ZDF-Doku über Nicolas Berggruen: Die Entzauberung des Mister Karstadt

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Milliardär, Kunstsammler, Menschenfreund: Niemand verkörpert den Typus des integren Finanzinvestors so perfekt wie Nicolas Berggruen. Die ZDF-Doku "Mister Karstadt" kratzt nun am Image des Kaufhaus-Retters - und punktet dank aufwendiger Recherche.

Karstadt-Eigner Nicolas Berggruen: Finanzinvestor und Society-Star Fotos
dapd

Es gibt ihn dann doch noch, diesen Aha-Moment - aber erst nach einer Dreiviertelstunde. Bis dahin sieht man dabei zu, wie sich Nicolas Berggruen scheinbar den Fragen der Filmemacher stellt - um ihnen nach dem immer gleichen Muster zu entwischen: Er gibt den Ahnungslosen. Doch dann geht es um das Firmengeflecht, über das Karstadt letztendlich dem Nicolas Berggruen Charitable Trust auf den britischen Jungferninseln gehört. Entwirft man eine solche Konstruktion in der Regel nicht, um Steuern zu vermeiden?

Wieder versucht Berggruen den Wirtschafts-Visionär zu mimen, der dem banalen Tagesgeschäft entrückt ist. Dann platzt es doch aus ihm heraus: Natürlich wolle man so effizient wie möglich sein - operativ, aber auch bei den Steuern. Alles sei legal. Der Journalist solle andere große Weltfirmen untersuchen. "Die sind alle so. Das ist nicht bei uns unique."

Wir sind nicht einzigartig, wir machen es so wie alle anderen - Nicolas Berggruen diese Selbstbeschreibung entlockt zu haben, ist eine der stärksten Leistungen des ZDF-Films von Christian Esser und Lutz Ackermann über den schillernden Finanzinvestor. Schließlich gilt der 50-Jährige spätestens seit der spektakulären Übernahme des insolventen Karstadt-Konzerns im Sommer 2010 als Ausnahmeerscheinung des Kapitalismus: ein erfolgreicher Geschäftsmann mit Moral und sozialem Gewissen, dem an der Verbesserung der Welt ebenso viel liegt wie am persönlichen Erfolg. Der Ruf Berggruens beruht darauf, eben nicht so zu sein wie alle anderen im großen Spiel der Firmenübernahmen und -verkäufe.

Gutes tun und Geld verdienen, geht das?

Eben jener Ruf hatte im Sommer 2010 dazu beigetragen, in der Bieterschlacht um den Karstadt-Konzern die wichtige Unterstützung der Gewerkschaft zu erhalten. Zu Beginn zeigt der Film noch einmal Szenen aus jener Zeit, zeigt die Euphorie der einfachen Verkäuferinnen ebenso wie die des Top-Managements angesichts dieses smarten Milliardärs und Kunstliebhabers. Die "Zeit" schreibt im Mai 2010 über ihn, Berggruen konzentriere sich nach dem Tod seines Vaters 2007 "auf sozial orientiertes Investieren: eine Reisfarm in Indonesien, eine Ethanolfabrik in Oregon, Innenstadtsanierung im verarmten Newark in New Jersey. Er will mit Investitionen Gutes tun und zugleich Geld verdienen". Auch über Wind- und Wasserkraftprojekte in der Türkei berichteten die Medien damals.

Esser und Ackermann haben eben jene Vorzeigeprojekte besucht - und in diesen Szenen entfaltet der Film seine größte Kraft: In Newark erklärt der städtische Projektmanager, dass tatsächlich acht große Gebäude entstünden, inklusive dreier Schulen in Public-Private-Partnership und einer Tagesstätte für Kinder, zudem große Ladenflächen und 250 Wohnungen. Natürlich gebe es für so ein großes Vorhaben staatliche Unterstützung - wie viel, vermag er nicht zu sagen. Die Journalisten reichen diese Zahl nach: rund hundert Millionen Dollar an Steuernachlässen. Wie viel Berggruen investiert hat, erwähnen sie hingegen nicht. Nur, dass er selbst den Autoren gegenüber die Renditen aus dem Projekt als gering beziffert hat.

Weiter geht es zur Ethanolfabrik nach Oregon. Der Bundesstaat investierte 25 bis 30 Millionen Dollar in die Infrastruktur, zudem gewährte er Steuernachlässe und vergab einen Subventionskredit über 20 Millionen Dollar. Von den Filmemachern direkt danach befragt, kann Berggruen sich nicht an Subventionen erinnern - später wird sein Büro sie den Autoren zufolge aber bestätigen. Das Werk war insgesamt nur einige Wochen in Betrieb, dann gab es technische Probleme. Berggruen ließ es pleitegehen, Investitionen und Kredit sind verloren. Im Film erklärt der Landrat, der Landkreis sei nun so klamm, dass Behörden und Gerichte freitags geschlossen bleiben müssten.

Kein Dämon - aber auch kein Weltenretter

In der Türkei machen sich die Filmemacher auf die Suche nach den Windrädern und Wasserkraftwerken des Nicolas Berggruen. Obwohl die staatlichen Genehmigungen teilweise seit vier Jahren vorliegen sollen, steht noch kein einziges Windrad. Und gegen die ebenfalls noch nicht gebauten Wasserkraftprojekte und ihre ökologischen Folgen regt sich Widerstand der Bauern im Pontischen Gebirge am Schwarzen Meer.

Es ist die große Leistung der Macher, mit beachtlicher Energie gerade diesen vermeintlich sozialen und ökologischen Investments nachgegangen zu sein, die bislang auch in kritischen Berichten über Berggruen nicht in Frage gestellt wurden. Was Esser und Ackermann über das Karstadt-Engagement des vermeintlichen Retters und das Wirken seines politischen Think-Tanks zusammengetragen haben, ist allerdings nicht wirklich neu.

So vermuten Beobachter spätestens seit dem Angebot Berggruens für den Konkurrenten Kaufhof im vergangenen Herbst, der Investor wolle die Warenhausketten fusionieren - was er auch gegenüber den Autoren bestreitet. Im Film zweifelt der ehemalige Karstadt-Betriebsrat an diesem Dementi und befürchtet Massenentlassungen.

Zur Dämonisierung des Nicolas Berggruen taugt das alles zwar nicht - darauf ist der Film erkennbar auch nicht aus. Doch er korrigiert das Image vom selbstlosen Weltenretter Berggruen. Mit großem Aufwand und über mehr als ein Jahr hinweg haben sie den Investor und seine Projekte begleitet, Bilder und Meinungen aus aller Welt zusammengetragen. Doch am Ende entzaubert sich Berggruen selbst: Er ist nicht einzigartig. Sondern nur ein Finanzinvestor unter vielen anderen.


"ZDFzoom: Mister Karstadt - Der rätselhafte Nicolas Berggruen", Mittwoch 22.45 Uhr, ZDF

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insgesamt 60 Beiträge
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    Seite 1    
1. Wo er recht hat...
keenox 14.03.2012
Na ja, Steuerschlupflöcher über die Seychellen, Jungferninseln etc. zu nutzen machen tatsächlich alle. Er will ja durch seine Projekte Gutes bewirken und nicht durch eine maximale Steuerlast...
2. Die Spur des Geldes...
juergw. 14.03.2012
Zitat von sysopMilliardär, Kunstsammler, Menschenfreund: Niemand verkörpert den Typus des integren Finanzinvestors so perfekt wie Nicolas Berggruen. Die ZDF-Doku "Mister Karstadt" kratzt nun am Image des Kaufhaus-Retters - und punktet dank aufwendiger Recherche. ZDF-Doku über Nicolas Berggruen: Die Entzauberung des Mister Karstadt - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,821104,00.html)
geht über die niederländischen Antillen bis in die Caribik.Da werden die Gewinne transferiert.Cosi fan tutte ! Irgendwann wird Karstadt filetiert und die guten Teile verhökert,der Rest bleibt auf der Strecke.Schlecker läßt grüssen.
3. Der Kollege der TAZ sah das anders
mangeder 14.03.2012
So unterschiedlich kann man ein und dieselbe Sendung sehen: Wo Florian Diekmann hier eine "aufwendige Recherche" gesehen haben will, sah David Denk von der taz die Sendung deutlich kritischer und eher als "Luftaufnahme, statt Zoom", als aufgeblasene "Selbstverständlichkeit" und "pseudoinvestigativ", bei der die ZDF-Redakteure mehr mit Selbstdarstellung als mit Aufdeckung beschäftigt waren: ZDF-Doku über Nicolas Berggruen: Der Zoom ist defekt - taz.de (http://www.taz.de/ZDF-Doku-ueber-Nicolas-Berggruen/!89582/)
4. Egoistische Philantropen?
SPONU 14.03.2012
Zitat von keenoxNa ja, Steuerschlupflöcher über die Seychellen, Jungferninseln etc. zu nutzen machen tatsächlich alle. Er will ja durch seine Projekte Gutes bewirken und nicht durch eine maximale Steuerlast...
Man nutzt also komplizierte Steuervermeidungsmodelle, um mehr Geld in der Tasche zu haben für wohltätige Dienste an der Allgemeinheit?? Hm...ja und weshalb dann nicht gleich Steuern zahlen? Ah, weil man nur ein gewöhnlicher anonymer Steuerzahler wäre und nicht als Gönner in den Schlagzeilen erscheint mit all den Benefits die diese "soziale Statusaufwertung" mit sich bringt?
5. Was er macht
Eluis 14.03.2012
Zitat von sysopMilliardär, Kunstsammler, Menschenfreund: Niemand verkörpert den Typus des integren Finanzinvestors so perfekt wie Nicolas Berggruen. Die ZDF-Doku "Mister Karstadt" kratzt nun am Image des Kaufhaus-Retters - und punktet dank aufwendiger Recherche. ZDF-Doku über Nicolas Berggruen: Die Entzauberung des Mister Karstadt - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,821104,00.html)
geht vollkommen in Ordnung, besser die gesparten Steuern sinnvoll einsetzen, als dem Staat in den Rachen schmeissen, der es flugs nach Griechenland oder sonstwohin transferiert.
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