"Wetten, dass..?" Löscht das Lagerfeuer!

Mit viel Trara nimmt Thomas Gottschalk Abschied von "Wetten, dass..?". Nach ihm hat die Sendung kaum Chancen für die Zukunft - im Fernsehen lässt sich kein gesellschaftlicher Konsens mehr herstellen. Das ZDF sollte seinen alten Show-Dampfer endlich abwracken.

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Deutschland starrt gebannt auf den Bildschirm, am Samstag hebt Thomas Gottschalk im ZDF ab, verlässt die größte Unterhaltungs-Station im deutschen Fernsehen, um künftig völlig losgelöst durch den ARD-Vorabend zu schweben. Die Suche nach einem Nachfolger läuft derweil auf Hochtouren.

Vollkommen angemessen also, dass man im Zweiten - halb verzweifelt, halb berauscht von der Wichtigkeit des Ereignisses - das Ende der Ära Gottschalk anzählt: Bereits um 19.25 Uhr werden die Zuschauer mit der Sondersendung "Wetten, dass..? - Der Countdown" auf dieses Event nationaler Bedeutung eingestimmt. Die Mondlandung war ein Klacks dagegen.

Ganz ehrlich: Das war die Mondlandung im Vergleich wirklich! Denn der Versuch, einen Unterhaltungsheini zu finden, der auf dem ZDF-Prestigeplatz bestehen könnte, erscheint zur Zeit sehr viel aussichtsloser als aus dem Blickwinkel von 1969 die Idee, Menschen dauerhaft auf einem Erd-Trabanten abzusetzen, auf dem es keine Luft zum Atmen gibt. Die Überlebenschancen jedenfalls sind auf dem Mond größer als im Zweiten.

Und das hat gar nicht unbedingt etwas mit der Größe Gottschalks und der Piefigkeit aller anderen möglichen Kandidaten zu tun. "Wetten, dass..?" ist schlicht und einfach eine Sendung, die in ihrer bisherigen Form nicht im Fernsehen der Zukunft bestehen kann. Das sprichwörtliche Lagerfeuer, vor dem sich die Fernsehnation versammelt, um Heiteres und Besinnliches zu verbreiten, das durch alle Generationen verstanden werden kann, wird man schon bald nicht mehr entfachen können.

J.Lo gegen Dorfdisco-Brumme

Gottschalk ist wohl der Erste, der das ahnt. Anlass für seinen Abschied bei "Wetten, dass..?" mag der folgenschwere Unfall des Wettkandidaten Samuel Koch im Dezember letzten Jahres gewesen sein, die tiefere Ursache jedoch die Aufgabe, den Show-Klassiker als gemeinschaftsstiftendes und quotenstarkes TV-Ereignis zu präsentieren. Das zu erfüllen, war von Jahr zu Jahr schwieriger geworden.

Durch Casting-Formate wie "Deutschland sucht den Superstar" oder durch Survival-Soaps wie das RTL-"Dschungelcamp" war der Konkurrenzdruck extrem hoch geworden: Die Sendungen kratzten im Gesamtmarktanteil gefährlich an der Spitzenposition von "Wetten, dass..?", in der (durchaus auch vom ZDF) umgarnten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen hängten die kleinen, billig produzierten Programme Gottschalks aufwendigen Promi-Auflauf im Zweiten sogar streckenweise ab.

Das neue, unübersichtliche Star-System, das die Privatkonkurrenz in den letzten Jahren entwickelte, stellte Gottschalk vor eine schwierige Aufgabe: Seine Stars konnten kaum gegen die Instant-Helden anstinken, die RTL sich kostenneutral heranzog: Eine Dorfdisco-Brumme in "Deutschland sucht den Superstar" - in der neuen Aufmerksamkeitsökonomie des Fernsehens besaß sie auf einmal die gleiche Strahlkraft wie eine im Privatjet eingeflogene Jennifer Lopez. Ein Kakerlaken fressender Ex-Promi im "Dschungelcamp" - er bot plötzlich den gleichen Gesprächsstoff wie zuvor der Großschauspieler Götz George bei seiner legendären "Wetten, dass..?"-Hasstirade.

Erfolgsmodell Internet-Butze?

Das Abseitige ist der neue Pop, die Nische der neue Mainstream: Gottschalk - das darf man an diesem Wochenende des "Wetten, dass..?"-Abschieds nicht vergessen - ist im Grunde genommen der Erste, der diesem großen Bedeutungs-Umbau im deutschen Fernsehen Rechnung trägt. Wenn er ab dem 23. Januar viermal pro Woche für die ARD in seinem interaktiven People-Format "Gottschalk live" antritt, wird er dort genau jene Leute vor die Kamera holen, die er vorher eher nicht in seine Sendung gelassen hat: YouTube-Stars, die mehr Klicks haben als Shakira CDs verkauft, Unterhaltungs-Hasardeure, die mit einer einzigen Aktion im Internet kurzfristig mehr Aufmerksamkeit erzielen als Til Schweiger mit seinem neuen Komödienhit.

Sicher, die Chancen, dass der 61-jährige Gottschalk mit seiner Internet-Butze dauerhaft Erfolg im Ersten hat, sind bescheiden. Und doch sehr viel besser, als dass sein Nachfolger mit Lopez und George, Shakira oder Schweiger auf der Gästeliste an alte "Wetten, dass..?"-Erfolge anknüpfen könnte. Das weiß natürlich jeder potentielle Kandidat für den Posten, deshalb all die vielen Absagen.

Was kann also überhaupt noch mit der ZDF-Verschiebemasse "Wetten, dass..?" angestellt werden? Zwei Varianten sind vorstellbar:

Szenario 1: Die Unterwanderung

Vertreter der jungen Moderatoren-Generation schnappen sich das Format, pfeifen auf den gesellschaftlichen Konsens und bauen sich "Wetten, dass..?" für ihre Klientel schön schräg, schön ironisch um. Ergebnis: die alten Zuschauer wären futsch, bei den jungen könnte man eventuell sogar wieder "Deutschland sucht den Superstar" auf die Ränge verweisen. Durchaus vorstellbar, dass dieses Szenario mit den ZDF-Oberen zu machen ist.

Man schielt ja schon sehr aufs junge Publikum, hat sogar ein paar der alten Volksmusik-Programmplätze ausgemistet - und mit Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf zwei mögliche Kandidaten für eine Umgestaltung in diese Richtung auf der Gehaltsliste. Die beiden Ex-MTV-Bubis sind übrigens auch die einzigen beiden halbwegs namhaften Moderatoren, die noch nicht öffentlich bekundet haben, dass sie auf keinen Fall "Wetten, dass..?" übernehmen würden. Demnächst moderieren sie die ZDF-Silvester-Gala. Ein Testlauf für größere Aufgaben?

Problem: Winterscheidt und Heufer-Umlauf sind quotentechnisch nicht ganz die Goldjungs, für die man sie in den ZDF-Gruften auf dem Mainzer Lerchenberg hält. Ihre Show"Neo Paradise" etwa zog bei ZDF-Neo lediglich 20.000 Zuschauer, das ist selbst für einen Digitalsender bescheiden.

Szenario 2: Das Ausweiden

Diese Variante folgt der Idee, dass man eine einst große Marke bis zum bitteren Ende kaputtreitet. Das Kalkül dahinter: Egal, wie uninspiriert man "Wetten, dass..?" auch in Zukunft in Szene setzt, die Show würde über Jahre allein durch ihren Titel und durch ihren Programmplatz immer mehr Zuschauer als eine frische Sendung mit neuem Namen anlocken.

Zur Präsentation einer solchen Markenabwrackung bräuchte man einen Universal-Moderator, der die einstige Vorzeige-Show mit dem gleichen professionellen Gleichmut wie bei einer Autohauseröffnung durchzieht.

Beispiel? Guido Cantz zeigt zur Zeit in der ARD, wie sich diese Version von "Wetten, dass..?" anfühlen könnte. Seit einiger Zeit moderiert die Karnevals-Mietnase den einstigen Evergreen "Verstehen Sie Spaß?" - und hält das inzwischen recht betagte Publikum zwischen den Lockvogel-Aktionen mit abgehangenen Pointen bei Laune. Klar, so kann man sein einstiges Vorzeigeobjekt auch noch ins nächste Jahrzehnt schleppen.

Nein, wirklich verlockend erscheint keine der beiden skizzierten Varianten. Man wird sie nicht alle wieder zusammenkriegen, die Generationen und die Schichten. Das große Lagerfeuer von einst glimmt nur noch. Vielleicht löscht man es lieber ganz, bevor sich jemand die Finger verbrennt.


Natürlich nimmt auch SPIEGEL ONLINE die letzte "Wetten, dass..?"-Sendung mit Thomas Gottschalk so wichtig wie die erste Mondlandung: Zeitgleich zum ZDF-Countdown um 19.25 Uhr tickern Stefan Kuzmany und Stefan Niggemeier live die wichtigsten Ereignisse mit.

insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
gambio 03.12.2011
1. Bye bye
Zitat von sysopMit viel Trara nimmt Thomas Gottschalk Abschied von "Wetten, dass..?". Nach ihm hat die Sendung kaum Chancen für die Zukunft - im Fernsehen lässt sich*kein gesellschaftlicher Konsens mehr herstellen. Das ZDF sollte seinen alten Show-Dampfer endlich abwracken. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,801139,00.html
Ich hab in 25 jahren vielleicht maximal 2 Stunden von wetten dass gesehen und wenn ich ehrlich bin hat mir diese abstinenz nicht geschadet.
Wattläufer 03.12.2011
2. Hunziger !
Lasst doch mal die Hunziger ran ! Die hat sich vom naiven Blondchen zu einer ernstgenommenen Moderatorin entwickelt. Die haut nix um, sieht Klasse aus, kennt sich aus im internationalen Umfeld und bleibt immer cool wie man bei dem Unfall gesehen hat. Ansonsten unterhalten die immer gleichen Promis sich sowieso untereinander. Der Moderator muss nix machen.
deefens 03.12.2011
3. Bus, Leute, interessiert
Zitat von gambioIch hab in 25 jahren vielleicht maximal 2 Stunden von wetten dass gesehen und wenn ich ehrlich bin hat mir diese abstinenz nicht geschadet.
Aber zu nem Kommentar hat es natürlich dennoch gereicht. Mit dem üblichen Null-Content versteht sich
Pepito_Sbazzagutti 03.12.2011
4. Nachfolger
Zitat von gambioIch hab in 25 jahren vielleicht maximal 2 Stunden von wetten dass gesehen und wenn ich ehrlich bin hat mir diese abstinenz nicht geschadet.
Viel mehr kommt bei mir auch nicht zusammen. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich einmal ein Stück ein Folge gesehen, in der Curd Jürgens (!!) zu Gast war. Aktueller Bezug: Stellt Thomas Gottschalk heute Abend seinen Nachfolger vor? Oder ist er selbst sein Nachfolger? Man weiß ja nie :-)
Hölderlinkarussell 03.12.2011
5. Mit nach Hause nehmen Herr Gottschalk
Zitat von sysopMit viel Trara nimmt Thomas Gottschalk Abschied von "Wetten, dass..?". Nach ihm hat die Sendung kaum Chancen für die Zukunft - im Fernsehen lässt sich*kein gesellschaftlicher Konsens mehr herstellen. Das ZDF sollte seinen alten Show-Dampfer endlich abwracken. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,801139,00.html
Ja, Herr Admin. Bin ganz ihrer Meinung ;o) Wenn dem ZDF keine andere Show einfällt, könnten sie am Samstag Abend mal einen Spielfilm ausstrahlen. Die Filmrechte sind bestimmt günstiger, als dieses Mallorca- und Türkeigehansel vom Gottschalk. Irgendwann ist es doch genug und dermassen abgeledert, dass wir zuhause "Wetten dass..?" schon seit Ewigkeiten nicht mehr anschauen.
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