"Wetten, dass..?" in Karlsruhe Die Show für die schweigende Mehrheit

Eine Oase der Gemütlichkeit im Auge des Shitstorms: Allem Online-Bashing zum Trotz absolvierte Markus Lanz "Wetten, dass..?" ohne größere Peinlichkeiten. Mit Fußball und Herrenwitz lullte er die Zuschauer wohlig ein - so will es das ZDF offenbar haben.

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Buhrufe gab es schon mal nicht zu Beginn der ersten "Wetten, dass..?"-Sendung des neuen Jahres. Was darauf schließen lässt, dass die knapp 200.000 Unterzeichner der Online-Petition gegen Moderator Markus Lanz auf die Schnelle keine Tickets mehr bekommen haben, oder ihnen ganz einfach die Fahrt nach Karlsruhe bei Minusgraden zu beschwerlich war. Ein Mausklick auf dem heimischen Sofa ist da schon bequemer. Aber vielleicht ist das alles auch gar nicht so wichtig, wie es drei, vier Tage lang den Anschein hatte.

Markus Lanz jedenfalls wurde vom zuvor animierten Publikum ordentlich beklatscht und bejubelt, am Samstagabend um 20.15 Uhr war die Welt vorerst wieder in Ordnung, zumindest im ZDF, der letzten Instanz für Realitätsflucht und wurstige BRD-Nostalgie im deutschen Fernsehen: Twitter-Shitstorm und Online-Mobbing, all das wirkt gegen "Wetten, dass..?" so futuristisch wie die zynischen Konkurrenz-Shows bei RTL, wo zeitgleich geltungssüchtige Menschen erst durch die Bohlen-, dann durch die Dschungel-Mangel gedreht wurden.

Niemand hätte von Lanz an diesem Abend erwartet, dass er etwas zu seinem unrühmlichen Wagenknecht-Interview und dem folgenden Internet-Tribunal sagt. Er tat es trotzdem, mit leicht heiserer Stimme und ein bisschen angespannt wirkend: Er habe sich ja vorgenommen, "es im neuen Jahr etwas gemütlicher angehen zu lassen", sagte er. Und "mit Blick auf die vergangenen Tage" sei ihm das auch schon "hervorragend gelungen". Sollte wohl heißen: Ihr könnt mich alle mal. Schon in Ordnung: Der Mann ist Show-Profi, er weiß: Jede Publicity ist gute Publicity. Und wenn der ganze Trubel dafür gesorgt hat, dass mal wieder mehr Menschen "Wetten, dass..?" einschalten, und sei es nur, um zu schauen, ob ihm wieder was Peinliches passiert, dann konnte ihm das angesichts schwindender Quoten nur recht sein.

Ausgerechnet in dieser, von Boulevard-Medien schon zur Bewährungsprobe stilisierten Show, passierte rein gar nichts, worüber man sich so richtig aufregen könnte. Mit der Einschränkung freilich, dass Lanz nach wie vor verkrampft wirkt, zu aufgesetzt grimassiert und lacht, am liebsten über seine eigenen Zoten. Aber gemessen an den teils katastrophalen Ausfällen der jüngeren Ausgaben war's regelrecht solide. Was die ganze Sache natürlich nicht spannender machte. Aber Unterhaltung soll beim ZDF ja auch nicht auf- oder anregend sein, sondern einlullen.

"Ja, irgendwas bleibt immer"

Gemütlichkeit war dann nämlich tatsächlich Programm, sowohl bei den Wetten, als auch bei den Paten und den musikalischen Gästen. Ein Kandidat warf Plastikflaschen auf einen Pfandautomaten, ein anderer hüpfte einbeinig Leitern hoch, um Glühbirnen auszutauschen, ein Österreicher raste gegen den "Herminator" Hermann Meier mit dem Auto eine Skipiste runter - und ein Knirps aus Norddeutschland erkannte Fußballer auf Panini-Bildern nicht an ihren Waden, wie man hätte vermuten können, sondern an ihren Frisuren. Auf dem Sofa saßen der lebende Herrenwitz Atze Schröder, der erst mal ein Lob an die deutsche Hausfrau aussprach, der Fußballer Max Kruse, der Altrocker Peter Maffay und kurzzeitig Hollywood-Star Liam Neeson, mit dem Lanz jedoch wenig anfangen konnte (Neeson, selbstironisch: "Einmal ein Jedi-Ritter, immer ein Jedi-Ritter." Lanz, selbstreflektierend: "Ja, irgendwas beibt immer.").

Aber mal ehrlich: Fußball! Pfandflaschen! Maffay! Es war, als wollte es sich die ZDF-Redaktion diesmal ganz besonders bequem auf dem Bierbauch des 50-plus-Publikums machen. Niemand, wirklich niemand, sagte irgendetwas von Belang, und das lag nicht nur an den blöden Fragen von Markus Lanz. Hier hätte man sich etwas mehr von dem Eifer gewünscht, den er bei Sahra Wagenknecht gezeigt hatte, aber das hätte ja gegen das Gemütlichkeitsgebot verstoßen. "Es ist der Wahnsinn, es ist der pure Wahnsinn hier", kommentierte Außenwetten-Hiwi Matthias Schweighöfer einmal krakeelend. Man wusste nicht so genau, ob es ein Witz war.

Die erste Frau - sieht man von den zu Stichwortgeberinnen degradierten Mirjam Weichselbraun (Außenwette) und Regina Halmich (Stadtwette) ab - kam dann nach geschlagenen zwei Stunden, als die Mehrheit zum Dschungelcamp rübergezappt haben dürfte, in Gestalt der schwangeren Yvonne Catterfeld. Tiefe Verunsicherung bei Lanz: "Setz dich erst mal, wir machen uns Sorgen", sagte er, ganz Patriarch. Später, bei einer mäßig spannenden Wette mit einer Hochbegabten, die eine Stecknadel im Stecknadelhaufen finden musste, fragte er die Sängerin und Schauspielerin dann noch, ob sie sich in ihrem Zustand überhaupt vorbeugen könne. Genervte, Lanzens Frauenbild entlarvende Antwort von Catterfeld: "Ich bin doch nicht behindert."

Lasst den Bergdoktor ran!

Das Problem ist ja: Thomas Gottschalk war noch viel oberflächlicher, selbstverliebter und sexistischer als Lanz, im Gegensatz zu seinem Nachfolger besaß er jedoch genug charmierende Bräsigkeit, um damit durchzukommen. "Wetten, dass..?" als Show-Alternative für die schweigende Mehrheit funktioniert im Grunde prächtig, nur Lanz fügt sich einfach nicht ein, er ruht einfach nicht genug in sich selbst.

Wie es geht, zeigte ihm der aus Crosspromotion-Gründen eingeladene Schauspieler Hans Sigl, der als Bergdoktor im ZDF enorme Popularität genießt. Ein gemütlicher, graumelierter Mann, der ein bisschen so wirkt wie Bastian Pastewka in seiner Volksmusikantenrolle, nur eben nicht parodistisch. Der Österreicher stahl Lanz beim Kommentieren der Außenwette die Show und gab dann noch im Duett mit Peter Maffay einen passablen Interpreten des gesamtdeutschen Schunklers "Über sieben Brücken musst du gehen" - mit Abstand der beste Moment der Sendung. Sigl als singende, selbstironische, saftige Germany-Version eines Jimmy Fallon, das könnte funktionieren.

Liebe ZDF-Verantwortlichen, denkt doch im Sinne der allgemeinen Entspannung mal darüber nach. Mit jüngst fast sieben Millionen Zuschauern hat "Der Bergdoktor" eh schon fast höhere Einschaltquoten als "Wetten, dass..?".

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 693 Beiträge
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Seite 1
divb0 26.01.2014
1.
Nach dem ersten Absatz hab ich aufgehört. Die Schlussfolgerung, die Sache mit Lanz' gebührenfinanzierten Totalausfällen sei nicht so wichtig, weil keine Buhrufe kamen, ist das unsinnigste was ich seit gestern Abend auf spon gelesen habe. Aber es kommen ja keine Buhrufe, weswegen man schließen kann der spon betreibe guten Journalismus.
eryx 26.01.2014
2.
Es ist schon ziemlich komisch, dass der Spiegel sich dann anscheinend auch zu den Boulevardmedien zählt, so sehr man sich hier für diese Online-Petition eingesetzt hat und so sehr man eben seit Monaten Wetten, dass...? herunterschreibt. Der Spiegel mag Herrn Lanz also nicht und versucht das überall heraushängen zu lassen. Das ist mir schlichtweg zu simpel und offensichtlich. Ich mag den Lanz übrigens auch nicht, schaue mir seinen merkwürdigen Talk selten an, Wetten dass...? habe ich schon unter Gottschalk nicht mehr geschaut. Aber hier ist eben von Anfang an klar, dass man sofort das Haar in der Suppe sucht und es natürlich auch findet. Also bitte lieber Spiegel, probiert es nochmal, aber diesmal vielleicht ergebnisoffen.
Claudia_D 26.01.2014
3.
Zitat von sysopDPAEine Oase der Gemütlichkeit im Auge des Shitstorms: Allem Online-Bashing zum Trotz absolvierte Markus Lanz "Wetten, dass..?" ohne größere Peinlichkeiten. Mit Fußball und Herrenwitz lullte er die Zuschauer wohlig ein - so will es das ZDF offenbar haben. "Wetten, dass..?" mit Markus Lanz: Lasst den Bergdoktor ran! - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/wetten-dass-mit-markus-lanz-lasst-den-bergdoktor-ran-a-945578.html)
Diese positive Rezension ist jetzt auf einmal nicht von ungefähr eine solche. Merket: eure Leser sind nicht blöd. Auch, wenn sie einmal im Jahr das Dschungelcamp gucken.
jonas4711 26.01.2014
4. Ach, waren das noch Zeiten,
als sich das Fernsehen noch anständiger und niveauvoller Unterhaltung und nicht seichtem Zeittotschlagen verpflichtet fühlte. Wenn ich die heutigen "Unterhaltungssendungen" mit denen von einst vergleiche, als es noch richtige Moderatoren, wie z. B. Rosental, Kuhlenkampf, Carell, Lou van Bourg und viele andere gab, wird mir schlecht, was heutzutage dem -zugegeben- meist bildungsfernen Publikum angeboten wird. Gut, dass es einen Ausschaltknopf gibt. Für manche Sendungen braucht man den gar nicht zu betätigen, weil sich schon das Einschalten nicht lohnt....
koboldine_2011 26.01.2014
5.
Zitat von Claudia_DDiese positive Rezension ist jetzt auf einmal nicht von ungefähr eine solche. Merket: eure Leser sind nicht blöd. Auch, wenn sie einmal im Jahr das Dschungelcamp gucken.
Dass sich ein Moderator des öffentlich-rechtlichen Fernsehens nicht die Bohne um die öffentliche Meinung schert, verwundert nicht. Anerkennenswert ist daran jedoch nichts, auch wenn der Verfasser des Artikels versucht, das zu suggerieren. Nebenbei: Das Wetten das-Publikum stellt nicht die Mehrheit dar.
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