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WM-Studio von ZDF und ARD

Der Fußball aus Russland, den Rest macht Baden-Baden

Diese WM ist eine Premiere für ARD und ZDF: Erstmals bei einem Großereignis haben die Öffentlich-Rechtlichen ihr Hauptquartier nicht ins Gastgeberland verlegt. Das soll Millionen sparen - und ist immer noch ein teurer Spaß.

Von , Baden-Baden

Dienstag, 03.07.2018   15:14 Uhr

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Ganz oben, auf der Dachterrasse des SWR-Funkhauses, ist nichts zu spüren von der Hektik, die eine Fußballweltmeisterschaft mit sich bringt. Hier oben herrscht Ruhe, man entspannt bei einem Becher Kaffee, wahlweise einer Zigarette - und genießt die warme Sonne über Baden-Baden.

Man muss nur drei Stockwerke tiefer steigen - und schon ist man mittendrin im gemeinsamen WM-Studio von SWR und ZDF.

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Mögen die Spiele ein paar tausend Kilometer östlich stattfinden, in Moskau, Kasan oder Sotschi - die deutsche Sendezentrale liegt in der beschaulichen Kurstadt an der Oos, und das ist durchaus etwas Besonderes: Anders als sonst bei Großereignissen haben die Öffentlich-Rechtlichen ihr Headquarter nicht im Gastgeberland aufgeschlagen, sondern in Deutschland. In Baden-Baden. In den Räumlichkeiten des Südwestrundfunks (SWR).

"Technisch ist es egal, ob wir in Moskau, Rio oder Baden-Baden sitzen. Bei der Arbeit macht das keinen Unterschied", sagt Volker Drews. Er führt seit 23 Jahren für die ARD Regie, die WM in Russland ist seine siebte. "Unser wichtigster Mann im WM-Studio", nennt ihn Harald Dietz, der WM-Teamchef des "Ersten" - und pflichtet Drews bei.

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Als Begründung führt der Teamleiter unter anderem die WM in Rio auf. Vor vier Jahren hatte die ARD ihr Studio an der Copacabana aufgebaut, die Technik freilich befand sich auch damals 35 Kilometer entfernt im IBC, dem International Broadcast Center, in dem ARD und ZDF teure Bürofläche hatten anmieten müssen. "In Rio waren es über 35 Kilometer remote. Danach haben wir gesagt: Wir können Remote auch aus Deutschland machen", sagt Dietz.

45 Leitungen nach Russland

Dass der Plan nun in Baden-Baden umgesetzt werden konnte, hat damit zu tun, dass der SWR kurzfristig die entsprechende Studio- und Bürofläche freiräumen konnte. Und mit der technischen Entwicklung. Baden-Baden ist während der WM mit 45 Leitungen, die eine Leistung von zehn Gigabit pro Sekunde bieten, eine davon in hochauflösendem UHD, mit Russland verbunden.

Vor ein paar Jahren noch, so Dietz, sei das nicht bezahlbar gewesen. "Das hätte Unsummen gekostet." Nun hat es der neueste Stand der Technik erschwinglich gemacht - und den beiden Sendern damit die gemeinsame "Heimproduktion" made in Baden-Baden ermöglicht. Einen jeweils "siebenstelligen Betrag", so Dietz, sparten ARD und ZDF ein.

Zumal das technische Equipment bereits vorhanden war. Kernstück ist schließlich die gemeinsame mobile Produktionseinheit, mit der SWR und ZDF schon bei vorangegangenen Sportgroßereignissen unterwegs waren. Soll heißen: Die Technik, die nun in Baden-Baden steht, ist ziemlich genau jene, die andernfalls in Kisten, alles in allem 70 Tonnen schwer, nach Moskau verfrachtet und dort aufgebaut worden wäre.

Dietz bezeichnet diese Art von Heim-WM aus Russland als "Vorzeigeprojekt". Der Aufwand dafür ist, trotz aller Einsparungen, riesig.

Schließlich mussten nicht nur ein eigener Schaltraum samt 14 Schnittplätzen, Studio und zwei Regieräume errichtet werden, sondern auch die Büros für zwei komplette WM-Redaktionen. Denn so sehr Dietz das angenehme Miteinander mit dem ZDF betont, so autark arbeitet doch jeder Sender, ganz egal, ob man das derzeit unter einem Dach tut oder nicht.

Aus der DFB-Elf: Gerhard Delling wieder zu Hause, Sendezeit verkürzt

Bezüglich der ARD heißt das: Nur noch 65 ihrer Mitarbeiter aus Redaktion und Technik sind zur Berichterstattung in Russland vor Ort. Nach dem Aus der DFB-Elf sind es noch ein paar weniger geworden. So wurde nicht nur der große Ü-Wagen zurück nach Deutschland abgezogen, sondern auch Gerhard Delling und jene Crew, die rund um die deutsche Mannschaft berichtet hatte. Schließlich wurde auch die Sendezeit verkürzt: Das Erste spart eine Viertelstunde an den Übertragungstagen, das Zweite eine halbe.

Auf die Mannschaftsstärke im Baden-Badener Basislager hatte das frühe DFB-Scheitern indes keine Auswirkung. Rund 120 SWR-Mitarbeiter sind hier in das "Vorzeigeprojekt" involviert, hinzu kommt eine ähnlich große Zahl an ZDF-Bediensteten. Dass das für zusätzlichen Betrieb im SWR-Funkhaus sorgt, erkennt man schon daran, dass die Kantine während der WM erst um 21.30 Uhr schließt, nicht wie gewöhnlich schon um 17 Uhr.

WM-Tage sind schließlich lange Tage, zumindest für jene, die übertragen. So sitzt Thomas Hitzlsperger, einer der vier ARD-Experten, bereits um die frühe Mittagszeit im Analyseraum und filtert mit einem Redakteur jene Spielszenen heraus, die er später auf Sendung sezieren wird.

Dahinter liegt ein Raum, in dem während der Spiele der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter Jürgen Jansen sitzen wird, beim ZDF ist es der Platz von Urs Meier. Beide haben während der Spiele nicht nur Kontakt zu den jeweiligen Experten, sondern via Standleitung direkt zu den Reportern im jeweiligen Stadion vor Ort. Vor dem Schiri-Raum befindet sich der Observer-Raum, wo Hitzlsperger, wahlweise Kahn und Co. auf schwarz-ledernen Sofas sitzen und auf einem großen Bildschirm die Spiele verfolgen, ehe sie sie anschließend im nur einen Steilpass entfernt liegenden Studio bei ihren Analysen zerpflücken.

Vor, zwischen und nach den Halbzeiten geht es rund

Die Kommandozentrale wiederum befindet sich ein Stockwerk tiefer. Volker Drews und seine Crew steuern aus ihrem Regieraum alles, was es während der WM-Sportschauen in der ARD zu sehen gibt.

Eine Wand mit 110 Monitoren steht vor Drews und seinen Mitarbeitern, bestückt mit verschiedenstem Filmmaterial, Einspielern oder Livebildern. Von hier aus werden die ARD-Moderatoren Alexander Bommes und Matthias Opdenhövel ebenso dirigiert wie die Experten Hitzlsperger, Stefan Kuntz und Hannes Wolf. Von hier aus wurde zu Gerhard Delling nach Watutinki geschaltet. Auch die Ausflüge an den Tegernsee zu Philipp Lahm beginnen hier. Und selbst die riesige LED-Wand im Studio, technisch gesehen der neueste Schrei, wird von Drews und Co. mit Bildern und Filmchen gespeist, jeweils passend zum aktuellen Thema.

Beitrag folgt Beitrag, Moderation auf Moderation, Schalte auf Schalte. Bis zu 80 Positionen sind es pro Spiel, bei Partien mit Deutschland waren es auch mal über 200. Vor allem vor, zwischen und nach den einzelnen Halbzeiten geht es hier richtig rund. Hingegen hat es die Regie während der Spiele sogar vergleichsweise ruhig. Das von der Fifa gelieferte sogenannte Weltbild darf selbst von Drews nicht verändert werden.

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