"Wir lieben Fernsehen" im ZDF Problematisch - und richtig ärgerlich

Zum 50. Jubiläum des Farbfernsehens in Deutschland feiert das ZDF "unsere größten Film- und Serienstars" - und klopft sich selbst so sehr auf die Schulter, dass es staubt.

ZDF/ Sascha Baumann

Der Schlafanzug aus Frottee, in dem "wir alle" damals angeblich, frisch gebadet und gebannt vor dem Fernseher gesessen haben, er ist nun endgültig oft genug zitiert worden. An diesem Abend war es Johannes B. Kerner, nie um Plattitüden verlegen, der die mythische Initiationsszene des deutschen Fernsehkonsums beschwor. Wobei es in "Wir lieben Fernsehen!" um nichts anderes geht als das Zitieren und Heraufbeschwören.

Man könnte meinen, die größte Leistung von Willy Brandt seien nicht die Ostverträge gewesen, der Kniefall von Warschau oder der Satz vom Zusammenwachsen dessen, was angeblich zusammengehöre. Sondern die symbolische Betätigung einer Tastenattrappe, die sich - pannenbedingt - noch vor dem Drücken rot und das Fernsehen bunt färbte. Am 25. August 1967 war das. Zwar wird sich das ZDF, damals gerade sechs Jahre als, selbst kaum an diesen Moment erinnern können.

Dennoch nahmen die Verantwortlichen den historischen Augenblick vor 50 Jahren zum Anlass, sich selbst so sehr auf die Schulter zu klopfen, dass es staubt. Es geht, wie Showchef Oliver Heidemann vorab verlautbarte, um "Erinnerungen an Fernsehen im Pyjama, an die großen Straßenfeger bis hin zu den aktuellen Highlights". Moderieren dürfen, wir leben schließlich 2017, zu gleichen Teilen ein Mann und ein Mann mit Vollbart.

Narkotisierende Gefilde geteilter Erinnerungen

Und so führen denn Johannes B. Kerner und Steven Gätjen mit routinierter Ausgelassenheit durch die erste von gleich vier abendfüllenden Prime-Time-Shows, gewidmet "unseren größten Film- und Serienstars". Folgen werden "unsere Sporthelden", "unsere größten TV-Momente" sowie "unsere größten Spaßvögel". Die Spaßvögel Kerner und Gätjen tragen dabei keine Frottee-Schlafanzüge, auf dem Tisch der Schwenkbühne dürfen nicht einmal Chips oder Erdnüsse eine gewisse Heimeligkeit ausstrahlen.

Dafür sind auf dem Sofa bewährte Fernsehkräfte wie Mariele Millowitsch, Hans Sigl, Marie-Luise Marjan, Walter Sittler, Wolfgang Bahro, Rhea Harder oder Susan Sideropoulos zusammengewürfelt, die alle ein paar Sätze über sich, ihre Rollen und ihre ersten Fernseherlebnisse im Schlafanzug zum Besten geben dürfen.

Entsprechend oft dämmert die Show denn auch in die narkotisierenden Gefilde geteilter Erinnerungen hinüber, gibt ein "Weißt du noch?" das nächste: "Meine Mutter hat Bananenquark gemacht und Toast", verrät Gätjen, während Millowitsch zum Thema Salzstangen enthüllt: "Die konnte meine Schwester mit den Zehen essen!"

Was das Problem an diesem einfältigen Quatsch ist

Ein wenig erinnert die Veranstaltung aber auch an "Wetten, dass..?" - nur dass immer dann, wenn eigentlich eine Wette kommen müsste, die Bühne sich den Bildschirmen dahinter zudreht und ein weiterer Einspieler folgt. Was einem als langjähriger Zuschauer bei der bloßen Nennung von Reizbegriffen wie "Damen vom Grill", "Der Bergdoktor", "Das Traumschiff", "Schloss am Wörthersee", "Unser Lehrer Doktor Specht", "Ich heirate eine Familie", "Das Erbe der Guldenburgs", "Diese Drombuschs", "Lindenstraße", "Schwarzwaldklinik", "Marienhof", "Praxis Bülowbogen" spontan an traumatischen Bildern in den Sinn kommt - es wird in ebenso lieb- wie wahllos zusammengeschnippelten Clips knapp anzitiert.

Problematisch an diesem einfältigen Quatsch ist nicht, dass sich der Unterhaltungswert in engen Grenzen hält. Problematisch ist, dass diese Grenzen verbissen und wider besseres Wissen verteidigt werden. So höhnt Kerner, allen "Streaming, YouTube und im Internet irgendwo"-Gerüchten zum Trotz würden die Menschen "immer mehr fernsehen", freut sich über "223 Minuten am Tag" - unterschlagend, dass diese Zahl ("Da ist noch Luft nach oben!") seit etwa 2009 hartnäckig stagniert.

Richtig ärgerlich wird es beim Abfeiern von "Derrick" mit Horst Tappert. Hier kolportiert Kerner unverdrossen den alten Evergreen, der schweigsame Grenadier der SS-Division "Totenkopf" ermittele "in mehr als 100 Ländern" - unterschlagend, dass die weltweite Vermarktung der Sendung seit Ruchbarwerdung der Vergangenheit ihres Hauptdarstellers weitgehend zum Erliegen gekommen ist.

Rhea Harder, in bestimmten Kreisen weltbekannt als Florentine Spirandelli di Montalban aus GZSZ, bringt es in Bezug auf Seifenopern auf den Punkt: "Wenn die Leute das lieben und gerne sehen, dann kann das ja gar nicht so schlecht sein." Kerner, entzückt: "Genau, denn Zuschauer lieben Fernsehen!"

Auftritt: Pamela Anderson

Souverän ignoriert wird übrigens auch das DDR-Fernsehen, für das immerhin Wolfgang "Stubbe" Stumph hin und wieder eine Lanze bricht. Aber auch er ist im Grunde nur geladen, um trübe DDR-Witzchen zu machen. Warum hat es in der DDR so wenige Fernsehtote gegeben? Stumph, müde: "Ja, mir hatten keene rote Fabbe."

Zwischen halbherzigen Spielchen (Wer erkennt die Titelmelodie? Welcher TV-Arzt weiß, was eine Trepanation ist?) geht es vor allem Kerner immer wieder darum, was "wir" so richtig "gut können in Deutschland", namentlich so gut wie alles, Krimis und Familienserien und "Baywatch" gucken, denn: "Pamela Anderson ist Kult. Ein Weltstar. Eine Traumfrau."

Auftritt: Pamela Anderson, die von Gätjen recht galant und nicht uninteressiert befragt wird. Die für deutsche Abendunterhaltung offenbar obligatorische sexistische Übergriffigkeit übernimmt dann die gewohnt trampelige Marie-Louise Marjan: "You have a wonderful figure, oooh, da kann man ja neidisch werden!"

Der Höhepunkt der Sendung

Höhepunkt der ansonsten eher tiefpunktreichen Sendung ist Mario Adorf. Zwar erzählt er nur die ältesten Kamellen, ist aber eben: Mario Adorf. Damals als Santer, sagt er, habe er Nscho-tschi gar nicht getötet: "Sie war in Paris und ich schoss in die Luft."

Regelrecht heikel wird's, als er über seinen - auch schon seit mehr als sieben Jahren gehegten - Wunsch spricht, Karl Marx zu spielen. Einfach, "weil ich Marx doch sehr verehre", als Denker und Philosoph, der schon "deshalb unterschätzt wird, weil man ihm die Erfindung des Kommunismus zuschreibt".

Er hat "Kommunismus" gesagt! Prompt fängt die Kamera das Gesicht von Wolfgang Stumph ein, der völlig gleichmütig bleibt. Wahrscheinlich liegt auch er in Gedanken längst im Bett, mit oder ohne weichen Schlafanzug.



insgesamt 161 Beiträge
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Seite 1
BettyB. 18.08.2017
1. Schlimm, schlimmer...
Überlegt einen Satz mit "Sondern" anzufangen, dass ist wahrscheinlich noch schlimmer als das Live-Gesäusel von Kerner. Das eine ist zum Nichtweiterlesen, das andere zum Nichteinschalten...
karliboy 18.08.2017
2. Danke Steven Gätjen und dem ZDF
Wenn es die Quote hergibt, macht man nicht viel verkehrt. Alle Menschen schwelgen gern in Erinnerungen, nur Spiegel online nicht. Es spiegelt das wahre Leben wider und das bedeutet immer wieder, die gute alte Zeit! Heutzutage zählt nur noch Ausbeute bis zum Umfallen, ohne Zukunftsaussichten für die junge Generation!
badenerin 18.08.2017
3.
Altbacken, langweilig und peinlich! Danke, ZDF
Filsbachlerche 18.08.2017
4. Dümmliche Selbstbefriedigung!
Mehr ist darüber wohl nicht zu sagen.
Echt jetzt 18.08.2017
5. Immer noch besser als die Privaten
Aller berechtigten Kritik zum Trotz haben sich die Öffentlichen in den letzten Jahren spürbar verbessert. das ZDF hat einige sehr gute Satire-Sendungen im Programm, auf Phoenix laufen interessante Dokus (um Welten bessser als die auf N-TV & Co.) und ab und zu versteckt sich sogar ein hochwertiger Film im Abendprogramm (z.B. kürzlich "Ex Machina").
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