Künstler in der Provinz Kaminer bei den Kuckucksuhren

Schinken, Kirschtorte... Künstler? Kann es in der Provinz wirklich anspruchsvolle Kultur geben? Dieser Frage geht Schriftsteller Wladimir Kaminer nach - und landet mit Wurst, Bier und Black Metal im finsteren Schwarzwald.

ZDF/ Christian A. Roeder

Von


Ganz wohl scheint sich Wladimir Kaminer nicht zu fühlen auf dem roten Trecker. Der Schriftsteller sitzt auf dem Radkasten der Maschine und wird von Künstler Stefan Strumbel durch die Straßen von Offenburg kutschiert, die beiden verursachen dabei einen mittelschweren Verkehrsstau. Irritiert steht er später in einem Kuckucksuhren-Geschäft und wundert sich über die Nachtabschaltautomatik in den Uhren. Und dann ist da noch die korpulente Frau mit der Armada frisierter Pudel.

"Kulturlandschaften - Wladimir Kaminer in der deutschen Provinz" heißt eine neue fünfteilige Reportageserie mit dem in Berlin lebenden, russischen Schriftsteller, die am Montag beginnt (3sat, 19.30 Uhr). Und an der Kaminer offenbar Gefallen gefunden hat: "Ich habe viele wundervolle Künstler getroffen, die sich von dieser Region inspirieren lassen, ohne kitschig oder spießig zu sein", sagt er im Fazit der ersten Folge, die ihn in den Schwarzwald führt. Dort treibt Kaminer die Frage um, was die Klischees von Schwarzwälder Schinken und Kirschtorte für die Kultur in der Region bedeuten.

Auf seiner Reise begegnet Kaminer unterschiedlichen Künstlern. Da ist etwa Strumbel, der in Goldscheuer eine Dorfkirche im Graffiti-Stil umgestaltet hat. Er beschreibt seinen Kampf gegen das anfängliche Missfallen der Dorfgemeinschaft. Die alten Omas hätten ihn und seine Kunst zunächst völlig abgelehnt, später seien sie aber so glücklich gewesen, dass sie Tränen in den Augen gehabt hätten.

Lässiger Soundtrack, herrliche Mundart

Die kurzweilige Reise wird auch durch die stilistischen Mittel der Filmemacher abwechslungsreich gehalten, etwa durch Kran- und Drohnen-Kamerafahrten. Kaminer selbst ist immer dann am stärksten, wenn er die Künstler der Provinz einfach ihre Geschichten erzählen lässt.

Wie Florian Mehnert aus Müllheim, der von seinem Kunstprojekt berichtet, bei dem er eine Ratte im Internet zum Abschuss freigab - und das enorme Empörung hervorrief. Stark ist auch, wie Kaminer an den Aufwärmübungen des Ensembles des Freiburger Immoralisten-Theaters teilnimmt, dessen Hauptfigur er sogar zu schminken versucht. Oder als er über versteckte Mikrofone Waldspaziergänger belauscht, die in herrlicher Mundart daherschwätzen ("Was isch des? A Mikrofon oder was? Lug amol. Kann doch gar net si!").

Die Gespräche, die Kaminer zu führen versucht, funktionieren hingegen weniger gut. Mal reden er und die Künstler aneinander vorbei, mal wissen seine Gesprächspartner nicht recht, was sie antworten sollen. Als er etwa im Angesicht Hunderter Kuckucksuhren über Vergänglichkeit sinniert, guckt der Verkäufer nur fragend. Auch ein Gespräch mit zwei einsilbigen Black-Metal-Sängern gerät zäh.

Heimatgefühle bei Wurst und Bier

Es gibt aber auch Ausnahmen: In der vermeintlich sonnigen Stadt Freiburg schlendert Kaminer bei strömendem Regen durch die Straßen und diskutiert mit Passanten, ob ein Universitätsneubau nun aussieht wie Darth Vaders Maske oder der Sarkophag über dem Reaktor von Tschernobyl. Den Immoralisten-Theaterschauspielern entlockt er die Analyse: "Viele Leute haben es satt, dass es hier immer so harmonisch und so nett ist: die Bächle, die Flüssle und die Bergle."

Kaminer hat schon einmal eine solche Reise unternommen. In seinem 2003 erschienenen "Dschungelbuch" schrieb er über deutsche Kleinstädte und die deutsche Provinz. Damals jubelte die Kritik und sprach von der "unschuldigen Unkenntnis", mit der Kaminer durch die Lande zog. Er habe dabei geholfen, nachhaltig zur Völkerverständigung beizutragen.

Auch Kaminers Reise in den Schwarzwald gelingt, der Zuschauer begegnet ambitionierten, lustigen, kreativen Künstlern mit modernen und teils verblüffenden Ideen. Es zeigt sich: Hier sind mitnichten Provinz-Künstler am Werk - sondern Künstler in der Provinz. Für anspruchsvolle Kultur muss man also nicht nach Berlin oder anderswo reisen.

Ganz am Ende der "Kulturlandschaften"-Auftaktfolge, als Kaminer mit den Black-Metal-Musikern im tiefsten Schwarzwald hockt, Bier trinkt, Feuer macht und Schwarzwälder Wurst isst, öffnet sich der Schriftsteller. Er erzählt von seiner Heimat, von dem Haus, in dem er aufwuchs - und das inzwischen planiert worden sei. Von dem Wald vor der Tür, der längst gerodet wurde.

Kaminer stockt dann ein wenig, schaut in die Ferne und sagt dann, auf einmal enthusiastisch: "Hütet euren Schwarzwald!"


Alle "Kulturlandschaften"-Folgen:
Teil 1: "Schwarzwald", Montag, 24. August, 19.30 Uhr
Teil 2: "Wuppertal", Dienstag, 25. August, 19.30 Uhr
Teil 3: "Saarland", Mittwoch, 26. August, 19.30 Uhr
Teil 4: "Mecklenburg-Vorpommern", 27. August, 19.30 Uhr
Teil 5: "Eifel", 28. August, 19.30 Uhr, 3sat



insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
MrSpinalzo 20.08.2015
1. Der Kaminer
Ich bin viel unterwegs, komme selten zum lesen. Dafür aber zum hören, Hörbücher! Vieles von Kaminer habe ich daher "erhört". Es sind Autorenlesungen, also von ihm selbst vorgetragen. Neben seinem unverwechselbarem Russischdeutschsprech mag ich seinen sich nicht selbst allzu ernst nehmenden Blick auf "seine" Deutschen und seine Weise, uns zu verstehen und überhaupt verstehen zu wollen. Aber man lernt auch was über die Russen. Wenn ich demnächst mal in Russland bin und die Leute mich fragen, ob ich die Russen kenne, werde ich sagen, ich habe den Kaminer gehört, dann kennt mal alle Russen:o) Oder so ähnlich...
dasky 20.08.2015
2. So wollen wir debattieren
Es gibt akustische Kuckucksuhren mit Blasebalg und elektronische, ohne Blasebalg. Ich habe die lieber, die blasen.
kumi-ori 20.08.2015
3.
Warum sollte ein Künstler in der "Provinz" weniger gut arbeiten können als in einer Metropole wie sagen wir Shang Hai oder Lagos? Viele große Künstler lebten in der Provinz, Kandinsky und Münther in Murnau, van Gogh in der Provence (heißt sogar so), Beuys in Darmstadt, Leonardo in Vinci, irgendwelche anderen in Worpswede und so fort. Generell ist Deutschland eher provinziell strukturiert. Deutschland hat kein Zentrum sondern mehrere mehr oder weniger gleich große Mittelzentren.
orthonormalbürger 21.08.2015
4. 3.
stimmt, Berlin war lange Zeit aber ein Zentrum ganz Europas, muss man sagen!
ftester 07.09.2015
5. Hmm,
muss ich mir erst mal anschauen, Kaminer hatte ich nach seinem 2tem Buch zur Seite gelegt, uninteressant, nicht lustig, klischeehaft, versuchen wir's noch mal....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.