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24. Februar 2013, 08:29 Uhr

"Wetten, dass..?"

Am Ende jubelt Olivia Jones

Von Torsten Landsberg

Seit Markus Lanz das Zepter schwingt, sollen Hollywood-Stars nicht mehr vorzeitig "Wetten, dass..?" verlassen. Die Quittung kommt in Sendung fünf: Statt Prominenten aus der Traumfabrik nehmen zwei Dschungelcamper auf dem Wettsofa Platz. Der Moderator findet trotzdem alles "spektakulär".

Eigentlich ist es ja schon vor drei Jahren vorbei gewesen. Finito, endgültig. Thomas Gottschalk hatte im Februar 2010 nicht einmal mehr acht Millionen Zuschauer für "Europas einzigartige Live-Sendung", wie "Wetten, dass..?" gegenwärtig vom ZDF beschrieben wird, begeistern können. Dabei waren es früher doch locker doppelt so viele. Weil aber bis heute kaum ein Fernsehschaffender gerne zugibt, dass veränderte Sehgewohnheiten zu sinkenden Einschaltquoten und folglich zu abnehmender Bedeutung verschiedener Sendungen und des Mediums allgemein führen, gibt es "Wetten, dass..?" halt immer noch.

Überdies sollte mit Markus Lanz auch die Jugend zu "Wetten, dass..?" zurückkehren. Eine schöne Idee mit fast romantischen Zügen. Gegen den Zuschauerschwund und also die Treulosigkeit des jungen Publikums wurde bekanntlich die Maßnahme gesetzt, Hollywood-Stars fortan über die gesamte Länge der Show ans Wettsofa zu fesseln. Was darin mündete, dass Tom Hanks, traumatisiert von drei Stunden deutscher TV-Unterhaltung, später undankbar lästerte, in den USA würde jeder gefeuert, der so eine Sendung verantworten würde.

Diese Anekdote ist notwendig, denn Hanks scheint in Hollywood einigen Einfluss zu haben: In Lanz' fünfte "Wetten, dass..?"-Ausgabe verirrte sich kein einziger Gast aus der Traumfabrik. Das ZDF beeilte sich im Vorfeld, auf die dort anstehende Oscar-Verleihung zu verweisen, was als Grund für die übersichtliche Stardichte recht plausibel klingt. Man möchte es auch gerne glauben, denn über "Wetten, dass..?" herzuziehen, ist ja in etwa so originell wie Witze über die Pünktlichkeit der Bahn - so berechtigt beides auch sein mag.

Dschungelcampisierung der großen Samstagabend-Show

Andererseits machen sie es einem aber auch nicht leicht. Denn Cindy aus Marzahn als Assistentin des neuen Moderators war nur der Anfang: Die Dschungelcampisierung einer einst großen Samstagabend-Show nimmt weiter ihren Lauf. Während in Los Angeles die Roben und Smokings vor dem Gang über den roten Oscar-Teppich noch einmal Probe getragen werden, nehmen im fernen Friedrichshafen an diesem Samstagabend die Dschungelcamper Olivia Jones und Joey Heindle auf dem Wettsofa Platz. Markus Lanz scheint eine große Affinität zur RTL-Trashsendung zu haben, deren Absolventen auch in seiner Talkshow zu den Stammgästen zählen.

Die Technik meint es zu Beginn wieder mal nicht gut, schon Lanz' Premiere im vergangenen Oktober war ja begleitet von Tonproblemen. Die setzen sich nun fort, während Dschungelkönig Heindle gerade über seine Beschäftigung als Sänger referiert, übertönt ihn etwas, das nach Motorrad oder Kettensäge klingt, aber wohl die Gokarts sind, die in der anschließenden Wette einem menschlichen Wagenheber zum Reifenwechsel dienen. Auch die Beleuchtung streikt kurz, als "Tatort"-Kommissar Axel Prahl von den Jobs seiner Jugend erzählt.

Egal, was passiert, so langwierig eine Wette oder nichtig die Erzählung eines Gastes auch ist: Lanz findet alles "sensationell". Aber wenn alles sensationell ist, ist dann nicht auch alles gleich und nichts mehr besonders?

Zumal die Kinderwette einer putzigen Siebenjährigen tatsächlich recht lang werden kann, wenn sie Binärcodes von Worten aufsagt - und der Begriff "Kommissar" aus 72 Nullen und Einsen besteht. Unablässig wird jeder Mist in Zeitlupe wiederholt, etwa die Reaktion des Superstars Justin Timberlake, als er den unfassbaren Sturz des Wettpaten und früheren Skirennfahrers Hermann Meier bei der Olympiade in Nagano 1998 sieht: Timberlake ist schockiert, reißt den Mund auf, in Zeitlupe. Die Runde lacht, das Publikum applaudiert.

Justin Timberlake rettet vieles

Aber was ist eigentlich lustig daran, wenn sich jemand angesichts der Bilder eines sich bei Mordstempo mehrfach überschlagenden Menschen aufrichtig erschreckt? Wie glücklich mag Timberlake sein, dass er nach seinem jahrelangen Ausflug ins Schauspielfach nun wieder singt, was ihm ein Hanks'sches Martyrium auf Lanz' Sofa eigentlich erspart. Als Vollblutentertainer setzt er sich nach der Präsentation seines neuen Songs "Mirrors" aber freiwillig für eine halbe Stunde zu den Wettpaten.

Das rettet vieles, nur Markus Lanz stört ein bisschen. Als Timberlake erzählt, dass er mit seiner Boyband N'Sync einst als Vorband von DJ Bobo durch Deutschland tourte, findet der Moderator das "spektakulär". Nein, lieber Markus, eigentlich nicht, möchte man sagen, es ist eher üblich, dass bis dato unbekannte Künstler vor solchen auftreten, die bereits Hallen füllen.

Aber Lanz ist in Fahrt. Er habe selten einen so netten Menschen kennengelernt, sagt er über Timberlake, was Lanz wahrscheinlich weniger als Affront gegen alle anderen Menschen meint, die er kennt, aber eben doch etwas zu dick aufgetragen ist. Timberlake revanchiert sich nach einer Elvis-Imitation mit der Aussage, dass "Wetten, dass..?" die einzige Show auf der Welt sei, in der er so etwas machen würde. Eine infame Lüge, kennt man doch Timberlakes grandiose Auftritte in der US-Comedyshow "Saturday Night Live" oder neben Jimmy Fallon als Gralshüter der Rap-Geschichte. Als der Sänger von der Freiwilligkeit seines Couchbesuchs Gebrauch macht und aufbricht, spricht Lanz von einem "der größten 'Wetten, dass..?'-Auftritte aller Zeiten".

Der Kreis schließt sich, als Heino auftritt, der jüngst megaprovokant Rocksongs gecovert hat, darunter einen von Rammstein. Bei Lanz singt er aber "Junge" von den Ärzten. Lanz hat sich für die Stadtwette überlegt, dass Heino von 100 Männern in Frauenkleidern begleitet werden könnte. Friedrichshafen, die kleine Stadt am Bodensee, hätte sich von ihrer coolsten Seite präsentieren und die Wette am Arsch vorbeigehen lassen können.

Doch die 100 kommen zusammen, und am Ende jubelt Olivia Jones.

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