Starkes "Winnetou"-Remake "Deutscher, hm?" - "Jawoll!"

RTL hat Karl May neu verfilmt. Geht das gut? Ja. Nicht nur, weil Wotan Wilke Möhring seinen Vorgänger Lex Barker mühelos in den Schatten stellt, sondern auch, weil der Film als deutsches Märchen erzählt ist.

RTL

Amerika, in den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts. Menschen aus aller Welt drängen sich auf den Piers von Ellis Island. Hinter sich alte Kontinente, vor sich "die Hoffnung auf ein besseres Leben", wie es in der Einblendung gleich am Anfang heißt. Unter den Migranten ein Mann, der nervös dem Einwanderungsbeamten entgegentritt: "Guten Tag, mein Name ist Karl May." - "Deutscher, hm?" - "Jawoll!" Und ab geht's in der am Rechner tadellos simulierten Eisenbahn und zu jubilierenden Streicherklängen in den wilden, wilden Westen - den der geübte Zuschauer sogleich als kroatische Landschaften erkennt.

"Winnetou", das wird schon nach wenigen Szenen deutlich, ist bei RTL in den besten Händen. Und so bleibt das auch für die folgenden fünf Stunden, die dieser opulente Weihnachtsdreiteiler aus "Eine neue Welt", "Das Geheimnis vom Silbersee" und "Der letzte Kampf" in Anspruch nimmt (Regie: Phillip Stölz, "Der Medicus"). Der erste Schritt zum Gelingen dieser Adaption aber ist der Einstieg, in dem der sächsische Hochstapler Karl May kurzerhand beim Wort genommen und als Held an den Schauplatz seiner Romane versetzt wird.

Gespielt wird er von Wotan Wilke Möhring, der seinen Vorgänger Lex Barker problemlos in den Schatten stellt. Dessen Old Shatterhand war ein aufrechter Herrenmensch aus dem Nirgendwo. Möhring stellt seinen Karl May/Old Shatterhand zwar auch als reine Seele, erkennbar aber auch als Deutschen dar - mit allen Vorteilen und Macken, die das mit sich bringt. Vom verschämten Puritanismus beim Baden in der Wildnis bis zur Vereinsmeierei des gelernten Landvermessers.

Vor der obligatorischen Prügelei im Saloon erklärt May seinem Gegner: "Ich muss Sie darauf hinweisen, dass ich im Verein geboxt habe", was mit Hohn quittiert wird. Als der Kontrahent im Staub liegt, fügt May hinzu: "Ich habe ihn gewarnt. Ich bin Mitglied im SV Saxonia 68." Weshalb ihn bald auch die Apachen eine alte Schmetterhand nennen.

In der nur unmerklich modernisierten Filmmusik von Martin Böttcher liegt noch der ganze Kitsch, der die alte Fassung so beliebt gemacht hat. Erträglich ist das 2016, weil - neben dem Humor - zugleich die Realismus-Regler hochgezogen wurden. Dreck sieht aus wie Dreck und Schlamm wie Schlamm, Siedler sind ansehnlich verroht. Die Indianer sprechen halbauthentisch eine indianische Sprache (Lakota) und haben, auch das ist neu, einen erfrischenden Humor.

Sie radebrechen aus schnell erklärten Gründen auch Deutsch, wie überhaupt alles Englische komplett getilgt ist aus dieser Parallelwelt. Es wirkt, als wären die Vereinigten Staaten ein Projekt nicht überwiegend angelsächsischer, sondern teutonischer Einwanderer. Womit die Drehbuchautoren (Jan Berger und Alexander Rümelin) weniger die deutsche Sehnsucht nach Weltgeltung als vielmehr die weltweite Gültigkeit von Kräften spiegeln, die das natürliche Paradies bedrohen.

Fotostrecke

8  Bilder
"Winnetou - eine neue Welt": Wilderer Westen

Aus einer Welt aus Korruption und Geldgier schlägt sich May/Shatterhand also rasch auf die Seite von Aufrichtigkeit und Mystik. Ihm tritt das Edle und Wilde diesmal gleichberechtigt in zwei Figuren entgegen. Da ist ein jugendlicher Winnetou, den der albanische Schauspieler Nik Xhelilay ("Der Albaner") mit Witz und beeindruckender Physis vor die Kamera bringt - mit deutlich freierem Oberkörper als Pierre Brice.

Und da ist dessen Schwester Nscho-Tschi, verkörpert von der Mexikanerin Iazua Larios ("Apocalypto", Mel Gibson), die hier als Schamanin spürbar aufgewertet wird. Das gilt für alle Frauenrollen. 2016 darf die Hure einem aufdringlichen Freier auch mal stecken, dass sie ihn selbst dann nicht nähme, wenn er Land und Geld hätte: "Schätzche, dann fehlen dir noch immer Charakter, Manieren und gutes Aussehen".

In einer kleinen Gastrolle ist mit Maria Versini die Nscho-Tschi von 1966 vertreten, Mario Adorf kehrt sogar als Santer Sr. zurück. Wie überhaupt die Besetzungspolitik bis in die winzigsten Nebenrollen anspruchsvoll und gelungen ist. Jürgen Vogel verleiht dem fiesen Rattler fast kinskihaften Irrsinn, Milan Peschel dem Sam-"Wenn ich mich nicht irre…"-Hawkens die koboldhafte Aura des skalpierten Außenseiters.

Matthias Matschke gibt den Professor Spengler, Leslie Malton eine versoffene Mrs. Bancroft. Die rothaargie Hure der Henny Reents hat wirklich ein goldenes Herz, wie es sich für einen Western gehört. Der "hässliche Joe" des Oliver Masucci ist wirklich sehr hässlich, der mexikanische Gangster El Mas Loco (Fahri Yardim) sehr verrückt.

Überhaupt gehört zum Genre, dass die Guten als Gute und die Bösen auf den ersten Blick als Böse erkennbar bleiben. Die einzige Entwicklung, die sich im Verlauf der drei Filme beobachten lässt, ist die der Handlung zu einem versöhnlichen Ende. Zum Genre gehört auch eine gewisse Langeweile, die als Aufforderung zur wohligen Versenkung in idyllische Panoramen (Kamera: Sten Mende) verstanden werden darf. Dann geht's.

Erträglich ist in diesem Sinne auch das leicht völkerverständliche Finale. Schließlich handelt es sich um keinen Spät-, Spaghetti-, Spätspaghetti- oder Spätzlewestern. Sondern um ein deutsches Volksmärchen. Und in genau dieser Disziplin hat die Neuverfilmung gegenüber dem womöglich ohnehin leicht überbewerteten Original aus den Sechzigerjahren in vieler Hinsicht die Nase vorn. Sie nimmt sich weniger ernst und macht gleichzeitig mehr Ernst damit, Wildwest zu spielen. Mehr Hollywood als Bad Segeberg.

Danach bleibt ein diffuses Bedauern darüber, dass es Jugoslawien nicht mehr gibt. Gerne würde man da mal Urlaub machen.

"Winnetou - Eine neue Welt", 25.12., RTL
"Winnetou - Das Geheimnis vom Silbersee", 27.12., RTL
"Winnetou - Der letzte Kampf", 29.12., RTL



insgesamt 188 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
0815jrb 22.12.2016
1. Wotan Wilke Möhring
ist der Grund warum ich mir diesen Film nicht ansehen werde. Ich kann diesen talentfreien, arroganten möchtegern Schaupieler nicht ertragen, egal in welcher Rolle!
ehrenwort 22.12.2016
2. Kein Vergleich mit dem Orginal.
Allein vom Aussehen haben beide Hauptdarsteller schon verloren.
fralt-die-hesse 22.12.2016
3. schlechte Produktion
Hätten die Produzenten nicht wenigstens die Straßenbrücke im Hintergrund (auf Bild 4) wegretuschieren können? Ist für RTL wohl ein zu großer Aufwand, oder fällt es dem RTL-Konsumenten nicht auf, wenn Winnetou und Shatterhan auf ihrer Jagd nach den Bösen hier und da eine Autobahn überqueren müssen?
sraab 22.12.2016
4. Danke
für diesen Preview! Ich freue mich darauf diesen Film zu sehen - was wäre es toll, wenn's den in HD (Nicht HD(minus) wohlgemerkt) und ohne Werbung gäbe. Also werde ich wohl noch ein wenig warten. Kommt bestimmt irgendwann auf Bluray.
sikasuu 22.12.2016
5. Bald aber schließen die beiden Freundschaft und.... haben einen Autobahnbrücke im Hintergrund :-))
Ich hoffe mal, der "Bildausschnitt" beim Drehen ist genauer ausgesucht als bei den "Fotos"... Wenn Winnetou&die alte Schmetterhand aus Radebeul/Sachsen beim Anschleichen einen Cola-, Bierdose umkriechen oder im Zelt, im Saloon die Lichtschalter nicht richtig abgeklebt worden sind, wird es mehr als Satire.... Howgh, ich habe gesprochen:-))
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.