"Wetten, dass..?": Lanz lernt Loslassen

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Was ist denn bloß mit Markus Lanz los? Der normalerweise dauerverkrampfte Moderator wirkte bei "Wetten, dass..?" am Samstag geradezu entspannt. Während einer Wette mit Luftballons verzichtete er sogar auf ein ziemlich nahe liegendes Wortspiel - obwohl Nena auf dem Gästesofa saß.

"Wetten, dass..?" mit Lanz: Talken, singen, spielen Fotos
DPA

Es gibt nicht viel, was man von Karl Dall lernen kann. Doch als Markus Lanz sich am Samstagabend in Freiburg bei "Wetten, dass..?" bemühte, auf der Couch ein Gespräch mit Dall in Gang zu bringen, blendete die Regie im Hintergrund ein Zitat des Altkomikers ein, bei dem sich zuletzt "ach wie gut, dass niemand weiß" reimte auf "auf wen und was ich alles scheiß". Markus Lanz ging kaum darauf ein, doch Dalls Pointe muss bei ihm einen Erkenntnisprozess ausgelöst haben, als handelte es sich dabei nicht um Latrinenhumor, sondern um eine Weisheit von existentieller Dimension.

Wenn dereinst die Geschichte von "Wetten, dass..?" geschrieben wird, sollte man sich an diesen Moment erinnern. Es war der, in dem Markus Lanz offensichtlich beschlossen hat, dass es bei großem Stress hilfreich sein kann, auf dieses oder jenes zu - nun, man muss es ja nicht gleich so vulgär ausdrücken wie Dall.

Denn plötzlich wirkte Lanz, dem man in der ersten Hälfte der Sendung die Anspannung, die zum Teil vernichtenden Kritiken nach seinen ersten zwei Auftritten als "Wetten, dass..?"-Moderator und die hämische Presse nach Tom Hanks' herablassenden Kommentaren zu seiner vorigen Show überdeutlich angemerkt hatte, wie befreit. Es mag eine glückliche Fügung gewesen sein, dass sich Dalls Wette, bei der es um Brüder aus Bayern ging, die behaupteten, vierzig Holzarten am Geruch der Sägespäne erkennen zu können ("A ganz a schwierige Sach!"), die sogenannte Lanz Challenge anschloss.

Sieger im Wettsägen

Bei der trat Lanz, das Jackett symbolträchtig abgelegt wie eine schwere Last, im Christbaumfällen gegen einen Jurastudenten aus der Nähe von Stuttgart an. Zu den populären Anekdoten aus der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts gehört ja auch die, dass Kaiser Wilhelm II. nach seiner Abdankung im holländischen Exil einen ganzen Wald kurz und klein gesägt haben soll, um so die Schmach der Weltkriegsniederlage loszuwerden - Lanz, offenbar von vergleichbaren Frustrationen getrieben, fällte die drei ihm zugeteilten Tannenbäumchen in einem Tempo, als wäre der Erste Weltkrieg nichts gegen das, was er seit seinem Debüt alles hatte schlucken müssen. Das Wettsägen gewann er eindeutig.

Danach nahm die Sendung merklich Fahrt auf. Souverän meisterte Lanz auf Englisch den Smalltalk mit Rihanna, nachdem die ihren Song "Diamonds" vorgetragen hatte - auf einen Simultandolmetscher hatte die Regie verzichtet. Vielleicht ja, weil Tom Hanks im Rahmen seines vielzitierten Interviews nach der "Wetten, dass..?"-Show Anfang November auch die Arbeit des Übersetzers in Bausch und Bogen abgetan hatte: Der habe ihm angeblich nur "bla, bla, bla" in den Kopfhörer souffliert.

Englischsprachige Gäste waren im Kreis der Wettpaten diesmal nicht vorgesehen. Die Gefahr einer neuerlichen loose cannon aus Hollywood war damit gebannt. Dafür kam zwischen Lanz und den Schauspielern Florian David Fitz und Heino Ferch ein erstaunlich lebendiges Gespräch zustande, an dessen Ende Ferch mit Maria Furtwängler eine kurze Szene improvisierte. Furtwängler, die zu Beginn der Sendung mit geradezu mütterlicher Mühe Lanz in seinem Bestreben zur Seite gestanden hatte, die anfangs recht steife Runde in Schwung zu bringen, taute im Zusammenspiel mit Ferch derart auf, dass sie zuletzt halb launig, halb ernst das ZDF angriff: Sie sei der einzige Gast hier ohne Einspielfilm. Und das nur, weil ihr "Tatort" am Sonntag bei der Konkurrenz laufe, bei der ARD.

Nenas esoterische Binsenweisheiten

Lanz parierte Furtwänglers - angesichts ihrer medialen Omnipräsenz ein wenig eitel wirkenden - Beschwerde mit der nötigen Beiläufigkeit und war schließlich derart guter Dinge, dass er es sogar wagte, Nena noch einmal anzusprechen. Auch die war unter den Wettpaten auf der "Wetten, dass..?"-Couch und im Lauf der Sendung irgendwie ins Abseits geraten.

Sollte irgendwann eine Auszeichnung für esoterische Binsenweisheiten vergeben werden, dürfte Nena neben Nina Hagen die aussichtsreichste Kandidatin sein. "Mich lässt gar nichts kalt, dafür ist das Leben viel zu schön" bekannte das einstige Postergirl der Neuen Deutschen Welle und empfahl die "Lotus-Strategie" - vermutlich so eine Art verbaler Tantrasex für all jene Damen, in deren Denken die Luft von zumindest 99 Luftballons Platz hat.

Lobenswert, dass Lanz sich verkniff, Nena auf die Ballons anzusprechen, die bei einer der Wetten eine Rolle spielten: Guido Reiter, ein junger Tiroler Freerunner, brachte die in einer Höhe von zweieinhalb Metern aufgehängten Luftballons mit einem artistischen Highkick, einem Salto mit ausgestrecktem Bein, zum Platzen. Reiter belegte damit in der Wahl zum Wettkönig den zweiten Platz. Der erste ging klar an den Paddelclub Illingen, der in der Außenwette erfolgreich gezeigt hatte, dass zehn Kinder hintereinander in einem 50 Meter langen Hallenbadbecken über eine Reihe von 25 kopfüber getauchten Kajaks samt darin sitzenden kopfüber getauchten Paddlern flitzen können. Dabei erwies eines der Mädchen der Sängerin Pink, die in "Wetten, dass..?" auftrat, ihre Reverenz: Mit einem kleinen Luftgitarrensolo, direkt auf dem Kajak. Beknackt, aber auch ziemlich entzückend.

Traumtänzer mit Sixpack

Die Stadtwette entfiel kommentarlos, dafür löste Lanz seine verlorene Publikumswette aus der vorigen Sendung ein: Ein Auftritt mit den Chippendales, den Sixpack-bewehrten Traumtänzern deutscher Sekretärinnen und anderer Freunde des gutgebauten Männerkörpers. Es war ein sehr kurzer Moment direkt vor dem Abspann, als man Lanz schließlich mit nacktem Oberkörper sah - und gleichzeitig der Höhepunkt einer Sendung, die der Moderator ziemlich nervös begonnen hatte, die mit Auftritten von Alicia Keys und Lang Lang aber geradezu verschwenderisch endete: Eine klassische Samstagabendshow, bei der sich ein Moment so zum anderen fügte, dass zuletzt fast alles stimmte. Wenn Markus Lanz so weitermacht, kann er nur gewinnen.

Auf Karl Dall ist er dann nicht mehr angewiesen.

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insgesamt 144 Beiträge
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1. Sinnfrei
epeplow 09.12.2012
dieser groteske wettlauf zwischen den ÖR-Formaten mit B- und C-"Prominenten" und den Trashformaten der Privaten.
2. Wetten Dass!
albrabe 09.12.2012
Die Show war wieder einmal wie so oft: kurzweilig ( wofür die eingeladenen Gäste Garanten waren), aber ohne echte Höhepunkte. Markus Lanz ist zwar sympathisch, eben ein echter "Schwiegermutter-Typ", aber unfähig, ein Gespräch mit seinen Gästen interessant aufzuziehen. Stereotype Fragen, auswendiggelernte Witzchen: wenn er daran noch arbeitet, wird Gottschalk bald niemand mehr vermissen.
3. Zum Hanswurst
frank314 09.12.2012
sollte sich Lanz nicht machen! Was sollen also die verschwizten Übungen mit Bierkasten auf dem Rücken UND dieser unsäglichen Cindy aus Marzahn?
4. Die ...
midrange 09.12.2012
... Arroganz der Kritiker des Herrn Lanz aus den Reihen der veröffentlichten Meinung in diesem Lande ist ungefähr so groß wie der Unterschied zur öffentlichen Meinung. Zum Glück mus Lanz weder den über ihn schreibenden Journalisten, noch ihren Publikationen irgendwas beweisen. Das permanente Gejaule der Kritiker macht auf mich daher den Eindruck, mit dem Verlust des eigenen Einflusses auf das dumme Fernsehvolk nicht klar zu kommen. Das Publikum emanzipiert sich und das mag die schreibende Zunft nicht, sieht sie doch die Deutungs- uns Bewertungshoheit bei sich.
5. Wetten Dass und DSDS...
holger_s. 09.12.2012
sind sich ähnlicher, als man auf den ersten Blick meinen möchte: Bei DSDS-Castings haben wir es mit Amateursängern (mit i.d.R. ins Groteske übersteigerten Egos) zu tun, die nicht so richtig singen können - der Mehrwert von DSDS-Casting besteht bekanntermaßen aus dem Unterhaltungsmoment der Blamage. Bei „Wetten Dass“ haben wir es mit einem (Amateur)-Moderator zu tun, welcher nicht so richtig moderieren kann. Lösen wir uns doch einfach von der jahrzehntealten, gewohnten Funktionsweise von „Wetten Dass“, denn: Der Unterhaltungswert von „Wetten Dass“ gewinnt durchaus und ungemein, wenn man als Zuschauer lediglich einen kleinen Perspektivwechsel vollzieht und die Sendung fortan auf sich wirken lässt, wie ein Amateurmoderator mit übersteigertem Ego sich freiwillig der Lächerlichkeit preisgibt (Wetten sowie Gäste sind hier ähnlich nebensächliche Staffage wie die Werbeblöcke bei DSDS). Und man kann von Ausgabe zu Ausgabe mitfiebern, OB Lanz - allen Peinlichkeiten zum trotz - auch DIESMAL noch eine Runde weiterkommen wird, oder ob er, der Menderes des ZDF, vielleicht HEUTE rausfliegt (letzteres in diesem Zusammenhang sicher wohl gleichbedeutend mit der endgültigen Einstellung des Formats).
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