Schweighöfer-Serie "You Are Wanted" Mitleid mit Matthias!

Die Welt hat sich gegen ihn verschworen, und der einzige Alliierte ist zu Netflix abgewandert: Matthias Schweighöfers liebenswert misslungene Amazon-Serie "You Are Wanted" geht in die zweite Staffel.

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Lukas Franke versteht die Welt nicht mehr, besonders die digitale. Er ist ein netter, blonder Familienvater in Berlin, hauptberuflich Hotelmanager, in seiner Freizeit zuletzt aber vor allem Opfer einer internationalen Hackerverschwörung. Große Sache.

Die CIA hing drin, die NSA auch, der BND sowieso - die wurden irgendwie von Aktivisten gehackt. Das hat dann ein BND-Mitarbeiter sehr umständlich zu vertuschen versucht, dazu brauchte der das Passwort zu so einem gruseligen Big-Data-Programm. Und das Passwort hatte Franke, das wusste der da aber selbst noch nicht, und deswegen hat er lange nicht verstanden, warum ihm und um ihn herum plötzlich die seltsamsten Dinge passierten: Identitätsdiebstahl, Terrorverdacht, Kindesentführung.

Alles sehr verwirrend und anstrengend für Franke, aber auch für die Zuschauer der ersten Staffel von "You Are Wanted", die dem Wahnsinn über sechs Episoden zu folgen versuchten. Denn in der ersten großen deutschen Serie des Handels- und mittlerweile Streaming-Giganten Amazon ist so viel Seltsames passiert, dass man schnell den Faden verlieren konnte: Ein Mann, der sich brennend aus einem Hochhaus stürzt; eine mysteriöse Frau, die ihr Geheimversteck an eines der beliebtesten Ausflugsziele Berlins gelegt hat; ein Agent, der einen Sprengstoffgürtel in einem riesigen Plüschwichtel versteckt, wo doch ein Rucksack deutlich leichter zu transportieren und auch weniger auffällig gewesen wäre.

So Sachen halt. Die erste Staffel von "You Are Wanted" war weder sehr glaubwürdig noch originell, spannend auch nicht. Aber wenn man sich durch die quälend langsame erste Folge gekämpft hatte, war es auch schwer, wieder damit aufzuhören.

Ohne Plan, aber mit Herz

Denn mittendrin gibt Matthias Schweighöfer diesen Lukas Franke als relativ vielschichtigen Anti-Macker - als gutmütigen und überforderten Helden über dem alles zusammenbrach, vor allem die eigene Fassade als Erfolgstyp. Einer ohne Plan, aber mit Herz und instabiler Psyche. Ein toller Serienheld in einer nicht ganz so tollen Serie. Im Feuilleton hagelte es Verrisse, auch als Negativbeispiel für deutsches Serienfernsehen musste die Produktion herhalten.

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Amazon-Serie: Serienerlebnis mit Stockholm-Syndrom

Laut Amazon war es in Deutschland und Österreich die am meisten gestreamte Eigenproduktion aller Zeiten, was alles Mögliche heißen kann, denn Amazon verschweigt wie Netflix genaue Zuschauerzahlen. In jedem Fall aber genug für eine zweite Staffel. Und wenn man nach der ersten neuen Folge geht, die Amazon der Presse vorab gezeigt hat, dann versuchen die Verantwortlichen (neben Hauptdarsteller, Co-Produzenten, Co-Regisseur und Co-Komponisten Schweighöfer etwa Regisseur Bernhard Jasper und die Autoren Markus Hoffmann, Uwe Kossmann und Arndt Stüwe) einfach so weiter zu machen wie bisher - nur, vielleicht, ein bisschen besser.

Denn statt wie beim letzten Mal (erfolglos) zu versuchen, alles doppelt und dreifach zu erklären, geht es diesmal gleich zur Sache. Obwohl unser Held ja zuletzt in Besitz des allwissenden Spionageprogramms "Burning Man" gekommen war und er einer der mächtigsten Männer der Welt sein müsste, gibt es nur Probleme: Gerade so kann er sich aus den Fängen mysteriöser asiatischer Gangster befreien, weiß aber auch nicht mehr, wie er an die geraten ist. Alle möglichen Geheimdienste möchten ihn am liebsten so schnell wie möglich loswerden.

Wichtigster Alliierter ist jetzt bei "Dark"

Hilfe ist kaum in Sicht: Seine einst nervtötend verständnisvolle Ehefrau (Alexandra Maria Lara) ist mittlerweile selbst nur noch genervt; die früher hilfsbereite Kommissarin (Catrin Striebeck) hat auch überhaupt keine Lust mehr auf die Jammerei; sein Bruder und Anwalt hat neuerdings eine verdächtige Journalistin im Schlepptau (Jessica Schwarz); und sein wichtigster Hacker-Alliierter ist von der Bildfläche verschwunden (Louis Hofmann ist zur Netflix-Serie "Dark" abgewandert, Glückwunsch!).

Diverse Agenten und gehackte elektronische Geräte trachten Franke also wieder nach dem Leben, und er kann wieder nicht viel mehr tun, als davonzurennen. Aber das konnte er ja immer gut, und eigene Qualitäten zu erkennen ist definitiv ein Plus. Denn auch die Serie selbst weiß ihre Stärken einzusetzen (neben dem Hauptdarsteller etwa die einfallsreiche Kamera und der unaufdringliche Elektro-Soundtrack) und scheint dort nachzujustieren, wo es vorher manchmal wehgetan hat (Tempo, Humor, Nebenfiguren, Plüschwichtel).

Die Produktionsstandards von deutschen Konkurrenzserien wie "Dark" oder "Babylon Berlin" werden nicht erreicht, und im Vergleich zu einer ernsthaft mitreißenden Hacker-Serie wie "Mr. Robot" aus den USA wirkt "You are Wanted" tapsig. Aber Spaß macht es trotzdem. Ja, wirklich. Vielleicht ist es eine Art von Stockholm-Syndrom nach zu vielen Folgen der ersten Staffel am Stück, vielleicht hat einer der Produzenten den Kritiker-Computer gehackt und den klassischen Verriss gelöscht, der hier möglicherweise früher stand.

Vielleicht verdient "You Are Wanted" aber auch einfach nur eine zweite Chance.


"You Are Wanted", ab Freitag bei Amazon Prime Video verfügbar.



insgesamt 22 Beiträge
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rainer82 18.05.2018
1. Warum ausgerechnet Serien?
Alle meine Versuche, eine einzige stimmige, verhältnismäßig anspruchsvolle und unterhaltsame Serie zu finden, sind bislang krachend gescheitert. Spätestens nach der ersten Folge erinnerte ich mich immer an die Devise: "Einmal und nie wieder!" Das gilt für deutsche wie auch für internationale Produktionen. Den ganzen künstlichen Serien-Hype kann ich nicht verstehen.
ersatzaccount 18.05.2018
2.
Zitat von rainer82Alle meine Versuche, eine einzige stimmige, verhältnismäßig anspruchsvolle und unterhaltsame Serie zu finden, sind bislang krachend gescheitert. Spätestens nach der ersten Folge erinnerte ich mich immer an die Devise: "Einmal und nie wieder!" Das gilt für deutsche wie auch für internationale Produktionen. Den ganzen künstlichen Serien-Hype kann ich nicht verstehen.
Na besonders umfangreich kann die Suche ja nicht gewesen sein. Wo haben Sie gesucht, nur im free tv? Jedenfalls nicht auf Netflix, Amazon oder Sky.
rooonbeau 18.05.2018
3. @rainer82
Immer diese koketiererei, aber wirklich.. bei der Menge an unterschiedlichsten Serien die man mittlerweile findet, ist das einfach nicht zu glauben.. könnte jetzt irgendwas vorschlagen, aber das ist viel zu Geschmacks abhängig. Auch wenn sich vieles letztlich wiederholt, eine Handvoll guter Serien findet man aufjedenfall.. gerade bei Netflix, Sky etc. sind mittlerweile doch komplexere, aufwendigere und innovativere Serien zu finden. Mir ist das alles mittlerweile wieder zu viel. Zu viel Auswahl empfinde ich interessanterweise als überaus anstrengend und irritierenderweise unbefriedigend. Etwas das ich im Lauf meines Lebens schon öfter feststellen musste. Zu viel von etwas macht die Sache oft wertlos und letztlich völlig uninteressant. Geht mir gerade wieder mit den Serien so..
Newspeak 18.05.2018
4. ....
@rainer82 Keine Sorge. Man muss Serien nicht mögen. Ich bin der totale Filmfan...und kann mit Serien auch (meistens) nichts anfangen. Es sind nicht mal die Inhalte. Einfach nur das Format. Ausnahmen gibt es, aber eher im Miniserienformat. Sherlock. The Game.
spasssbremse 18.05.2018
5. Sopranos
Die einzige Serie, die ich von Anfang bis Ende schauen konnte...
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