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27. August 2018, 22:01 Uhr

"X Factor"-Neuauflage bei Sky

"Für Penis-Songs bin ich immer zu haben!"

Von Linus Volkmann

Jury-Silberrücken trifft auf Schnulzen-Otter: Die "X Factor-Neuauflage" mit Sido, Thomas Anders, Jennifer Soundso und dem Lions-Dingsda bei Sky gibt dem Wort Castingshow seinen süffigen Klang zurück.

Thomas Anders, Sido, die Sängerin von Jennifer Rostock, und ein hektischer Knuddel-Typ namens Lions Head, der von der Off-Stimme mit den Worten angeprangert wird, er sei "die Frontfigur der neuen Songwriter-Welle": Also, da kann man sagen, was man möchte, dieses "Promi Big Brother" ist doch mal richtig gut besetzt. Fast zu gut, wenn sich plötzlich eine Blondine mit satt orangem Teint ins Bild schiebt. Aber Entwarnung, es handelt sich nicht um Donald Trump, das ist Charlotte Würdig.

Die Show, die sie moderiert, hat natürlich auch nichts mit "Big Brother" zu tun, viel mehr erlebt der Zuschauer gerade das Comeback von "X Factor" auf Sky. Vier Juroren entscheiden über Bühnendarbietungen - wer schafft es in die nächste Runde, wer nicht? Auch wenn es sich hierbei um die erste Staffel seit 2012 handelt, als das Format bei Vox und RTL lief, erliegt man da als Zuschauer schnell der Überzeugung, in dieses Format hier findet man sicher ohne größere Anleitung rein.

"Wichtig ist authentisch sein. Sich auf das besinnen, was man kann." Damit gibt Thomas Anders gleich zu Beginn die Richtung vor - ganz authentisch vorgetragen in dieser ihm so eigenen künstlichen Art. Allerdings sind solche Lebenshilfe-Grußformeln dermaßen universell... kurz checken, in welcher Sendung befinden wir uns noch mal?

"Deutsche Bier ist der Beste"

Das dauerhaft rote Studio- und Bühnenlicht suggeriert, es könne "Das Boot" sein. Doch genau, es ist immer noch der Wiedergänger von "X Factor" - eigentlich auch der von "The Voice", "Supertalent" und dem ganzen Rest. Der Reiz liegt daher nicht darin, die unzähligen Parallelen zu den herrschenden Casting-Shows hervorzuheben, sondern das individuelle Moment zu erspähen.

Musikalisch breit gefächert oder auch einfach nur völlig zusammenhanglos finden sich die unterschiedlichsten Genres aneinandergereiht. Einem italienischen Schnulzen-Otter fliegen die Herzen zu - besonders als er verkündet: "Deutsche Bier ist der Beste." Das erreicht dann doch mehr als Thomas Anders' Gratispostkarte vom ewigen Man-Selbst-Sein.

Für einen Freestyle-Rapper mit dem Künstlernamen "Der Holzfäller" kommt allerdings jede Hilfe zu spät. Der publikumswirksame Taschenspielertrick, ein paar von der Jury zugerufene Worte in einen improvisierten Song einzuflechten, bringt Rapper Sido auf den Plan. Das habe er bei anderen schon viel besser gesehen. Aus der frenetischen Begeisterung von Publikum und Jury-Kollegen wird daraufhin ein kollektives Abrücken. Naja, so gut fand man es natürlich auch nicht!

"Mein Mann und ich"

Sido trägt den Silberrücken also nicht nur im angegrauten Bart, sondern nimmt die Rolle des aggressiven Hiob an, die in so einem Format unabdingbar ist. Beruhigend, dass in der sonst so affirmativen Hurra-Stimmung daran gedacht wurde. Sido lässt man den Bad Guy ja auch durchgehen. Als 2012 in Deutschland die vorerst letzte Staffel "X Factor" über die Bühne ging, war er gerade busy als Gastjuror bei einer Casting-Show in Österreich, die damit endete, dass er einen TV-Moderator niederschlug. Davon ist hier nicht auszugehen - immerhin ist er ja auch mit Moderatorin Charlotte Würdig verheiratet. Das bleibt nicht draußen, "Mein Mann und ich" ist bei ihr gern Thema.

Und da die jeweilige Casting-Jury längst mehr als nur der heimliche Star ist, erfahren wir auch noch, wie es zu Hause bei den Würdigs läuft: "Sido" sagt man, wenn man nix ist, "Siggi" als Freund und "Paul" ist der Familie vorbehalten. Dass Jennifer Rostock gar nicht Rostock sondern Weist heißt, könnte dagegen bekannt sein.

Das tätowierte Goldstück hält sich noch einigermaßen bedeckt, lediglich bei einer über aufspießende Schwänze röhrenden Kabarett-Dame ist sie motiviert, auf sich selbst zu verweisen. Denn: "Für Penis-Songs bin ich immer zu haben!" Thomas Anders, der stets wirkt wie ein zu langsam eingestellter Heiratsschwindler-Bot, quittiert das einigermaßen überraschend mit "Ich weiß." Wobei es allerdings klingt wie "Halt die Klappe!"

International gewordener Rudi-Carrell-Style

Der vierte Juror, Lions Head, bürgerlich Ignacio Uriarte, schlägt die Brücke zur scheinbar konzeptionellen Sprachverwirrung der Sendung. Sein zugereistes Deutsch wirkt genauso holprig sympathisch wie das der meisten Kandidaten. Der Leitspruch einer brasilianisch-deutschen Sängerin bringt es auf den Punkt: "Unmöglich ist ein Wort, dass ich keine Ahnung habe, was es ist".

Lediglich eine All-White-Band aus Namibia hält sie noch hoch, die deutsche Hochsprache. Ansonsten hat sich ein international gewordener Rudi-Carrell-Style durchgesetzt.

Ansonsten bewahren diverse Eigenkompositionen der Kandidaten vor zu viel Maria-Carey- und Whitney-Houston-Interpretationen. Ob dem letztlichen Sieger überhaupt auch nur ein Platz beim "Perfekten Promi-Diner" winkt, da ist man eher skeptisch. Wenn allerdings die Jury noch weiter aufdreht, ist immerhin für Unterhaltung gesorgt. Mehr zu erwarten, wäre ohnehin reiner Wahnsinn.

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