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18. Juli 2018, 07:33 Uhr

TV-Sendung "Zahltag"

Hartzer im Kartoffelhimmel

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RTL gibt Hartz-IV-Familien in "Zahltag! Ein Koffer voller Chancen" finanzielle Starthilfe - und stellt ihnen die Jahresbezüge in einem Batzen vor die Tür. Das ist sicher aufrichtig gut gemeint! Oder? ODER?

Am Ende von "Zahltag! Ein Koffer voller Chancen" hasst man sich selbst am meisten. Weil man tatsächlich haarscharf fast wirklich geglaubt hätte, RTL würde versuchen, das Leben von Hartz-IV-Empfängerfamilien tatsächlich zum Guten zu wenden. Indem man ihnen einen Koffer voll Geld vor die Tür stellt, die gesamten Brutto-Jahresbezüge auf einen Sitz, und sie selbstbestimmt frei entscheiden lässt, wie sie 25.000 Euro in einen Neustart investieren. Wieder Verantwortung für das eigene Leben übernehmen! Etwas Eigenes aufbauen! Wieder unabhängig werden! Ganz so, wie es der Titelsong der Sendung motivationspoppend daherölt: "Das ist der Blick nach - vorn! Es ist noch nichts ver - lorn!"

Gimpelhaft hätte man fast so etwas wie guten Willen hinter diesem TV-Format angenommen, aber natürlich - schaltet man denn zum ersten Mal RTL ein, Herrgott? - gerät es blitzschnell doch zu einem Spektakel des Scheiterns.

Der Geldkoffer, dieser mythische Schlüssel zum Schloss, das die Tür zur ewigen finanzsorgenfreien Glückseligkeit versperrt, wird den beiden beobachteten Familien nämlich wie bei einem Klingelstreich kommentarlos vor die Türe gestellt (in der nächsten Sendung kommt eine dritte Familie hinzu). Es gibt zwar ein Team aus vermeintlichen Experten - Gründercoach Felix Thönnessen, der ehemalige Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky und Ilka Bessin, vormals Cindy aus Marzahn und noch vormalser selbst Hartz-IV-Empfängerin -, aber das verschanzt sich in einem Beobachtungsraum, statt die überraschend Geldberieselten an die Hand zu nehmen und ihnen dabei zu helfen, das Blitzkapital vernünftig anzulegen.

Gib einer Familie einen Geldkoffer, und du bescherst ihr einen schönen Prassmonat. Lehre die Familie, mit Geld richtig umzugehen, und du bescherst ihr ein besseres Leben - würde Konfuzius sagen, aber was versteht der schon von Fernsehen.

Die Experten würden erst dann einschreiten, wenn die Familien sie explizit um Hilfe bitten, so die eklig scheinheilige Begründung, schließlich handelt es sich hier ja um ein "Sozialexperiment". Und sonst könnte man ja auch nicht in ungebremster Gafflust dabei zusehen, wie René und seine Frau ihre knapp 25.000 Euro sofort mit vollen Händen aus dem Fenster schmeißen. Seit der Maurer vom Gerüst stürzte, leidet er unter Bandscheibenproblemen und fand darum keinen neuen Job. Nun schauen wir ihm dabei zu, wie er scheinbar mühelos einen neuen Teppich ins Auto wuchtet, ein neues Sofa kauft, statt erst einmal die undichten Fenster in der Elendswohnung abzudichten, beim Fastfood-Laden elf doppelte Burger bestellt - und dann seine Frau fragt: "Und was willst du?"

Die Experten schauen, bedenkenschwer kopfwiegend und augenrollend, dabei zu, wie René die Familie beim Sozialamt abmeldet und wie das Ehepaar mit seinen zwei Kindern und den Händen voller Geldscheinen zur Nachbarin paradiert: "Wir haben es geschafft!" Buschkowsky knattert: "Die laufen auf Marshmallows im siebten Kartoffelhimmel."

"Ich will nicht mehr unterste Schublade sein, ich will höher!"

Dann geht es weiter zum nächsten Fall, einer alleinerziehenden Mutter mit fünf Kindern. Der Älteste ist 27 und scheint eher mäßig arbeitsmotiviert. "Ich will nicht mehr unterste Schublade sein, ich will höher! Ich will die Mittelschicht", weint Mutter Cornelia, im Hintergrund das "Love"-Wandtattoo, mit Filzer deprimierend schief an die Wand gekritzelt, und man wünscht ihr sofort echte Hilfe, aufrichtige Unterstützung. Stattdessen steht auch bei ihr der Geldkoffer mit knapp 30.000 Euro vor der Tür, die Kinder öffnen ihn, und Michael Schulte singt dazu die Oho-Ohoohoo-Stelle seines ESC-Schluchzers. Es ist schrecklich zynisch.

Aber natürlich wird es noch schlimmer. Schwenk zurück auf Familie eins, die innerhalb von drei Wochen schon 9000 Euro ausgegeben hat, ohne den geplanten Second-Hand-Laden für Kinderkleidung wirklich auf den Weg zu bringen. Wie die Ölgötzen schauen die Experten dabei zu, man würde ihnen gerne noch etwas Knabberware anreichen. Auch Familie zwei gönnt sich erst mal etwas - aber nur einen vergleichsweise bescheidenen Besuch im Vergnügungspark, teilfinanziert durch gesammelte Rabatt-Gutscheine. Plumper wurde die Spaltergeschichte von den guten Hartzern hier und den schlechten Hartzern dort selten erzählt.

Rosafarbene Naivität

Cornelia will dann mit ihren Kindern einen Imbissladen eröffnen, und es macht einen beim Zuschauen fast rasend, wie man die in Geld- und Gründungsbelangen völlig unerfahrene Frau einfach mal wurschteln lässt - woher sollte sie auch wissen, wie man so etwas anstellt? Eigentlich der perfekte Moment für den hilfreichen Gründercoach, mit ihr einen Businessplan zu erstellen und ihr bei der nötigen Bürokratie zu helfen. Felix Thönnessen lässt die Familie lieber eine Redewendung nachspielen, setzt sie alle ins selbe Boot und geht mit ihnen rudern. Unbeholfen handelt die Familienmutter dann allein um einen gebrauchten Imbisswagen. "Hätten die da nicht einen Fachmann holen müssen?", fragt Ilka Bessin mit rosafarbener Naivität. "Ja, klar", sagt Fachmann Thönnessen.

Aber gut, man ist ja eben abgelenkt, schließlich zeichnen sich gerade bei Familie eins viel interessantere Probleme ab, die man dringend ausleuchten muss: Augenscheinlich läuft es bei René und seiner Frau mit dem Sex nicht mehr, das muss dringend expertenintern besprochen werden, dann eskaliert der Streit zwischen dem Ehepaar komplett. Er verschanzt sich bockig im Auto, "die Seele ist kaputt, das Herz ist kaputt, das Vertrauen ist kaputt", weint sie, "und die Privatsphäre". Aber hey, die Familie hat ja noch drei Folgen, mit den verbliebenen Restkröten ihr Leben wieder in solide Bahnen zu lenken. Die Spannung ist kaum auszuhalten, ob sie es schaffen werden.

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