Politiker-Doku im ZDF: "Macht ist geil"
Zur Bundestagswahl beschäftigt sich das ZDF mit der Frage, warum sich Politiker ihren Job freiwillig antun. Wegen Einfluss und Geltungsdrang, geben einige vor der Kamera zu. Selbst jene, die wegen einer Krankheit eingeschränkt sind, können ihre drohende Machtlosigkeit nicht akzeptieren.
Berlin - Irgendwas muss diese Politik ja zu bieten haben, sonst würden nicht so viele Menschen versuchen, Politiker zu sein. Insgesamt 4451 Kandidaten treten am Sonntag zur Wahl an, das sind knapp tausend Freiwillige mehr als bei der letzten Bundestagswahl. Aber was, ja was, lockt diese Menschen? Das regelmäßige Gehalt? Das eigene Büro? Die hübsche Visitenkarte?
Peter Harry Carstensen (CDU), sieben Jahre Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, hat die Antwort: "Macht ist geil", sagt er in der ZDF-Dokumentation "Die Getriebenen - Politik bis zur Schmerzgrenze". Er klingt nicht so, als ob er das ironisch meinen würde.
Der Sender strahlt den 30-Minuten-Film am Mittwochabend auf ZDFInfo aus, am Freitag ist er dann auch beim Muttersender zu sehen. Eine Handvoll prominente und weniger prominente Politiker sprechen darin über beruflichen und persönlichen Stress, über Neid und Konkurrenzdruck, über Krankheiten und Eitelkeit.
Nach Angaben der Autoren war der Anstoß zu dem Film der Schlaganfall von Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), der Ende Juli zurücktrat. Ein Schwerpunkt liegt deshalb auf körperlichen Gebrechen von Berufspolitikern, und wie sie damit in der Parlamentsmaschine umgehen. Ähnlich malträtierte Politiker hat man schon in der 3sat-Doku "Volksvertreter - Abgeordnet in den Bundestag" vor drei Wochen gesehen.
"Dann vergessen dich die Leute"
Warum man trotz Handicaps weitermacht, dieses Thema passt gut in einen Wahlkampf, in dem Politiker wie Rainer Brüderle (FDP) ihre Knochenbruch-Reha einfach mal nach hinten verschieben und Urgesteine wie Hans-Christian Ströbele (Grüne) nach ihrer Krebserkrankung nicht Orchideen züchten gehen, sondern einen Wahlkreis gewinnen wollen.
Was wollen sich diese Politiker beweisen?
Vermutlich, so der Subtext der Dokumentation, kann so mancher Mächtiger seine drohende Machtlosigkeit einfach nicht akzeptieren. "Ein bisschen genießt du es ja auch", sagt Linken-Fraktionschef Gregor Gysi, und fügt hinzu: "Wenn du raus bist, vergessen dich die Leute." Die CSU-Politikern Dorothee Bär räumt ein: "Es ist schön, wenn jemand auf einer Veranstaltung sagt: Ich bin nur wegen Ihnen da."
Manchmal ist der Preis der Öffentlichkeit hoch. Der SPD-Abgeordnete Peter Danckert bekam mitten in einer Plenumsrede einen Schlaganfall, für jeden live sichtbar auf Phoenix. Im ZDF-Film hat er einen kurzen Auftritt. Den Mitschnitt seiner Rede kann er sich bis heute nicht anschauen.
Die Doku lässt nur Politiker reden und verzichtet auf einen Off-Sprecher. Das macht den Film puristisch und bringt die Protagonisten trotz der Kürze der Zeit nahe. Stark sind auch Szenen, wenn sich die Porträtierten anscheinend unbeobachtet fühlen.
Eine Schwäche ist, dass sich der Film nicht entscheiden kann, worauf er seinen Fokus legt: Auf das Berauschen am eigenen Einfluss, also die Droge Politik? Oder auf die physische Versehrtheit in einem Job, der eigentlich ein 24-Stunden-Funktionieren voraussetzt?
Die Doku bereichert eine Woche voll hitzigen Wahlkampfgetöses. Allerdings funktioniert der Ansatz, die spannenden Themen Macht und Machtlosigkeit miteinander zu verzahnen, für den Zuschauer nur bedingt.
"Die Getriebenen - Politik bis zur Schmerzgrenze" ist am Mittwoch um 18.15 Uhr, sowie Donnerstag um 10.15 Uhr, auf ZDFinfo zu sehen. Sendetermin im ZDF ist Freitag, 0.00 Uhr.
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