Wulff-Diskussion bei Jauch: Paralyse im Gasometer

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Christian Wulff macht Fehler, erklärt sich, macht dabei wieder Fehler, entschuldigt sich, verwickelt sich in neue Widersprüche - soll diese präsidiale Endlosschleife immer weitergehen? Bei Günther Jauch konnte man spüren, wie quälend es ist, wenn ein Präsident sein Land in Geiselhaft nimmt.

Wulff-Talk bei Jauch: In der präsidialen Endlosschleife Fotos
NDR

Damit das gleich klar ist: Ein Bürger ist auch nur ein Mensch. Ja, auch für diese Leute gelten die Menschenrechte. Zwar hat niemand die Bürger gezwungen, ihr Hirn einzuschalten, aber wenn man es nun mal getan hat, sind damit gewisse Folgen verbunden, unter anderen diese: Wenn sich Widersprüche ergeben in dem, was ein Amtsträger im Fernsehen oder im Parlament oder sonstwo sagt, will man als Bürger diese Widersprüche geklärt haben. Doch möchte man in einem Land ein Hirn besitzen, in dem sich dieses Hirn immer wieder mit demselben Thema, mit demselben Mann beschäftigen muss - einzig und allein aus dem Grund, weil der einen dazu zwingt?

Genau das tut der amtierende Bundespräsident: Christian Wulff zwingt die deutsche Öffentlichkeit in eine Endlosschleife. Er hat sie zu seiner Geisel gemacht. Er hat Fehler begangen. Er hat sich zu diesen Fehlern erklärt, aber so schwammig und unvollständig und fehlerhaft, dass er sich zu seinen bisherigen Erklärungen erneut erklären musste. Und wieder entschuldigen. Diese erneuten Erklärungen haben wieder neue Fragen aufgeworfen. Und so weiter und so fort.

Die Diskussion um den Präsidenten "nervt total"

Also dann: Willkommen in der aktuellen Runde der Wulffschen Endlosschleife. "War das Fernsehinterview des Bundespräsidenten ein Befreiungsschlag - oder ein Schlag ins Wasser?", fragt Günther Jauch ganz am Anfang seiner ersten Sendung des Jahres 2012. Schon seine letzte Sendung vor Weihnachten hat er mit dem Straucheln des Präsidenten bestritten - wie sehr sich die Lage seither geändert hat, zeigt sich an dem Mann, dem Jauch diese Frage stellt. Neben dem Moderator sitzt Bernhard Vogel, ein honoriger CDU-Politiker. Längst ist Vogel in Pension. Zuletzt saß hier in der Rolle des Wulff-Parteifreundes noch Peter Altmaier, der parlamentarische Geschäftsführer der Union im Bundestag. Seine redlichen Versuche, den Präsidenten zu verteidigen, waren wenig erfolgreich. Jetzt, heißt es, hat er keine Lust mehr, für Wulff einzustecken. Das will offenbar auch kein anderer aktiver Unionspolitiker. Also sitzt Vogel da.

Befreiungsschlag? Das Interview sei "eine wichtige Station in einer Diskussion, die langsam zu Ende gehen sollte", sagt Vogel. Er habe "etwas dagegen, dass wir über allzuviele Wochen dieses Thema diskutieren". Einen kurzen Moment lang könnte man glauben, Vogel betreibe parteisoldatisch Medienschelte. Das ist ein Irrtum: Vogel, das wird im Laufe der Sendung immer deutlicher, zielt auf Wulff. Alle zielen auf Wulff.

Die Diskussion um den Präsidenten "nervt total", befindet Katrin Göring-Eckart von den Grünen. Es regt sich kein Widerspruch. Der SPIEGEL-Chefredakteur Georg Mascolo stellt fest, Wulff bringe nicht die Kraft auf, alles zu erklären, was zu erklären ist. Stets täten sich neue Fragen, neue Widersprüche auf. Nikolaus Blome aus der "Bild"-Chefredaktion pflichtet bei. Man könne keinen Schlussstrich ziehen, wenn immer neue Ungereimtheiten auftauchen. Und er beharrt darauf: Der Bundespräsident habe bei seiner Nachricht auf Kai Diekmanns Mailbox vielleicht das Verschieben des Artikels in der "Bild" "als Etappe gesehen, das Verhindern ganz eindeutig als Ziel.

Wulffs glitschiges Verhältnis zur Wahrheit

Der Bundespräsident selbst, sagt Mascolo, trage an der Fortsetzung der Diskussion die größte Schuld. Weil dem im Grunde nichts hinzuzufügen ist, widmete sich die Runde eben der Fortsetzung dieser für alle Beteiligten unerquicklichen Diskussion. Mit deutlichen Worten kritisiert der Bestsellerautor und Strafverteidiger Ferdinand von Schirach Wulffs Anruf beim "Bild"-Chef Kai Diekmann: Das sei versuchte Nötigung gewesen, noch schwerer wiegend, weil er sie als Amtsperson begangen habe. Auch Wulffs Kredit bei der BW-Bank schätzt Schirach als möglicherweise strafrechtlich relevant ein - denn anscheinend habe er den ja nur bekommen, weil er Ministerpräsident war. Der Präsident habe ein "gestörtes, taktisches, glitschiges Verhältnis zur Wahrheit".

In die solchermaßen praktisch widerspruchsfreie Diskussion tritt Angela Solaro ein, Betreiberin eines Süßwarengeschäftes auf Norderney und mit Christian Wulff seit Schulzeiten befreundet. In ihrer Gästewohnung hat Wulff übernachtet, und sie erzählt, Wulff habe sich gefreut, dass sie zu Jauch kommen würde, um ihn hier als Menschen darzustellen. Und das sei er ja auch. In Jeans laufe er durchs Haus, abends trinke er gerne mal einen Saft. Und die Fehler? "Ich finde, er darf schon menschliche Fehler haben", sagt Frau Solaro. Wolle man denn einen "seelenlosen Roboter" zum Präsidenten? Das alles sei doch eine Kampagne der Presse.

An dieser Stelle geht die Runde in eine Unter-Schleife der Wulffschen Endlosschleife, man muss jetzt nämlich Frau Solaro noch mal erklären, dass es der Präsident selbst ist, der durch seine fortgesetzten Widersprüche die fortgesetzte Debatte um seine Widersprüche befeuert. Zwischendurch spricht Jauch Bernhard Vogel auf die seltsame Maschmeyer-Finanzierung der Anzeigenkampagne von Wulffs Buch "Besser die Wahrheit" an, von der dieser angeblich keine Ahnung hatte - ob Vogel sich das vorstellen könne? Vogel sagt nur: "Es geschehen die seltsamsten Dinge", aber auch das ist eine Wiederholung, nämlich die Wiederholung des Belegs dafür, dass auch er es müde ist, Christian Wulff zu verteidigen.

Dieses Land braucht eine Ruck-Rede

Und deshalb verlassen wir "Günther Jauch" an dieser Stelle kurz und verweisen auf das Grundgesetz. In Artikel 56 steht wortwörtlich, der Präsident habe geschworen, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden, und während man daran denkt, blendet die ARD einen Teaser für die "Hart aber fair"-Sendung am Montag ein. Da soll es schon wieder um Wulff gehen. Man hält es im Kopf nicht aus. Das ist kein Vorwurf an Frank Plasberg, der kann ja auch nicht anders.

Nein, das ist ein verzweifelter Appell an den Bundespräsidenten: Machen Sie bitte, bitte endlich reinen Tisch. Bleiben Sie in Herrgottsnamen gerne weiter im Amt, wenn es Ihnen da so gut gefällt, aber bitte nur nach einer Erklärung, die keine weiteren Fragen offen lässt. Halten Sie eine Rede, die uns alle mit einem Ruck aus dieser Endlosschleife befreit! Wenn Sie das nicht können, dann treten Sie bitte zurück. So oder so, aber schnell. Nur auf diese Weise können Sie den Dachschaden vom deutschen Volk vielleicht noch abwenden.

Im Gasometer sagt Günther Jauch, Christian Wulff habe ja jüngst gesagt, in einem Jahr sei die Sache vergessen - ob Bernhard Vogel das denn glaube? Vogel sagt nicht ja, Vogel sagt nicht nein, Vogel sagt, es sei doch klar, dass Wulff das jetzt sagen müsse. Ein weiterer Beleg dafür, dass Vogel... ach, wir wiederholen uns schon wieder.

Geben Sie sich einen Ruck, Herr Präsident. Wir sind auch nur Menschen.

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1. Finde ich interessant...
cs2001 09.01.2012
Zitat von sysopChristian Wulff*macht Fehler, erklärt sich, macht dabei wieder Fehler, entschuldigt sich, verwickelt sich in neue Widersprüche - soll diese präsidiale Endlosschleife immer weiter gehen? Bei Günther Jauch konnte man spüren, wie quälend es ist, wenn ein Präsident sein Land in Geiselhaft nimmt. Wulff-Diskussion bei Jauch: Paralyse im Gasometer - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,807883,00.html)
Ich finde eher, dass die versammelte Presse, die seit Wochen nichts anderes zu tun hat als ueber jede kleine Nichtigkeit der "Affaere" Wulf zu berichten, das Land in Geiselhaft hat. Dies nun Herrn Wulf anzulasten finde ich seltsam.
2. verbrennen
copperfish 09.01.2012
Zitat von sysopChristian Wulff*macht Fehler, erklärt sich, macht dabei wieder Fehler, entschuldigt sich, verwickelt sich in neue Widersprüche - soll diese präsidiale Endlosschleife immer weiter gehen? Bei Günther Jauch konnte man spüren, wie quälend es ist, wenn ein Präsident sein Land in Geiselhaft nimmt. Wulff-Diskussion bei Jauch: Paralyse im Gasometer - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,807883,00.html)
Genau mein Eindruck gestern Abend. Da will sich kein aktueller "christdemokrat" mehr die Finger dran verbrennen.
3. .........
janne2109 09.01.2012
habe gestern Sendung mit Jauch gesehen, heute morgen noch einmal -sehr wach- angesehen, wenn ich Herrn Mascolo zu höre und! beobachte habe ich das Gefühl der Spiegel hat noch ein paar ungelegte ( unausgesprochene, nicht gemeldete) Eier im Köcher. Wörtlich Mascolo: ich glaube es ist nicht nur eine Reise gewesen sondern mehrere, er muss da etwas vorsichtig mit seinen Äußerungen sein... Das sagt mir als Zuhörer der Worte; wir wissen noch mehr. Mensch Spiegel- jetzt bitte auch noch raus damit, wir wollen endlich Ruhe im Schloss.
4.
DirkDD 09.01.2012
Zitat von sysopChristian Wulff*macht Fehler, erklärt sich, macht dabei wieder Fehler, entschuldigt sich, verwickelt sich in neue Widersprüche - soll diese präsidiale Endlosschleife immer weiter gehen? Bei Günther Jauch konnte man spüren, wie quälend es ist, wenn ein Präsident sein Land in Geiselhaft nimmt. Wulff-Diskussion bei Jauch: Paralyse im Gasometer - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,807883,00.html)
Auch ein Journalist ist nur ein Bürger und deshalb, in eigener Logik nur ein Mensch. Doch möchte der Journalist in einem Land ein Hirn besitzen, in dem sich dieses Hirn immer wieder mit demselben Thema, mit demselben Mann beschäftigen will. Wulf ist die leere Hülle eines Amtes das besseres verdient, ebenso besseres wünsche ich den Handwerkern des Wortes!
5. Beim ARD-ZDF Interview
Spessartplato 09.01.2012
Zitat von sysopChristian Wulff*macht Fehler, erklärt sich, macht dabei wieder Fehler, entschuldigt sich, verwickelt sich in neue Widersprüche - soll diese präsidiale Endlosschleife immer weiter gehen? Bei Günther Jauch konnte man spüren, wie quälend es ist, wenn ein Präsident sein Land in Geiselhaft nimmt. Wulff-Diskussion bei Jauch: Paralyse im Gasometer - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,807883,00.html)
...bemühte Wulff ganz zum Schluß die Bibel: "Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein..." Wären Deppendorf und Schausten bibelfest, dann hätten sie mit einem anderen Bibelzitat Klarheit schaffen können: "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen, denn ein guter Baum wird keine schlechten Früchte tragen, sondern nur gute..." Als gläubiger Christ hätte Wulff sicher verstanden.
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