WikiLeaks-Doku auf Phoenix: Die enthüllten Enthüller

Von

Helden der Wahrheit oder Verräter ohne Verantwortungsgefühl? WikiLeaks polarisiert. Zwei schwedische Filmemacher haben sich auf eine Reise ins Innere der Enthüllungsplattform gemacht. Leider wurde ihrer Doku "WikiLeaks - Rebellen im Netz" eine unnötig krawallige Synchronisation verpasst.

WikiLeaks-Film: An den Fersen von Assange Fotos
PHOENIX/ ZDF/ ORF/ SVT

Ein Verwundeter kriecht über eine Straße in Bagdad, ein Kleinbus hält an, Menschen springen heraus, wollen helfen. Von Bord eines US-Helikopters wird die Szene gefilmt, schwarzweiß, in der Mitte des Bildes ein Fadenkreuz. "Komm schon, lass uns schießen", rauscht es über das Funkgerät. Mit der Bordkanone feuern die Piloten dann auf die Zivilisten. Zwölf Menschen sterben bei dem Angriff am 12. Juli 2007, darunter zwei Fotografen der Agentur Reuters.

Die grausamen Bilder, drei Jahre später ins Internet gestellt von der Enthüllungsplattform WikiLeaks, sind am Donnerstagabend erneut zu sehen. Sie bilden eine der Schlüsselszenen der Dokumentation "WikiLeaks - Rebellen im Netz", die Mitte Dezember im schwedischen Fernsehen ausgestrahlt wurde und nun in einer deutschen Fassung auf Phoenix gesendet wird.

Der Film der schwedischen Journalisten Jesse Huor und Bosse Lindquist erzählt die Geschichte des klandestinen Netzwerks von ersten Enthüllungen über Korruption in Kenia und Giftmüll an der Elfenbeinküste - bis hin zu den geheimen Dokumenten aus den Kriegen in Afghanistan und dem Irak sowie den US-Botschaftsdepeschen.

Kämpfer für freie Informationen

Sechs Monate haben die Filmemacher WikiLeaks-Anführer Julian Assange begleitet, haben mit Weggefährten, Kritikern und beteiligten Journalisten gesprochen. Das Ergebnis ist ein ruhiger, dafür umso eindrücklicher Film. "Was mich am meisten aufregt, sind Menschen, die ihre Macht missbrauchen", sagt Assange zu den Bildern aus dem Hubschrauber. "Warum geschieht das?"

Der Blick hinter die Kulissen deckt zwar keine grundlegenden Neuigkeiten über WikiLeaks auf, liefert dafür aber Einblicke in die Arbeitsweise der Organisation und die Motivation der Beteiligten - darunter die isländische Abgeordnete Birgitta Jonsdottir, der britische Journalist Iain Overton und der deutsche Internet-Aktivist Daniel Domscheit-Berg, Mitglied beim Chaos Computer Club in Deutschland. Sie werden porträtiert als engagierte, aber auch reflektierte Kämpfer für freie Informationen, die von Verbrechen wie dem Angriff auf die Zivilisten im Irak sichtlich erschüttert sind. "Wenn sich jemand unmoralisch oder ungerecht verhält", sagt Assange, "werden wir das herausfinden. Es wird veröffentlicht, und es wird Konsequenzen haben."

Der Ex-Hacker polarisiert bis heute. Für die einen ist er ein Held, ein Kämpfer für die totale Informationsfreiheit und gegen jede Form von Zensur. Für die anderen ist er ein Verräter. Selbst einst treue Weggefährten sehen in ihm mittlerweile einen Egomanen, der sich wichtiger nimmt als die Sache selbst - nämlich WikiLeaks.

Übersetzung deutet um

Doch auch wenn Julian Assange im Mittelpunkt steht, verwendet der Film viel Zeit auf die Hintergründe von WikiLeaks und den Kontext der Veröffentlichungen - zumindest im Original. Denn die deutsche Version, die vom österreichischen Rundfunk (ORF) eine Woche nach dem schwedischen Original ausgestrahlt wurde und nun auch auf Phoenix läuft, kommt im Off-Kommentar krawalliger daher. Beispiel:

Englische Version ORF-Fassung
"WikiLeaks have made public the most extensive and classified military and diplomatic material ever. What they've released is challenging and provoking governments with skeletons in their cupboards all over the world." "Julian Assange, 39 Jahre alt, seit 16. Dezember 2010 aus dem Gefängnis auf Kaution entlassen. Ein Mann mit vielen Gesichtern. Für die einen ein Held der grenzenlosen Information - für die anderen ein Verräter."
"It is only now that the true story of the development of this closed organization is coming to light. But while the world is discussing whether Assange is a rapist or a saint, WikiLeaks continues to pursue their own political agenda." "Während die Welt debattiert, ob der gebürtige Australier Assange, der diesen Cyber-Krieg entfacht hat, ein Held oder ein Halunke ist, arbeitet WikiLeaks weiter."
Kurz vor Fertigstellung der Doku wurde Assange in Großbritannien verhaftet, wenig später auf Kaution wieder freigelassen. Ihm droht die Auslieferung nach Schweden. Dort ermitteln die Behörden gegen ihn wegen des Verdachts auf sexuelle Belästigung in einem minder schweren Fall sowie auf Nötigung. Zwei Frauen hatten entsprechende Vorwürfe geäußert.

Der ORF entschied wegen der Entwicklung, Assange in den Fokus zu rücken. Das hat nun besonders starken Niederschlag in der Übersetzung gefunden. In den ersten Minuten ist in der deutschen Version vor allem von ihm die Rede - die Organisation kommt zunächst nur am Rande vor. Auch hier wird in der Übersetzung noch mal ordentlich dramatisiert. Beispiel:

Englische Version ORF-Fassung
"… the word spreads among activists far and wide on the net, eventually reaching the German Chaos Computer Club, the biggest and oldest club for hackers in the world." "Nur unter den Online-Aktivisten sprach es sich herum, dass es begnadete Enthüllungsrebellen im Internet gab."
"The politically engaged Chaos Computer Club has been fighting a long term battle for free access to information." "Der radikale Chaos Computer Club kämpft für Informationsfreiheit."
Leider ist auch die sachlich-nüchterne Erzählstimme der englischen Fassung in der Übersetzung verlorengegangen. Anstatt sich auf die Interviewten zu verlassen, spitzt der Sprecher der deutschen Version zu: Mehr Krieg, mehr Cyber, mehr Rebellen. Dabei hätte der Film das gar nicht nötig.

Eine Stilblüte ist allerdings schon im Original der Doku enthalten: Die Filmemacher verwenden immer wieder Bilder eines Fotokopierers, um die Weitergabe von geheimen Dokumenten zu illustrieren. Das sieht fein nach Spionagethriller aus - ist aber nur noch eine Reminiszenz an früher: Als der US-Beamte Daniel Ellsberg 1969 einen ausführlichen Geheimbericht der US-Regierung über den Vietnam-Krieg an die Öffentlichkeit bringen wollte, die sogenannten "Pentagon Papers", verbrachte er zunächst Monate am Kopiergerät. In seiner Aktentasche schmuggelte Ellsberg abends Papiere mit nach Hause, die er dann nächtens kopierte und am nächsten Morgen zurückbrachte.

Die Daten für die jüngsten WikiLeaks-Veröffentlichungen soll der mittlerweile verhaftete US-Soldat Bradley Manning indes einfach auf eine CD kopiert haben, der Digitalisierung sei Dank. Die mit "Lady Gaga" beschriftete CD steckte er angeblich in seinen Discman und konnte so ungehindert durch die Kontrollen spazieren.

WikiLeaks-Doku wurde geleakt

Was nun allerdings aus Manning wird, und wie Unternehmen und Staaten WikiLeaks zusetzen, zeigt der Film nicht mehr. So kommt die Enthüllung der US-Botschaftsdepeschen nur noch am Rande vor, ebenso die in Schweden gegen Assange erhobenen Vorwürfe.

Auch dass ehemalige Mitstreiter längst an einem Alternativprojekt arbeiten - ohne den populären wie umstrittenen Assange -, ist kaum mehr als eine Randnotiz. Das kann man den Filmemachern allerdings schwerlich vorwerfen. Seit der Erstausstrahlung Mitte Dezember ist so viel passiert, dass "WikiLeaks - Rebellen im Netz" nach einem zweiten Teil ruft.

Ein weiterer Wermutstropfen: Der ORF hat den Film um ein paar Minuten gekürzt, um ihn in das Sendefenster einzupassen. Weggefallen sind Szenen, die sich mit dem Server-Standort in Schweden und den dortigen Pressegesetzen auseinandersetzen. Auch ein Interview mit einer Hinterbliebenen des US-Angriffs in Bagdad wurde herausgeschnitten.

Wer darauf nicht verzichten möchte, wird im Internet fündig: Netzrebellen haben die englische Fassung online gestellt.


"WikiLeaks - Rebellen im Netz". Donnerstag, 21 Uhr, Phoenix.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 59 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Interessante Formulierung
sirdoom 20.01.2011
Der Chaos Computer Club ist also "radikal"??? Wahrscheinlich wussten die Verantwortlichen Übersetzer nicht mal, das der Club seinen Sitz in Deutschland hat. Kurz mal zu googeln oder in der Wikipedia nachschauen ist bei sowas auch wirklich zu viel verlangt. Ist das jetzt öffentlich-rechtlicher Qualitätsjournalismus, den WDR-Intendantin Monika Piel(352.000 Jahresgehalt/2,14mio € Pensionsfond) immer anpreist? Wenn sie nicht gerade vom Geburtsfehler des Internets faselt("Umsonstkultur/freie Inhalte")...
2. <->
silenced 20.01.2011
Erinnert mich etwas an 'Starship Troopers (http://www.schnittberichte.com/schnittbericht.php?ID=1547)', da hat man durch die komplett falsche Synchronisation/Übersetzung es geschafft, einen vollkommen anderen Film in Deutschland in die Kinos zu bringen. Daß dieses Mittel der Verfälschung immernoch angewendet wird wundert mich nicht wirklich, sowas ist grob fahrlässig und in meinen Augen fast schon eine Straftat.
3. Manipulation, Manipulation, Manipulation
kck 20.01.2011
Ist das schon Manipulation oder nur der Versuch einer Manipulation? Es ist wie bei den Kriegsberichterstattern. Zuerst stirbt die Wahrheit.
4. .
Lightbringer 20.01.2011
Hätte man einfach die unsynchronisierte Version gesendet (was ich bevorzugt hätte), wäre wieder das Geschrei im Lande groß gewesen, wie man nur etwas Englisches senden könne. Mir fällt da nur dieser abgedroschene "Jedes Volk bekommt ..." Spruch ein.
5. "Warum geschieht das"..
a.weishaupt 20.01.2011
Tja, Herr Assange, das geschah, weil die Zivilisten in eine seit mehreren Stunden umkämpfte Zone gefahren sind, in der sich ansonsten nur noch Kämpfer aufhielten. Diese insgesamt schlicht falsch wiedergegebene Geschichte stört mich unheimlich an Wikileaks, die man ansonsten ansich nur loben kann. Derart Tendenziös, dass es an Propaganda grenzt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik TV
RSS
alles zum Thema Televisionen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 59 Kommentare