Von Arno Frank
Wer Freunde wie Peter Hintze hat, der braucht keine weiteren Feinde mehr. Mag sein, dass dem Bundespräsidenten die politischen Bundesgenossen wegbrechen, dass seine Verteidigung auf ganzer Linie bröckelt - auf den ehemaligen CDU-Generalsekretär kann er sich verlassen. Der möchte gleich zu Beginn die Behauptung von Maybrit Illner "mal lieber voll zurückweisen", die Koalition stünde nicht mehr geschlossen hinter ihrem Präsidenten. Jeden einzelnen Vorwurf, den die versammelte Runde aus Wulff-Kritikern im Laufe der Sendung gegen das Staatsoberhaupt vorbringt, kontert Peter Hintze wacker bis eifernd. So eifernd allerdings, dass selbst die eifrigsten Gegner des Gejagten wie gelassene Beobachter einer unausweichlichen Tragödie wirken.
Thomas Oppermann beispielsweise. Der parlamentarische Geschäftsführer der SPD stellt die leicht beckmesserische Frage, "ob jeder Bürger diesen Kredit bekommen hätte, jeder Rechtsanwalt aus Osnabrück". Zur Klärung rät er dem Bundespräsidenten mit engholmhafter Ruhe zur Selbstanzeige. Dieser Vorschlag ist für den aufgebrachten Hintze "also wirklich das Allerhärteste", auch wenn Udo Reifner diese Frage für eindeutig "gelöst" hält: Der Professor für Wirtschaftsrecht kalkuliert, dass Wulff von der BW-Bank ein Vorteil von mindestens 80.000 Euro eingeräumt worden ist. Frisches Geld auf einem Zinslevel, zu dem sich Banken sonst nur gegenseitig Geld leihen, "das kriegt keiner so". Und so drehte sich alles um die Frage, ob dies nun einfach unsittlich oder tatsächlich justiziabel ist, während sich auf der Bildschirmwand im Hintergrund ein Gewitter über Bellevue entlädt.
Für den SPIEGEL weist Konstantin von Hammerstein noch einmal auf die Rolle hin, die Wulff als niedersächsischer Ministerpräsident und Aufsichtsrat von VW beim rettenden Aufkauf von Porsche gespielt hat. Davon habe die Hausbank des angeschlagenen Sportwagenbauers profitiert, die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Und der LBBW wiederum gehört die BW-Bank, bei der Wulff denn auch zeitnah wegen seines Hauskredits vorstellig wurde. Für Hintze sind das alles "Verschwörungstheorien", schließlich müsse jedem Ministerpräsidenten in Hannover daran gelegen sein, dass es VW und seinen Töchtern gutgehe.
Bettina Schausten und das Klappbett
Bettina Schausten, die Wulff als Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios interviewt hat, gewährt einen Blick hinter die Kulissen. Der Bundespräsident habe nach dem Fernsehgespräch "unsicher" gewirkt, ob dies nun genügt habe - im Übrigen räumte sie mit leicht geröteten Wangen den entstandenen Eindruck aus, sie selbst würde von Freunden "150 Euro für eine Übernachtung" kassieren. Es sei schließlich nicht um ein Gästezimmer mit Klappbett gegangen. Und vielleicht ist ja auch wirklich die ausgestellte Großmannssucht von Carsten Maschmeyers palastartigem Seeräubernest über der Küste von Mallorca ein Teil des Problems, weil sie in so krassem Gegensatz zur verklinkerten Piefigkeit des wullfschen Eigenheims steht.
Heiner Bremer, n-tv-Moderator, erklärt die Affäre denn auch zu einer "Stilfrage", auch hinsichtlich der Ferien bei wohlhabenden Freunden: "Meine Mutter hätte gesagt: Das schickt sich nicht." Schlechter Stil sei ebenfalls, dass Wulff entgegen seiner eigenen Ankündigung nicht alle Antworten auf die berühmten "400 Fragen" ins Netz stellen lasse. Auf dieses Stichwort hat Hintze nur gewartet und schäumt über den privaten und "giftigen Dreck", der da gefragt worden sei, etwa über Wulffs "inzwischen verstorbene Mutter, die damals schwer krank war".
"Sogar seine Ehefrau ist eine studierte PR-Beraterin!"
In eine ähnliche Kerbe wie Bremer schlägt zunächst auch Klaus Kocks, ehemals Sprecher von VW und heute PR-Berater. Ein Politiker, so Kocks, sei für "das Maß seiner Missdeutbarkeit" selbst verantwortlich. Als Profi könne er sich das idiotische Krisenmanagement des Bundespräsidialamtes nicht erklären: "Sogar seine Ehefrau ist eine studierte PR-Beraterin!" Kocks' private Verschwörungstheorie, mit vorsichtigen Fragezeichen präsentiert: Der Privatkredit von Frau Geerkens war gar kein Kredit, sondern in Wahrheit ein Geschenk. Nur mal so als Frage, versteht sich, gibt ja keine Beweise, aber: "Ein vermeintlicher Straftäter ist viel schlimmer als ein vermeintlicher Trottel."
Das ist nun selbst Peter Hintze zu blöd, der sich unterdessen vollends wie ein Dissident fühlt, vor allem gegenüber den Medien, denen er flächendeckend "Sensationsmache, die Lust an der Skandalisierung" vorwirft. Nur mühsam lässt er sich belehren, dass eine "Kampagne" voraussetzen würde, dass sich alle Chefredakteure in geheimer Sitzung auf ein gemeinsames Vorgehen verständigt hätten. Gefragt, ob Wulff denn überhaupt einen Fehler gemacht habe, räumt Hintze dann doch noch zerknirscht ein: "Er hat falsch gemacht, die Dynamik unterschätzt zu haben."
Wohin diese Dynamik die öffentliche Debatte noch tragen wird, war übrigens gleich im Anschluss an "Maybrit Illner" zu erahnen. Da befragte Markus Lanz allen Ernstes die Ulknudel Désirée Nick zum Fall des Bundespräsidenten. Die hatte auch eine Meinung.
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