WM-Kolumne "Frauen gucken" Wacht auf, schlafende Fans!

Kommt jetzt der Durchbruch für den Frauenfußball? In unserer WM-Kolumne "Frauen gucken" schauen wir die Spiele der DFB-Elf mit wechselndem Publikum und gehen der Frage nach: Verändern sich die Einstellungen zum Damen-Kick wirklich? 3. Folge: Public Viewing.

Immerhin im Stadion ist Stimmung: Fans beim WM-Spiel in Mönchengladbach
AFP

Immerhin im Stadion ist Stimmung: Fans beim WM-Spiel in Mönchengladbach

Von


Das Publikum : Um die 2.500 Hamburger zwischen 15 und 50 Jahren

Der Ort : Diverse Restaurants, Bars und Kneipen im Ausgehviertel Schanze

Das Spiel : Frankreich gegen Deutschland, 5.7., 20.45 Uhr, ZDF

Die Frage : Wie guckt es sich beim Public Viewing - und wer guckt?

Bei der Männer-WM 2010 wurden die TV-Quotenrekorde kritisch kommentiert: Es hätten noch viel mehr Menschen zugeguckt - nur eben bei Public Viewings, die bei der Quotenberechnung nicht zählen. Für diese Frauen-WM lässt sich sagen: Hier verzerren keine öffentlichen Massenguckereien die Quoten. Wer sich für Frauenfußball interessiert, schaut offensichtlich am liebsten zuhause.

Dieser Eindruck drängt sich jedenfalls auf, wenn man am Dienstagabend durch das Hamburger Schanzenviertel läuft. Hier drängen sich Bars, Restaurants und Kneipen aneinander, immer mehr Bekleidungsketten wie Adidas oder American Apparel finden auch noch einen Platz im ehemaligen Alternativ-Stadtteil. Nicht, dass nicht viele Leute unterwegs wären: Das Wetter ist halbwegs gut, und die Bänke und Tische vor den Restaurants sind mit jungen Menschen, Weinschorlen und portugiesischen Fischgerichten dicht gefüllt. Nur das Sausen der TV-Bildschirme fehlt.

Im vergangenen Sommer konnte man noch durch das Viertel streichen und trotzdem nichts von den WM-Spielen verpassen, da sie in jedem Laden übertragen wurden und sich Sound und Bilder entlang ganzer Straßenzüge zu einer lückenlosen Berichterstattung fügten.

Am Dienstagabend wird das mit Spannung erwartete Spiel von Deutschland gegen Frankreich um den Gruppensieg höchstens in jedem sechsten Lokal gezeigt - und selbst wo die Bildschirme prominent platziert sind, schauen die wenigsten hin. Die Mehrheit ist mit Essen, Drinks und der Begleitung beschäftigt. Wir finden schließlich einen Kiosk, der einen großen Bildschirm und drei Bierbänke vor sein Geschäft gestellt hat und damit ein fußballinteressiertes Kleinstpublikum anzieht. Neben uns sitzen ein schwules Pärchen, eine Frau um die 50, die ihre große Sonnenbrille nicht abnimmt, sowie ein Mann um die 30 mit Trainingsjacke mit DDR-Logo, der das Spiel Japan gegen England sehr fachkundig zusammenfasst.

Immer wieder laufen junge Männer in engen Hosen und Frauen in Strumpfhosen und flachen Schuhen an unserem Bildschirm vorbei, doch es sind fast ausschließlich die Männer, die schnell noch einen Blick auf das Spielgeschehen werfen. Hipster schauen offensichtlich keinen Frauenfußball.

Trotzdem füllen sich langsam die Plätze um unsere Bierbänke. Ein Paar, beide um die 50, stellt sich dazu. Als die 20. Spielminute läuft, traut sich die Frau endlich zu fragen: "Die Prinz spielt nicht, oder?" Unsere kleine Gruppe verneint, die Kapitänin ist nicht dabei. "Und die Bajram?" Gemeint ist Fatmire Bajramaj, die diesmal von Anfang an spielt. Offensichtlich interessiert sich die Frau kaum für die deutsche Nationalmannschaft, denn dann hätte sie die Aufstellung aus dem Spiel heraus selbst erkennen können. Doch die Dramen um Rekordspielerin Prinz, die bei dieser WM nicht zu ihrer Form findet, und Bajramaj, die dem Hype um ihre Person auch bei diesem Spiel nicht gerecht wird - sie sind anscheinend auch bei Fußball-fernen Menschen angekommen.

Zur Pause hat sich die Zuschauerzahl vor dem Kiosk verdoppelt. Die zwei Tore der Deutschen und die gute Stimmung auf den Bänken scheinen die Leute nach einigem Zögern doch anzuziehen. Wir wollen noch andere Public-Viewing-Möglichkeiten testen, was einerseits sehr einfach ist: Wo übertragen wird, ist es überschaubar voll - ganz im Gegensatz zu den WM-Spielen von 2010, wo man mindestens eine Stunde vor Spielbeginn da sein musste, um noch halbwegs akzeptable Plätze besetzen zu können. Andererseits sind es wirklich wenig Lokale, die das Spiel auch zeigen. Auf dem Schulterblatt, der Hauptachse des Schanzenviertels, treffen wir einen Freund, der am Tresen einer der Bars entlang der sogenannten "Piazza" arbeitet. Im Vorjahr hat die Bar noch übertragen, diesmal gibt es nichts zu sehen - obwohl zwei große Flachbildschirme zum Bar-Inventar gehören. "Mein Chef interessiert sich überhaupt nicht für Fußball", sagt der Freund. "Den mussten wir letztes Jahr schon überzeugen, dass es sich lohnt, die Spiele zu zeigen. Diesmal hat er dann kategorisch nein gesagt - der Aufwand, die Bildschirme aufzuhängen und die Stromversorgung zu regeln, war ihm zu groß."

So scheinen sich die Besitzer des Großteils der portugiesischen, pakistanischen und italienischen Restaurants entlang des Schulterblatts entschieden zu haben. Erst im alternativen Kultur- und Stadtteilzentrum Haus 73 finden wir eine große Leinwand und ein freundlich-interessiertes Publikum mit leichtem Männerüberhang. Obwohl die rund 25 jungen Menschen durchaus konzentriert zugucken, kommt nur wenig Stimmung auf. Dass Frankreich nach der Pause ein unnötiger Anschlusstreffer gelingt, nach einer spektakulären Aktion die französische Torhüterin vom Platz fliegt und Deutschland den ersten Strafstoß der WM zugesprochen bekommt - von der Lautstärke her zu schließen, könnte man meinen, es stünde 1:1 in einem langweiligen Spiel.

Erst als den Französinnen erneut ein Anschlusstreffer gelingt, macht sich Aufregung breit - wobei unser Begleiter der einzige ist, der schreit: "Diese Unfähigkeit! Warum müssen denen dauernd die Bälle wegspringen?!" Doch der Knoten scheint geplatzt zu sein. Als Célia Okoyino Da Mbabi in der 89. Minute das wunderbare Tor zum 4:2 für Deutschland schießt, bricht zum ersten Mal richtiger Jubel aus, und die Leute klatschen begeistert. Kurz darauf ist das Spiel vorbei. Als wir uns umschauen, sehen wir in einen gut gefüllten Raum. Schon wieder hat sich die Zuschauerzahl im Laufe der Halbzeit verdoppelt.

Das Fazit: Von schwarz-rot-gold dominierten Straßenzügen ist das Public Viewing zumindest in Hamburg sehr weit entfernt. Nur wenige, die sich tatsächlich für die Spiele interessieren, wollen diese auch in der Öffentlichkeit sehen. Und dazu bieten sich ihnen zudem nur überschaubare Möglichkeiten. Doch das scheint nicht der Endpunkt zu sein: Ein diffuses Interesse an der Frauen-WM ist durchaus zu bemerken - und selbst wenn es nur um persönliche Dramen wie bei Birgit Prinz geht. Je weiter die deutsche Mannschaft kommt und je mehr begeisternde Spiele sie spielt, desto stärker dürften diese Fan-Schläfer aktiviert werden. Vielleicht kommt es ja doch noch zu vollen Kneipen und Geraune und Jubel, das ganze Straßen füllt.

insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
this.charming.man 27.06.2011
1. ...
Das Fazit: Ohne den direkten und ständigen Vergleich mit der Männer-WM fehlt Kindern beim Frauenfußball eigentlich nichts. Dem Himmel sei Dank! Wenigstens fehlt unseren Kleinen nichts...
kein_gut_mensch 27.06.2011
2. Oh doch
Zitat von this.charming.manDas Fazit: Ohne den direkten und ständigen Vergleich mit der Männer-WM fehlt Kindern beim Frauenfußball eigentlich nichts. Dem Himmel sei Dank! Wenigstens fehlt unseren Kleinen nichts...
Doch die Vuvuzela. Wie auch treffend hier geschrieben wurde. Die war komischerweise bei uns auch verschwunden ;-) Und die wurde schon sehr vermisst. Ich muss sie heute suchen gehen und werde sehr wahrscheinlich nichts finden.
My2Cents 27.06.2011
3. na, ob kleine Kinder ausschlaggebend sind...?
Zitat von this.charming.manDas Fazit: Ohne den direkten und ständigen Vergleich mit der Männer-WM fehlt Kindern beim Frauenfußball eigentlich nichts. Dem Himmel sei Dank! Wenigstens fehlt unseren Kleinen nichts...
Ja, ja, die lieben Kleinen... Sie sind ja auch noch nicht in der Pubertät... Aber danach ändern sich die Sehgewohnheiten dann doch schon stark. Dann - um den redaktionellen Text und dessen Überschrift zu zitieren - dreht sich dann wohl eher alles um die "Tittenfrau". Sowohl bei den Jungs als auch bei den Mädels. Sicher? Sicher.
EineStimme, 27.06.2011
4. Keine nachhaltige Änderung
Ich erwarte keine nachhaltige Änderung. Es gibt ca 14 Tausend Mädchen- und Frauen Mannschaften und ca. 160 Tausen Jungen- und Männermannschaften. Das sagt doch alles über das Potential an Zuschauer. Die WM im eigenen Land wird ähnliche Auswirkungen haben, wie die Männer-WM in den USA. Es bleibt eine Randsportart, aber vielleicht gibt es eine Profiliga für Frauen. Die Vergleiche zwischen Männern und Frauen sind unangebracht. Die Frauen sind zwar derzeit erfolgreicher, aber die Leistungsdichte bei den Männern ist größer.
moi1 27.06.2011
5. .
Gib den Deutschen einen Ball(a) Ball(a). Da setzt der Verstand aus. Ich sage nur ... "Jungs, wir rächen euch!" (Irgendwo auf einem Plakat). RÄCHEN ... wofür?? Sind wir im Krieg? Erbärmlich. Da schaue ich lieber FrauenRadrennen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.