ESC-Triumph Conchita Wursts Russische Politiker beschwören das Ende Europas

Der Schock über Conchita Wursts Triumph beim Eurovision Song Contest sitzt offenbar tief in Russland. So tief, dass sich einige prominente russische Politiker in ihren Reaktionen mächtig im Ton vergreifen.


Moskau/Berlin - Das Voting der russischen ESC-Jury und des Publikums war eigentlich recht ausgewogen. Klar, es gab 12 Punkte für die letzte verbliebene Diktatur Europas, Nachbarland Weißrussland, aber Österreich und damit der bärtige Travestiekünstler Conchita Wurst, der am Ende mit 290 Punkten den Song Contest gewann - bekam immerhin fünf Punkte.

Die russische Politik nimmt den Sieg der Dragqueen allerdings nicht ganz so gelassen. Der rechts-nationalistische LDPR-Abgeordnete Wladimir Schirinowski, bekannt als Populist, der gerne mal mit scharfen Sprüchen provoziert, wurde am Sonntag im russischen Fernsehen ausfällig: "Unsere Empörung ist grenzenlos, das ist das Ende Europas", sagte der 68-jährige Politiker.

Politiker Schirinowski: "Österreich freizugeben war ein Fehler"
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Politiker Schirinowski: "Österreich freizugeben war ein Fehler"

"Da unten gibt es keine Frauen und Männer mehr, sondern stattdessen ein Es", ergänzte Schirinowski mit Blick auf den Geschlechter verwischenden ESC-Gewinner aus Wien und fügte hinzu: "Vor 50 Jahren hat die sowjetische Armee Österreich besetzt, es freizugeben war ein Fehler, wir hätten dort bleiben sollen." Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die sowjetische Armee einen Teil von Österreich, damals Teil des Deutschen Reichs, als Besatzungszone verwaltet.

Vizepremierminister Dmitrij Rogosin, ebenfalls ein eher raubeiniger Geselle, der am Wochenende Rumänien drohte, es mit einem Bomber zu besuchen, weil das Land ihm den Überflug verweigert hatte, twitterte am Sonntag, der ESC-Sieg Wursts zeige "Anhängern einer europäischen Integration, was sie erwartet - ein Mädchen mit Bart".

Hunderte empfangen Wurst begeistert in Wien

Russland selbst landete nach den Niederlanden, Schweden, Armenien, Ungarn und der Ukraine auf Platz sieben. Die Punktevergabe an den russischen Beitrag der blonden Tolmatschowa-Schwestern wurde in der Kopenhagener Austragungshalle vom Publikum teilweise mit lauten Buhrufen quittiert - ein Novum beim ansonsten harmonischen Gesangswettbewerb. Der Unmut richtete sich gegen die schwulenfeindliche Politik des russischen Präsidenten Wladimir Putin und gegen das russische Vorgehen in der aktuellen Ukraine-Krise.

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Conchita Wurst: Siegeszug mit Grazie und Bart
ESC-Gewinnerin Conchita Wurst, die eigentlich Tom Neuwirth heißt, ist nach ihrer Rückkehr aus Kopenhagen unterdessen am Sonntag von begeisterten Fans am Wiener Flughafen begrüßt worden. Mit Österreich-Flaggen, Spruchbändern und Regenbogenfahnen, angemalten Vollbärten Sprechchören und Konfettiregen feierten Hunderte die Ankunft des 25-Jährigen. Lokale Reporter beschrieben die Stimmung als "völlig verrückt". Der Empfang am Flughafen Wien-Schwechat sei ein "großes Fest der Toleranz in Europa". "Conchita ist gegen Diskriminierung, darum lieben wir sie", sagte ein Fan. Ein anderer fügte hinzu: "Ich bin immer noch fassungslos, dass Europa wirklich so tolerant ist." Eine junge Frau meinte: "Dies ist ein Zeichen von Liebe, Toleranz und Offenheit."

Auch der Entertainer Udo Jürgens steht vollends auf der Seite von Conchita Wurst - wie er selber sagt. Es freue ihn sehr, dass sein Heimatland den Mut gehabt habe, den Travestiestar auf dem Weg zum ESC-Finale zu unterstützen. "Das ist doch etwas anderes als die Lederhosen-Kultur", sagte Jürgens, der vor 48 Jahren mit dem Liebeslied "Merci Chérie" den europäischen Songwettstreit gewann - damals ganz und gar als Typ des männlichen Liebhabers. Jetzt freut er sich mit der Dragqueen: "Das ist keine Kichertussi."

bor/dpa/AFP

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