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04. Dezember 2012, 06:24 Uhr

ARD-Schuldrama

Lasst ihn zappeln!

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Medikamente oder Extrabehandlung? Das ARD-Drama "Zappelphilipp" zeigt eine Lehrerin im Kampf um ein Kind mit Aufmerksamkeitsdefizit und beleuchtet das schwierige System Schule. Ein Film ohne Gebrauchsanweisung - aber mit vielen wahren Momenten.

Ihr bester Freund ist ein Frettchen, seiner eine Computerspielfigur. Hannah Winter (Bibiana Beglau) und der zappelige Fabian (Anton Wempner) sind nicht unbedingt das, was man sozial geerdet nennt. Jetzt muss sich die Grundschullehrerin mit dem sonderbaren Haustier um den Jungen mit dem Aufmerksamkeitsdefizit kümmern. Auf seiner letzten Schule hatte Fabian schnell den Ruf des Problemfalls weg, in der dritten Klasse von Frau Winter soll er neu starten.

Doch schon der Anfang gestaltet sich schwierig. Fabian sprengt die Morgenrunden, indem er sich mit einem imaginären Maschinengewehr auf den Boden schmeißt, beim Rempeln kriegt eine Mitschülerin eine blutige Nase. Doch Frau Winter lässt sich in ihrem Glauben an den Jungen nicht erschüttern. Durch einen "Wutstein", den sie ihm gibt, kann er seine überschüssige Energie auf das Ding in seiner Hand lenken. Und an der Trommel beim Musikkurs findet Fabian auf einmal in den kollektiven Takt der Klasse.

Klingt nach Pädagogen-Romantik? Ist aber das Gegenteil. Regisseurin Connie Walter ist es in ihren Fernsehfilmen immer wieder gelungen, aus schwierigen Stoffen einfache Geschichten zu extrahieren, ohne die dazugehörige soziale Komplexität zu leugnen. In "12 heißt: Ich liebe Dich" erzählte sie glaubhaft von einer Liebesgeschichte zwischen einem Stasi-Offizier und seinem Opfer, in "Frau Böhm sagt nein" beleuchtete sie das Thema Wirtschaftskriminalität aus der Perspektive einer älteren Sekretärin. Die Stories waren einfach - und doch öffnete Walther mit ihren Inszenierungen den gesamten gesellschaftspolitischen Resonanzraum der Themen.

Kinder? Kann ich nicht ab

So jetzt auch bei "Zappelphilipp" (Buch: Silke Zertz). Dabei gibt der Film keine leichten Antworten: Was ist denn nun mit Fabian? Ist er lediglich ein besonders bewegungsfreudiges Kind, das Raum und Freiheit braucht, um sich zu entfalten? Oder ist seine Quirligkeit ein klares Symptom von ADHS, das man mit Psychopharmaka in den Griff bekommt? Und flüchtet sich die Lehrerin gar nur deshalb in die Extra-Betreuung, weil sie nicht mit ihrem eigenen Leben klarkommt? Die Bewertung bleibt offen; die Diagnose ADHS steht im Raum, ohne dass sie verifiziert wird.

Während sich Frau Winter und Fabian, diese beiden auf ihre Weise verirrten Seelen, annähern, wird lakonisch das System Schule beschrieben. Da ist der engagierte Vater einer anderen Schülerin, der dagegen aufbegehrt, dass seine Tochter mit einem Jungen unterrichtet wird, der durch sein Verhalten Minute um Minute vom Unterricht abzieht. Denn Zeit, so der ökonomisch denkende Vater, sei die Währung unserer Zeit. Da ist Winters dünnhäutige Kollegin, die nach einem Zwischenfall auf der Toilette zusammenbricht und sich selbst eingestehen muss, dass sie Kinder eigentlich nicht mag. Muss man ja auch mal sagen dürfen. Und da sind die anderen Lehrer, die verständlicherweise langsam mürrisch werden, weil der schwierige Junge ihnen den Unterricht kaputtmacht. Soll man es doch mal mit Medikamenten bei ihm probieren, hat bei einem anderen Problemfall doch auch prima geklappt.

Lakonisch erzählt der Film von diesen extrem aufreibenden Verständigungsprozessen. Keiner hat hier unrecht, alle Positionen sind verständlich. Wie also weitermachen, ohne zynisch zu werden? Wie Kinder, Eltern und Kollegen in den Griff bekommen, ohne irgendwann erschöpft zusammenzubrechen?

Lehrer sind die Moderatoren unserer Zeit, in ihrem Wirkungsbereich haben sie die großen gesellschaftlichen Einigungsprozesse voranzutreiben. Oder die gesellschaftlichen Bankrotterklärungen zu verwalten. In der stillen Wucht, mit der diese Erkenntnis ausgebreitet wird, ist "Zappelphilipp" der beste Film über das System Schule seit Lars Kraumes Hauptschuldrama "Guten Morgen, Herr Grothe".

Und wie hält man diese permanente Auseinandersetzungen nun aus? Vielleicht sind es diese Szenen in Zeitlupe, die Connie Walther in ihrem aufreibenden, aber niemals verzagten Film einstreut. Da zeigt sie, wie die Lehrerin inmitten ihrer Schüler beim Spielen zur Ruhe kommt. Und wie kurz alle beieinander sind: die Schnellen und die Langsamen, die Ruhigen und die Zappeligen.


"Zappelphilipp", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD

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