomas Gottschalk zu moderieren, aber bitte doch ganz anders? Wer will sich schon hochjubeln lassen und kurz darauf in die Tiefe gestoßen werden? Wer will, wer kann es riskieren, Gottschalks Nachfolge anzutreten und sich damit auf Dauer von einem halbwegs normalen Leben zu verabschieden? Offenbar niemand.

Nur zwei hätten das nötige Format

Es ist schwer, sich das einzugestehen, aber mit der Absage Hape Kerkelings ist das Ende von "Wetten, dass..?" besiegelt. Selbst wenn das ZDF bis Dezember noch eine erstaunlich mutige Person finden würde, die sich die Aufgabe zutraut, das Hochamt der deutschen Fernsehunterhaltung zu übernehmen - diese Person hätte verloren, schon bevor sie zum ersten Mal die Zuschauer in Deutschland, Österreich und der Schweiz begrüßen konnte. Zu lange haben die Mainzer den zögerlichen Kerkeling umworben. Wer jetzt noch kommt, ist zwangsläufig beschädigt - denn er oder sie wäre nur noch die zweite Wahl. Eine Notlösung.

Für herkömmliche Fernsehschaffende wäre es nicht möglich, diesen Makel jemals abzuschütteln. Um als Retter in der Not auftreten zu können, müsste ein aktueller Gottschalk-Nachfolger also schon jetzt eine so allumfassende Souveränität ausstrahlen, dass niemand auf die Idee käme, ihn als Lückenbüßer zu begreifen.

Im deutschen Fernsehen gibt es nur zwei Männer, die die nötige Erfahrung, das nötige Format haben, leider keine Frau: Günther Jauch und Harald Schmidt. Doch beide werden es nicht machen.

Jauch hat sich gerade erst und nach zähen Verhandlungen auf das Abenteuer eingelassen, mit seiner Talksendung im Ersten als politischer Journalist wahrgenommen werden zu wollen. Zudem wäre er auch als Unterhalter auf der großen Bühne falsch eingesetzt: Sein nach wie vor höchst erfolgreiches RTL-Quiz "Wer wird Millionär?" ist im Grunde ein Kammerspiel, das vor allem getragen wird von den mimischen Reaktionen des Moderators auf die Qualen seiner Kandidaten. Bei "Wetten, dass..?" würde die Kamera kaum Jauchs Antlitz so dauerhaft in Großaufnahme zeigen können wie beim Millionenspiel.

Harald Schmidt hingegen ist gerade erst zurück zu Sat.1 gewechselt und macht nicht den Eindruck, sich von dort noch einmal wegbewegen zu wollen. Der einstige Late-Night-Zar hat sich ein gemütliches, aber leider zunehmend irrelevantes Altersauskommen als Flachwitzmacher geschaffen. Wenn seine Show eingestellt wird, wird es kaum noch jemand merken. Dass Schmidt als familientauglicher Unterhalter ungeeignet ist, weil er, das konnte er nie glaubhaft überspielen, familientaugliche Unterhaltung eigentlich zutiefst verachtet, hat er bereits als Moderator von "Verstehen Sie Spaß?" unter Beweis gestellt.

Wer es könnte, macht es nicht. Wer es wollte, kann es nicht

Nein, da kann man noch so viele Namen durchspielen: Wer "Wetten, dass..?" könnte, wird es nicht machen wollen. Und wer es machen wollte, kann es nicht.

Denkbar wäre, "Wetten, dass..?" zu konservieren - es weiterlaufen zu lassen wie bisher, nur eben ohne Gottschalk. Michelle Hunziker bleibt die zauberhafte und herzliche Assistentin, die sie bisher schon ist, führt durch die Sendung, kennt alle Wetten und Kandidaten, moderiert den Abend, aber stets so, als wäre Gottschalk gerade nur kurz hinter die Bühne verschwunden und würde jeden Moment wieder auftauchen. Eine absurde Vorstellung.

Die andere, die zwingende Möglichkeit: "Wetten, dass..?" wird abgeschafft. Die Medien, die Zuschauer, schließlich auch das ZDF haben ein Einsehen und geben zu: Ohne Thomas Gottschalk geht es nicht. Die Show hatte ihre Zeit. Sie war gut, sie war schlecht. Aber wenn Thomas Gottschalk am 3. Dezember gut nach 23 Uhr die letzten Blumensträuße an die Gäste in Friedrichshafen verteilt hat, dann ist sie endgültig vorbei.

Ist ja nicht so schlimm. Es gibt Wichtigeres.

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insgesamt 212 Beiträge
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1. Titellos glücklich!
kjartan75 06.11.2011
Ich sage nur nahc der Absage Kerkelings: Schöneberger oder Sendung untergehen lassen. Aber ersteres sowie letzteres wird das ZDF niemals machen. Letzteres wohl aus dem einzigen Grund, weil Wetten, dass noch die einzig verbliebene Sendung ist, die überhaupt noch quotentechnisch an RTLs Samstagabendshows und Schlag den Raab heranreichen kann.
2. Kein Verlust
Europa! 06.11.2011
Zitat von sysopHape Kerkeling hat abgesagt, damit ist das Ende von "Wetten, dass..?" besiegelt - denn jeder Kandidat, den das ZDF jetzt noch aus dem Hut zaubern könnte, hätte den Makel, nur zweite Wahl zu sein. Die zwingende Folge: Die Sendung muss sterben. Ist ja nicht so schlimm. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,796139,00.html
Das Ende dieses speziellen Schwachsinns wäre wirklich ein Segen für das Programm - und eine Labsal für gequälte Gebührenzahler.
3. ^^
hundini 06.11.2011
Wie wärs mit: Westerwelle, Rösler oder Lindner... oder Beckstein, Stoiber oder Seehofer... oder gar Öttinger... Die sind durch die Bank unnütz... und Samstag Abend haben die bestimmt Zeit... Oder macht eine Kochshow draus, mit Muttis Rezepten aus Meck-Pomm...
4. Nix ist vorbei
awbferdi 06.11.2011
Zitat von sysopHape Kerkeling hat abgesagt, damit ist das Ende von "Wetten, dass..?" besiegelt - denn jeder Kandidat, den das ZDF jetzt noch aus dem Hut zaubern könnte, hätte den Makel, nur zweite Wahl zu sein. Die zwingende Folge: Die Sendung muss sterben. Ist ja nicht so schlimm. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,796139,00.html
Hiermit schlage ich vor, Thomas Gottschalk durch den Nachfolger Thomas Gottschalk zu ersetzen. Ansonsten hagelt es betrübte Familienmütter und Familienväter. Auch die CDU kann es nicht. Grüetzi. f.
5. es ist schon längst vorbei...
deepocean 06.11.2011
Zitat von sysopHape Kerkeling hat abgesagt, damit ist das Ende von "Wetten, dass..?" besiegelt - denn jeder Kandidat, den das ZDF jetzt noch aus dem Hut zaubern könnte, hätte den Makel, nur zweite Wahl zu sein. Die zwingende Folge: Die Sendung muss sterben. Ist ja nicht so schlimm. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,796139,00.html
... der Wechsel, bzw. Abgang von Gottschalk wird ein ums andere Mal in die Länge gezogen.... und wieder einmal könnet man gestern eine ach so tolle Überraschung für den Moderator erleben.... das ZDF hat den Zeitpunkt verpennt einen speditiven Wechsel durchzuführen...und das ganze erhält jetzt pseudo-melodramatsiche Züge... die Zeit der grossen Samstag Abend Shows scheint vorbei, und Wetten Dass eine Art Dinosaurier... Dass Kerkeling es nicht macht ist gut so; seine Stärken dürften woanders liegen (spricht für ihn, dass er das wohl auch erkannt haben dürfte), albern nur daraus eine Staatsaffäre zu machen... Hm, von den Namen die im Artikel, bzw der Fotoreihe aufgeführt sind, scheint mir einzig Geissen geeignet; er verkörpert eine gewisse Dynamik und hat Witz, was gut zu der Sendung passen könnte....
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