SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

13. August 2018, 14:55 Uhr

ARD-Film "Wie gefährlich sind Kampfhunde?"

Lieber Katzen halten

Von

Die TV-Reportage "Wie gefährlich sind Kampfhunde?" vernachlässigt den entscheidenden Faktor: die Menschen, die zu den Hunden gehören.

Nach einer halben Minute beißt der erste Hund zu. Ein Rottweiler attackiert die Kamera, knurrend, fletschend. Eine Mutter berichtet, wie ein Hund ihre Tochter anfiel: "Er stand über ihr und hat auf ihren Kopf eingebissen".

"Gefährliche Bestien oder ganz normale Hunde?" fragt dann die Off-Stimme, als ginge es in der ARD-Reportage "Wie gefährlich sind Kampfhunde?" tatsächlich um eine neutrale Untersuchung, ob von bestimmten Hunderassen tatsächlich größere Gefahr ausgehe als von anderen. Der Radiosender NDR 2 hatte bei seiner Berichterstattung über den American-Staffordshire-Mix Chico, der im April seine beiden Halter tötete, nach Beratung mit der Tiermedizinischen Hochschule in Hannover bewusst auf den Begriff "Kampfhund" verzichtet, weil er bestimmten Hunderassen per se Gefährlichkeit und Aggressivität unterstelle. Für Susanne Brahms und Rainer Krause, die Autoren der Reportage, ist diese Vorbeurteilung kein Problem.

In welche Richtung ihr Beitrag gehen wird, zeigt sich bereits in den ersten Minuten. Es geht um Chico, natürlich, vor dem seine Besitzer so große Angst gehabt hätten, dass sie ihn in einem Käfig hielten, erzählt die Reportage - ohne auch nur für einen Moment nachzufragen, was den Hund derart aggressiv gemacht hatte, als sei seine Gefährlichkeit tatsächlich allein und monokausal rassebedingt. Steckte Chico im Käfig, weil die Besitzer Angst vor ihm hatten, oder musste man Angst vor ihm haben, weil er im Käfig steckte? "Tierquälerische Haltung" sei das wohl schon gewesen, wird später kurz lapidar bemerkt, Chico sei auch krank gewesen.

Tatsächlich ein Gen-gegebenes Rasserisiko?

Noch später wird dann eine Hundetrainerin erklären, wie vom Menschen unentdeckte Schmerzen einen Hund in Extremfällen dazu bringen können, seinen Halter anzugreifen. Ein Bogen zurück zu Chico wird nicht geschlagen, seine tödliche Attacke bleibt als gen-gegebenes Rasserisiko stehen. Kampfhund eben, was will man anderes erwarten.

Um zu zeigen, wie verrückt man sein muss, um trotzdem Partei für diese Hunde zu ergreifen, besucht die Reportage die extremsten Chico-Schützer, die man finden kann. "Für uns ist Chico unser Held, unser Freiheitskämpfer, Chico Vara!" schreit einer von ihnen, nassgeschwitzt und in Rage, bei einer Demo. Natürlich ist das irre. Aus diesen Extremfällen eine Massenmeinung abzuleiten und zu konstatieren, die Solidarität der Menschen läge 2018 bei Kampfhundattacken nicht mehr bei den Opfern, sondern bei den Hunden, seit dem traurigen Fall des sechsjährigen Volkan, der 2000 totgebissen wurde, habe sich die Stimmung in Deutschland gedreht, scheint mindestens effekthascherisch.

Und der Gang der Reporter über eine Zuchtschau, bei der auch Listenhunde ausgestellt und bewertet werden, mindestens naiv: Die seien ja viel kleiner als gedacht, "alle wohlerzogen, geradezu niedlich", anscheinend seien die hier präsentierten Hunde - wie überraschend - auch nicht von ihren Besitzern scharf gemacht, sie lassen sich bestaunenswerterweise ganz arglos von den Wertungsrichtern anfassen. Aber trotzdem stehen sie natürlich unter Generalverdacht, und wenn ihre Besitzer neben dem Wertungsring mit diesen Hunden schmusen, geschehe das "demonstrativ".

Tendenziöse Auslassung von Details

Natürlich lassen sich die schrecklichen Fälle nicht relativieren, in denen Listenhunde Kinder angriffen, töteten oder schwer verletzten. Das sind Bilder und Schilderungen, gegen die sich nicht argumentieren lässt. Trotzdem lässt die Reportage tendenziös Details aus, die ihre Grundthese - alle Kampfhunde sind gefährlich - schwächen könnte. Zum Beispiel die Tatsache, dass der Hund, der Volkan tötete, jahrelang von seinem Besitzer scharf gemacht, dazu sogar mit einer Eisenstange verprügelt wurde. Dass der Hund womöglich nicht deshalb angriff, weil er ein Staffordshire-Mix war, sondern weil er von seinem Besitzer darauf trainiert wurde - diese Sichtweise bietet die Reportage nicht an.

Sie schürt stattdessen die diffuse Angst, man könne jederzeit und überall von einem freilaufenden Kampfhund zermalmt werden. Dass Listenhunde generell einer Maulkorbpflicht unterliegen, wird nicht erwähnt. Man zeigt lieber noch eine verantwortungslose Halterin, die Staff und Pitbull maulkorblos und frei über eine Wiese rennen lässt, die neben einem Kindergarten liegt, und die die Hunde noch dazu illegal hält - in Bremen sind diese beiden Rassen verboten. Sie lege ihre Hand für ihre Hunde ins Feuer, sagt sie, während man sieht, wie ein kleines Kind von einem Tier getackelt und umgeworfen wird - allerdings nicht von einem der beiden Kampfhunde, sondern von dem Golden Retriever, mit dem sie gerade über die Wiese toben.

So interessant eine statistische, verhaltensbiologische Untersuchung zum Thema tatsächlich wäre, so flüchtig wird in dieser Reportage über die wenigen Daten, die sich dazu finden lassen, hinweggescrollt - womöglich, weil die Zahlen nicht zum gewünschten Ergebnis passen.

In der Beißstatistik von Hamburg etwa liegt der American Staffordshire Terrier auf Platz neun, vor ihm im Ranking - man muss den Beitrag kurz pausieren, um das lesen zu können - augenscheinlich harmlose Rassen wie der Mexikanische Nackthund und der Pudelpointer, auf Platz eins der Schwedische Lapphund, eine Hütehundrasse. Verlässliche, länderübergreifende Zahlen für ganz Deutschland gibt es nicht, bedauert eine Tierärztin, und tatsächlich muss man sich an dieser Stelle fragen, warum eigentlich nicht.

Video: Die Tiertherapeutin - Ein Herz für Problemhunde

"Kampfhunde, so der Stand, sind nicht gefährlicher als andere Hunde. Doch sicher ist das nicht", menetekeln die Autoren am Ende, unklar, worauf sie ihre Warnung stützen. Am Ende ihrer Reise wünschen sie sich, "die Menschen würden mehr Katzen und Vögel halten, denn die können besser mit Menschen leben, die immer weniger über Tiere wissen."

Zumindest kommen, wenn diese Arten unsachgemäß und tierquälerisch gehalten werden, keine Menschen zu Schaden, das ist richtig.


"Wie gefährlich sind Kampfhunde?", Montag, 22.45 Uhr, ARD

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH