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Putin-Talk bei Jauch: "Zu Russland muss man 'Sie' sagen"

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Hubert Seipel (l.) interviewt den russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin Zur Großansicht
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Hubert Seipel (l.) interviewt den russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin

Bei Günther Jauch erklärte Russlands Staatschef Wladimir Putin seine Sicht der Welt. Die Zuschauer der Talkshow konnten live miterleben, wie Nachrichten generiert werden.

Wenn Günther Jauch auf Politik trifft, geht das nicht unbedingt immer zum Vorteil des Sonntagabendpublikums aus. Doch diesmal gelang ihm mit der Präsentation des Putin-Interviews ein veritabler Scoop. "Politik live" in Form eines ausführlichen Gesprächs mit Wladimir Putin, dem gegenwärtig umstrittensten Mächtigen auf der internationalen Bühne - das ist ja nun nicht gerade die übliche Komponente einer solchen Sendung.

Da sich der Moderator außerdem bemerkenswert gut vorbereitet zeigte und eine hinreichend interessante Gästerunde aufgeboten hatte, wurde es tatsächlich eine Veranstaltung der besonderen Art, nicht nur für Jauchs Verhältnisse. Und dies, obschon es die gefühlt mindestens siebenundvierzigste Talkshow zum Thema der neuen, alten, kalten Ost-West-Konfrontation war.

Der TV-Zuschauer konnte zunächst gleichsam miterleben, wie da durch die Befragung jenes Mannes im Kreml, dessen Agieren seit Monaten Anlass zu Sorge und auch Ratlosigkeit gibt, Nachrichtenstoff generiert wurde. Man sah und hörte einen zumindest gegenüber dem ARD-Journalisten Hubert Seipel durchaus gesprächsbereiten Wladimir Putin, der keine Antwort schuldig blieb und seine Sicht der Welt, wie sie wurde, was sie heute ist, mit schnörkelloser Deutlichkeit vortrug, wenn auch mit manchem Lächeln, vor allem in Richtung Berlin.

Der Mann sei "momentan sehr getrieben", wusste Putin-Kenner Seipel, während die Bundesverteidigungsministerin sich darüber wunderte, wie unumwunden Putin die Annexion der Krim zugegeben habe.

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TV-Interview zur Ukraine-Krise: Sanktionen des Westens "völlig inadäquat"*
Und damit war man dann wieder einmal mittendrin in all den inzwischen sattsam unternommenen Versuchen, sich einen Reim zu machen auf das "Phänomen Putin", wie WDR-Chefredakteurin Sonja Seymour Mikich es ausdrückte, womit sich zugleich der unvermeidliche Blick in Zeitgeschichte und psychosoziales Befinden des Landes verband. Die frühere Moskau-Korrespondentin brachte es am Ende per Rückgriff auf einen seinerseits nicht ganz unproblematischen Kreml-Herrscher auf den Punkt, indem sie Boris Jelzin zitierte: "Russland muss man mit 'Sie' ansprechen." Man dürfe nicht vergessen, dass der Systemkollaps und Verlust des Supermachtstatus von vielen Millionen Russen als eine Katastrophe empfunden worden sei.

Aber wenn auch per Einspieler "der Deutschen liebster Russe", Michael Gorbatschow, als Putin-Unterstützer zu Wort kam, so wurde doch recht hart eine Grenze jeglichen Verständnisses gezogen.

Geradezu kategorisch befand der renommierte Historiker Heinrich August Winkler, der fast ein bisschen zu akribisch den Gang der Dinge aufarbeitete, Russland habe sich nach anfänglicher Westöffnung unter Putin "von den demokratischen Werten abgewandt". Gewiss, es gelte Russlands Sicherheitsinteressen zu respektieren, aber eben auch jene seiner Nachbarn im einstigen Machtbereich, die sich nun sorgten wegen möglicher Aggressionen.

Vor allem schien Winkler daran gelegen, auf die Beliebtheit Putins bei den europäischen Rechtsparteien hinzuweisen, Stichwort "völkischer Nationalismus", was aber auch nicht viel weiter führte. Schließlich warnte er vehement vor einem neuen deutschen Sonderweg im Verhältnis zu Moskau; ein gewisses Werben Putins in Richtung Bundesregierung, speziell der Kanzlerin, war schließlich in dem Interview kaum zu überhören gewesen.

Gewiefter Taktiker, aber kein Stratege

Ministerin Ursula von der Leyen wollte von all dem Zeithistorischen nicht viel wissen, da es ja wohl kaum als Rechtfertigung des Völkerrechtsbruchs gelten könne. Stattdessen warb sie dafür, den Blick nun lieber anderswohin zu richten, nämlich nach vorn. Die Frage, wohin genau er dort fällt, beantwortete sie floskelnd: auf die notwendigen Sanktionen ebenso wie auf die selbstverständlich ausgestreckte Hand. Für Zweifel an der Wirksamkeit der Strafmaßnahmen, wie etwa Mikich sie äußerte, war bei ihr kein Platz. Diese seien ja schon deswegen notwendig geworden, um zu demonstrieren, dass es keine militärischen Mittel zur Lösung des Konflikts geben könne.

Es blieb die Frage, was Putin denn eigentlich will. Sie zu beantworten gelang bei aller Streitlust dann doch vergleichsweise einvernehmlich: Konsens bestand darüber, dass der Mann zwar ein gewiefter Taktiker, aber kein Stratege sei und sich bezüglich der Geschlossenheit des Westens schlichtweg verkalkuliert habe. Mikich: "Er hat keinen Plan B."

Und dann war da noch eine Frage, die insbesondere den Moderator beschäftigte. Ob es denn wohl denkbar sei, dass Frau Merkel im russischen Fernsehen ebenso ein Interview geben könne wie Putin jetzt im deutschen. Experte Seipel hatte eine gute Nachricht für Jauch: Doch, ja, im russischen Fernsehen sei Frau Merkel ganz gewiss jederzeit ein gern gesehener Gast.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 168 Beiträge
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1. Danke...
nickie85 17.11.2014
...muss man ja schon fast sagen... danke dass wir uns auch die Meinung der anderen Seite anhören können. Das ist echter Journalismus.
2. Die Sache mit dem Respekt
Christian Hettix 17.11.2014
Das Interview brachte nichts neues- mein Eindruck: Putin weiß selber nicht mehr, was wer genau will. Doch: Sein Trauma überwinden. Er sollte hierzu seinen Psychologen konsultieren, statt Kriege anzettln. Ausserdem fährt er gerade Russland an die Wand. Er sollte lieber die Zeit und das Geld in seine marode Wirtschaft einsetzen, statt in diese lächerlichen Kriegsspielchen. Territorien sind im 21. Jahrhundert Kindergarten-allein die Wirtschaftsmacht zählt. Das hat Putin nicht kapiert. Resume Deutsche Regierung: Totalausfall Merkel und Mega-Totalausfall Steinmeier. Die Herrschaften reden, reden, reden und es kommt ZERO dabei raus. Und was die Sache mit dem "Sie" angeht an Putin: Respekt muss man sich verdienen- nicht jemanden aufzwingen. Diese Zeiten sind vorbei!
3. 20 Minuten
LDaniel 17.11.2014
Nach gut 20min Putin musste ich ehrlich gesagt abachalten. Die Dreistigkeit, mit der dieser Mann so einen Blödsinn erzählen kann, hätte mie sonst wohl noch den Sonntag Abend verdorben. Werde mir die Diskussion bei Gelegenheit anschauen, aber wie plump dieser Kerl versucht die Welt zu erklären und Russlands abatruses Vorgehen zu rechtfertigen versucht, müsste jeden halbwegs intelligenten Menschen anwidern. Ich kann ja verstehen, der Mann hat durchaus Charisma und lässt den coolen starken Mann raushängen - aber wie man dem Rattenfänger nachlaufen kann (beaonders außerhalb Russlands) ist unverständlich
4. Was Putin will?
mickey66 17.11.2014
Putin will seine nicht existierende Innenpolitik überdecken. Die russische Seele hat sich von dem Kollaps der Sowjetunion nie ganz erholt. Viele Russen sehnen sich nach der ehemaligen Großmacht Russland zurück. Das nutz Herr Putin gnadenlos aus, manipuliert die Massen und lässt ihnen eigentlich keine andere Wahl, als seine nationalistisch-kriegsorientierte Politik zu unterstützen. In Moskau und St. Petersburg schürt die Regierung durch ihre Vertreter ständig Fremdenhass, hauptsächlich gegen Menschen aus den GUS Staaten, die seit Jahrzehnten in Russland leben. Das Wort Nationalität hat in Russland einen völlig anderen Stellenwert: Alle Russen, die seit Jahrzehnten in den GUS Staaten leben, dort geboren sind, etc. haben zwar einen ukrainischen, georgischen, usbekischen etc. Pass, aber in diesem Pass steht: Nationalität: Russisch! Nicht verständlich, wenn man nicht aus dem System kommt. Putin will mit seinen Kriegsgelüsten einfach seine Macht festigen, den Raub der Ressourcen durch seine Freunde vorantreiben. Außerdem braucht er einen Landkorridor zur Krim, um seine Flotte und die dortigen Menschen besser versorgen zu können.
5. Mist, das hab ich nun verpasst.
Miere 17.11.2014
Und das nur, weil ich grundsätzlich niemals Talkshows sehe. Normalerweise sind die ja auch wirklich zum Mäusemelken. Ob Frau Merkel im Russischen Fernsehen auftreten könnte interessiert mich jetzt weniger. Relevanter finde ich die Frage, ob Obama auch bei Jauch auftreten würde. Oder Jinping. Vermutlich nein, oder? Warum nicht? Weil sie es nicht nötig haben. Putin hat es offenbar nötig, in Deutschland Sympathie einzuwerben. Aber man kann es auch so sehen: Das ist nicht das erste Mal, dass er auf uns zu geht und ein Angebot macht. Er hat ja früh im Ukraine-Konflikt schon ein Angebot gemacht und den Ukrainern billiges Gas versprochen, wenn sie Ruhe gehalten hätten. Puntin/Russland war immer kompromissbereit innerhalb vernünftiger Grenzen. Ein EU-Beitritt der Ukraine liegt außerhalb dieser Grenzen. Das muss doch jedem von Anfang an klar gewesen sein.
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