Netflix-Doku "Wermut" Im Labyrinth der Wahrheiten

Tötete die CIA den US-Bakteriologen Frank Olson? Mit der Miniserie "Wermut" weitet Dokumentarfilm-Meister Errol Morris das Bewusstsein für Fakten im Fake-News-Zeitalter. Ein TV-Event.

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"Journalismus ist immer dann am besten, wenn er dich fragen lässt: Ist das jetzt wahr oder falsch?", sagt Errol Morris beim Interview Mitte September in Venedig. Seine erste TV-Serie, der experimentelle Doku-Sechsteiler "Wermut" (Originaltitel: "Wormwood", ab 15. Dezember auf Netflix), feierte beim Filmfestival am Lido Premiere - und sorgte für begeisterte Reaktionen. Nicht weil Morris die Wahrheit hinter einem mehr als 60 Jahre zurückliegenden Mysterium enthüllt, sondern weil der 69-Jährige erneut die Grenzen des Dokumentarfilmgenres sprengt - und einen schillernden Beitrag zur aktuellen Debatte über "Fake News" und alternative Fakten liefert.

Mit einer suggestiven Fusion aus "Akte X", "Twin Peaks" und klassischer Dokumentation erweitert er das Bewusstsein des Zuschauers dafür, wie volatil Wahrheit sein kann, je mehr Zeit zwischen einem Ereignis und seiner Aufklärung vergeht. Es ist eines des interessantesten TV-Events dieses Jahres.

"Wermut" handelt von einem ungelösten Rätsel aus dem Kalten Krieg. Am 28. November 1953 stürzt der Bakteriologe Frank Olson, der für die amerikanische Regierung an Biowaffen forschte, aus einem Fenster des Statler Hotels an der Seventh Avenue in Manhattan (heute Pennsylvania Hotel). Die offizielle Version: Suizid nach Überarbeitung. Doch die Familie des Wissenschaftlers kann sich nicht erklären, warum ihr stets gefestigt wirkender Vater sich umbringen sollte. 22 Jahre später, 1975, wird die CIA durch öffentliche Hearings zum Geständnis gezwungen, Olson ohne sein Wissen LSD verabreicht zu haben.

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"Wormwood": Ein Fenstersturz und die Folgen

Der Mitarbeiter war offenbar Teil des berüchtigten Geheimprogramms MKUltra, das der Geheimdienst in den Fünfzigerjahren unterhielt, um an menschlichen Versuchsobjekten mit Bewusstseinskontrolle zu experimentieren. Unter Einfluss der chemischen Droge, die ihm mit einem Glas Likör verabreicht worden war, habe Olson einen Nervenzusammenbruch erlitten und sich aus dem Hotelfenster gestürzt.

Doch die Olsons glauben auch diese Version nicht, vor allem der inzwischen erwachsene Sohn Eric ist sicher: Frank Olson wurde von der CIA ermordet. Spätestens als die US-Regierung der Familie 750.000 Dollar als Entschädigung anbietet (die sie auch annimmt), beginnt er eine akribische Suche nach der Wahrheit, die zu seinem Lebensinhalt wird. Olsons Mutter geht auf andere, zerstörerische Weise mit der Ungewissheit und dem Gefühl, von höchster Stelle verschaukelt zu werden, um: Der bittere Wermut aus den zahlreichen Martinis, in denen sie ihren Kummer ertränkt, gibt der Serie ihren Namen.

Der Detektiv hält sich zurück

Die Interviews mit Eric Olson, die Morris geführt hat, bilden den klassischen Teil von "Wermut". Olson ist der ideale Protagonist, ein hagerer Intellektueller, der von seinem jahrzehntelangen Kampf erzählt, wie ein Verschwörungstheoretiker Bilder- und Indizien-Collagen ordnet und sortiert - und dabei so hilflos wie klug sein eigenes manisches Tun reflektiert. Er ist ein Hamlet, der vom Geist seines Vaters heimgesucht wird - und über diesen biografischen Spuk einsam geworden ist. 2012 reichte er Klage gegen die CIA ein, die Behörde vertusche die Fakten. Der Fall wurde abgewiesen, die Sache sei verjährt. Der zuständige Richter gab jedoch zu Protokoll, dass das Gericht die meisten Anklagepunkte unterstütze, "so weit hergeholt sie auch erscheinen mögen".

Was geschah wirklich am 28. November 1953? Anders als in seinen vielfach preisgekrönten Dokumentarfilmen, darunter das Politikerporträt "The Fog Of War" und sein Meisterstück "Der Fall Randall Adams" von 1988 ("The Thin Blue Line"), das zur Entlassung eines wegen Mordes verurteilten Häftlings führte, nimmt sich Errol Morris als Detektiv und Investigativjournalist diesmal auffällig zurück. Es gibt keine strengen Point-of-view-Verhöre mit dem von Morris erfundenen Kamera-Feature "Interrotron". Stattdessen erhält das Narrativ krumme Winkel und schiefe Ebenen, wie es seinem psychedelischen, Fakten und Mythos transzendierenden Sujet entspricht.

Die reale Ebene der Handlung wird durch surrealistisch wirkende Spielszenen ergänzt, die wie ein Noir-Thriller inszeniert sind. US-Schauspieler Peter Sarsgaard ist als Frank Olson zu sehen, andere signifikante Rollen übernehmen Tim Blake Nelson und Bob Balaban. Zusammen entwerfen sie eine Fiktion davon, welche Vorgänge tatsächlich zum Tod Olsons geführt haben könnten. Aus den Collagen, die Eric Olson anfertigt, und den stilistischen Mosaiken, die Morris darüberlegt, muss sich der Zuschauer ein eigenes Bild formen.

Morris hält das TV-Publikum für reif und medial geschult genug, um einen derart provokanten Genre-Mix auszuhalten. Das Schöne an der Kunstform des Dokumentarfilms, sagt er, sei ja, "dass sie mir erlaubt, jedes Mal etwas Neues auszuprobieren. Es gibt keinen richtigen oder falschen Weg, die Wahrheit zu finden, alles ist legitim. Du versuchst, ein Netz über die Welt zu werfen, um herauszufischen, was wirklich passiert ist, worum es in dieser Geschichte wirklich geht."

Traurige Indizien-Odyssee

Er kenne viele Geschichten aus dem Mythenfundus des MKUltra-Programms, das 1964 erfolglos beendet wurde, "aber Frank Olsons Geschichte ist die beste, weil sie so absurde Ebenen erreicht: Hat die CIA wirklich alles nur erfunden? Ist das LSD vielleicht nur ein Magiertrick, der uns ablenken soll: Guck mal hier rüber, während wir den Elefanten aus dem Raum schaffen?"

Morris dreht seit mehr als drei Jahrzehnten Filme, die das Genre revolutioniert haben, er porträtierte Robert McNamara, Donald Rumsfeld und Stephen Hawking, er recherchierte die Geschichten hinter den Folterbildern aus Abu Ghraib und dem Exekutionstechniker Fred Leuchter. Seine im Unterbauch der US-Justiz und -Politik wühlenden Filme ebneten den Weg für heute populäre Non-Fiction-Formate wie "Making a Murderer" oder "American Crime Story". "Wormwood" ist nicht nur seine folgerichtige Ankunft im seriellen Erzählen, sondern auch seine bisher persönlichste Arbeit. Man spürt, wie sehr sich der Dokumentarveteran in der verzweifelten und auch sehr traurigen Indizien-Odyssee seines Subjekts Eric Olson wiedererkennt.

Die Suche nach der Wahrheit, das zeigt Morris mit seiner faszinierenden Wermut-Doku, ist immer auch ein Labyrinth, das den Verstand herausfordert.



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