Von Mathias Zschaler
Es wäre gewiss möglich, sich Rita Süssmuth als Bundespräsidentin vorzustellen. Zumal sie neben anderen Voraussetzungen vor allem eine mitbringt, nämlich den Nachweis, wie man heil aus einer Affäre - in ihrem Fall um den Dienstwagen - herauskommt. Aber sie will nicht, schon weil es ja immer noch einen Amtsinhaber gibt.
So landete auch diese Personalempfehlung, vorgetragen im Geiste weiblicher Solidarität von der Transparenz-Aktivistin Anke Domscheit-Berg, auf jener Halde der kaum noch zählbaren Befunde zum präsidialen Desaster, die dank Günter Jauch wieder ein Stückchen höher wuchs. Dort findet sich mittlerweile auch das neologistische und für diese Talkrunde titelgebende Verb "wulffen", das gleich drei verschiedene Bedeutungen hat: jemandem die Mailbox voll reden, nicht die ganze Wahrheit sagen, ohne regelrecht zu lügen und möglichst viel mitnehmen, ohne zu bezahlen.
Die Frage lautete, wie viel Wulffen denn in Ordnung sei und wie es sich überhaupt verhalte hierzulande mit der Politik und der Moral und der allgemeinen Schnäppchenjagd. Die zweifellos bemerkenswerteste Antwort hatte Moritz Hunzinger parat, ehedem PR-Berater und Strippenzieher, dessen Dienste nicht unbeteiligt daran waren, dass Rudolf Scharping seines Ministersessels verlustig ging und Cem Özdemir sich einen Karriereknick einhandelte. Hunzinger vermisste bei den Deutschen "mediterrane Contenance" und Leichtigkeit, um sich sodann richtig in Rage zu reden. "Eine Ungeheuerlichkeit" sei das, wie mit dem Bundespräsidenten umgegangen werde. Wenn das so weitergehe, werde Deutschland zu einer "Republik der Denunzianten".
Die "dritte Phase" der Affäre
Das fand nun aber "Zeit"-Chef Giovanni di Lorenzo, der sich ziemlich staatsmännisch zu geben wusste, gar nicht passend. Es sei doch gerade gut, dass es in Deutschland nicht mediterran zugehe, sondern Regeln und Maßstäbe existierten, auch wenn sich niemand wünschen könne, dass die Moralapostel das Sagen hätten, weil sie unerfüllbare Heilserwartungen weckten. Auch die Medien sollten sich nicht als solche aufspielen, denn sie hätten in der Sache Wulff ebenfalls Fehler gemacht, etwa beim Umgang mit dem Anruf bei der "Bild"-Zeitung. Und da an diesem Abend ohnehin weitgehend Konsens darüber bestand, dass alles auf den Tisch gehöre, beichtete er gleich einen persönlichen Fehler mit: Ja, es sei falsch gewesen, sich auf das gemeinsame Buchprojekt mit Karl-Theodor zu Guttenberg eingelassen zu haben, jener anderen politischen Problemfigur aus jüngerer Zeit.
Auch Frau Süssmuth mochte da nicht zurückstehen und bekannte, dass sie seinerzeit, in den schweren Tagen ihrer Dienstwagenaffäre, an Rücktritt gedacht habe. Außerdem sei es auch so, dass sie seither vorsichtiger geworden sei in ihrem Urteil über andere Menschen und deren Tun. Jedenfalls gehe es nicht an, Wulff voreilig als Lügner zu schmähen, bevor man abschließend Genaues wisse.
Die Offenbarung, mit welcher der stets besonders freimütige Freidemokrat Wolfgang Kubicki aufwartete, war da schon von etwas härterer Art. Er habe sich bisher nicht vorstellen können, dass sich einmal ein Bundespräsident darauf freue, vor einem Verfassungsgerichtshof verklagt zu werden, wie dies jetzt in Niedersachsen angesichts der Ungereimtheiten um die Beteiligung des Landes an dem ominösen Nord-Süd-Dialog des Eventmanagers Manfred Schmidt und die Rolle des Wulff-Vertrauten Glaeseker geschehe, vermerkte er mit einiger Süffisanz. Was diesen Vorgang betraf, so sah sich auch di Lorenzo veranlasst, bedenklich das Haupt zu wiegen und von einer "dritten Phase" zu raunen, in welche die Affäre nun eintrete.
Umfrage macht Gäste ratlos
Allerdings benutzte auch Kubicki die an diesem Abend immer wieder gern genommene Floskel, dass man doch, bitte, die Kirche im Dorf lassen möge. Dieser Ansicht scheinen einer von Jauch frisch präsentierten Umfrage zufolge irgendwie auch die Deutschen zu sein. Zwar halten nur rund ein Drittel Wulff für glaubwürdig und gar nur 26 Prozent für ehrlich, aber 66 Prozent finden ihn sympathisch, was unter den Anwesenden eine gewisse Ratlosigkeit auslöste.
Mit dem Vorschlag von Frau Domscheit-Berg, das Wahlvolk solle doch für seine Politiker, deren Arbeitgeber es ja schließlich sei, die gleichen Transparenzkriterien gelten lassen wie für Hartz-IV-Bezieher, die sich doch auch alle "nackig machen" müssten, mochte sich dann auch niemand so recht anfreunden. Das gehe nun doch vielleicht etwas zu weit. Am Ende würden sich dann nur noch Reiche es leisten können, Politiker zu werden, warnte Kubicki.
Gefragt, ob er sich selbst denn theoretisch als geeignet für einen Einzug ins Schloss Bellevue betrachte, musste der FDP-Mann aus dem Norden passen. Die Latte liege wohl ein wenig zu hoch für ihn, räumte er unumwunden ein und bekam dazu noch von di Lorenzo eine kleine Spitze verpasst: "Der muss in Kiel erst mal über die Fünf-Prozent-Hürde kommen."
Dass Ex-Politikberater Hunzinger sich selbst nicht für präsidiabel hält, überraschte dann nicht mehr wirklich. Jauch meinte sogar, der Mann sei grundsätzlich ungeeignet für die Politik. Aktuell bekleidet er das Amt eines Honorarprofessors in der Ukraine.
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