ZDF-Doku über Merkel: Die One-Woman-Show

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Angela Merkel in einer Schulklasse in Berlin: "Nie in die erste Reihe gestellt" Zur Großansicht
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Angela Merkel in einer Schulklasse in Berlin: "Nie in die erste Reihe gestellt"

Sechs Wochen vor der Bundestagswahl zeigt das ZDF ein Porträt über Angela Merkel. Es soll mehr sein als ein Resümee ihrer zweiten Amtszeit. Allerdings wird Kritik an der Kanzlerin nur dezent geübt - und an ihrer Psyche darf sich sogar ein Astrophysiker versuchen.

Berlin - Sie sind alle schwer begeistert. "Das ist kein Zufall, das ist Leistung", sagt Ex-Ministerpräsident Roland Koch. "Da bewundere ich sie wirklich. Was die Frau alles aushalten muss", ergänzt Finanzminister Wolfgang Schäuble. Selbst Linken-Fraktionschef Gregor Gysi ist beeindruckt von ihrer Durchsetzungskraft. Nur die Grüne Katrin Göring-Eckardt meint: "Sie weiß nicht mehr, wie es den normalen Leuten geht."

Viel Respekt gemischt mit dezenter Kritik, damit beginnt die 45-minütige ZDF-Dokumentation über Angela Merkel, die der Sender am Dienstagabend zur Prime Time ausstrahlt. Sie, damit ist die Kanzlerin gemeint, seit acht Jahren im Amt. Viel Respekt mit dezenter Kritik, dieses Motto zieht sich durch den Film.

Das letzte große ZDF-Porträt vor vier Jahren trug den schlichten Titel "Kanzlerin Merkel". Die aktuelle Doku heißt "Mensch Macht Merkel". Sie will also mehr sein als nur ein Resümee der Legislaturperiode. Die Autoren Bettina Schausten und Mathis Feldhoff bemühen sich, der Kanzlerin nahezukommen. Sie ziehen eine ehemalige Russischlehrerin heran, die von alten Zeiten mit Teenager Angela Kasner erzählt. "Die hätte sich nie in die erste Reihe gestellt", weiß diese zu berichten.

Das "Mensch" im Titel passt zu Merkels Persönlichkeitsoffensive im Wahljahr. In den vergangenen Monaten zeigte sich Merkel auffallend oft in Plauderlaune. Sie schwelgte in Erinnerungen an Kohleöfen und ihren Nebenjob als Bardame, sprach übers Holzhacken und schöne Männeraugen. Im laufenden Wahlkampf gewährt Merkel ungewohnt offene Einblicke in ihr Privatleben.

Ein Astrophysiker analysiert die Kanzlerin

Doch das Ziel, die Person Merkel zu erfassen, gelingt im Film nur in Ansätzen. Das ist kaum verwunderlich. Niemand der vom ZDF befragten politischen Weggefährten, ob Schäuble, Ursula von der Leyen, Philipp Rösler oder der Euro-Rebell Wolfgang Bosbach, würde vor laufender Kamera wirklich interessante Details auspacken.

Also muss ein Experte herhalten, der sich an einer Ferndiagnose der Kanzlerinnenpsyche versucht. In solchen Fällen greifen Medien gern zum Astrophysiker Harald Lesch. Der lästerte in einem Zeitungsinterview einmal über die Kanzlerin, was das Zeug hält, nannte sie eine "visionslose Figur". Merkel verfolge "offenbar nur kurzfristige Interessen in der Politik, keine langen Linien".

Nun darf er im ZDF ihre Qualitäten als Naturwissenschaftlerin loben. Dass es typisch sei, scheinbar unlösbare Probleme in Etappen zu zerlegen und sich so Erfolgserlebnisse zu sichern, "pragmatisch und sukzessive". Außerdem weiß er: "Physiker sind geduldig." Der Wissenschaftler sieht darin keinen Widerspruch - der Sender anscheinend auch nicht.

"Die CDU ist eine One-Woman-Show"

Die Doku ist trotz dieser Schwächen eine solide Dienstagabend-Unterhaltung. Sie fädelt Merkels Großthemen geschickt aneinander, von der Euro-Krise über die Energiewende zur Spähaffäre. Die Musik der bayerischen Band LaBrassBanda und die Sprecherin Hansi Jochmann, der deutschen Synchronstimme von Jodie Foster, machen den Film kurzweilig. Dafür sorgen auch Bilder, die man in der perfekten Kanzlerinneninszenierung sonst selten sieht: Merkel, die beim Hochwasser Plastikschüsseln abtrocknet. Merkel, die nach einer langen Nacht der Euro-Rettung mit zerzaustem Haar ins falsche Mikrofon spricht.

Unterm Strich bleibt aber der Eindruck von merkwürdig zahnlosen Kritikern. Hauptkonkurrent Peer Steinbrück darf zwar wettern, taucht aber nur zweimal kurz auf. Und selbst Göring-Eckardt räumt ein, dass Merkels Euro-Politik nach langem Zaudern "in die richtige Richtung" gehe.

Die spannendste Frage - wer folgt nach Merkel? - wird erst im letzten Drittel thematisiert, die personellen Verluste in Merkels Regentschaft werden in einer Grafik weggeklappt, Jung, Röttgen, Schavan, Köhler, Wulff, klapp klapp klapp. "Die CDU ist eine One-Woman-Show", stellen die Autoren fest. "Starke Ministerpräsidenten werden selten, Nachwuchs ist Mangelware, Traditionalisten begehren auf."

Einer dieser Traditionalisten, der frühere brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm, stellt wehmütig fest: "Die Partei sehnt sich nach Gestaltung." Merkel habe dafür "keine Zeit mehr, vielleicht auch keinen Sinn". Das ist die wohl bissigste Anmerkung im ganzen Filmporträt.


Das ZDFzeit-Porträt "Mensch Macht Merkel" wird am Dienstag um 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt.

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insgesamt 38 Beiträge
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1. Bilder und Realität
der-denker 13.08.2013
Die Liste der schwarzgelben Schandtaten ist so deprimierend lang, warum also sich damit aufhalten? Wir sind doch eine Spaßgesellschaft. Gerade heute las ich im SPON dass die Merkel/FDP-Regierung auf europäischer Ebene erreichte dass der Handel mit illegalem Holz (aus Vernichtung der Regenwälder) nur als Ordnungswidrigkeit behandelt wird. Was heißt - das ist nutzloser Bockmist. Aber Frau Meiritz verfällt auch immer wieder gerne der Faszination der Frau Merkel. Moniert pflichtschuldig dass sie ein One-Woman-Show sei, und wirkt genau daran nach wie vor mit. Hat man sich nicht endlich mal überfressen daran?
2. Mit anderen Worten:
chickenkiller 13.08.2013
GEZ-finanzierte PR-Show für die Kanzlerette (zur besten Sendezeit und vor der Wahl) auf die SpOn mit fettgedrucktem Sendetermin deutlich hinweist?
3.
Olaf 13.08.2013
Zitat von sysopSechs Wochen vor der Bundestagswahl zeigt das ZDF ein Porträt über Angela Merkel. Es soll mehr sein als ein Resümee ihrer zweiten Amtszeit. Allerdings wird Kritik an der Kanzlerin nur dezent geübt - und an ihrer Psyche darf sich sogar ein Astrophysiker versuchen. ZDF-Doku über Angela Merkel: Die One-Woman-Show - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/zdf-doku-ueber-angela-merkel-die-one-woman-show-a-916107.html)
Eine Machtposition hält man, indem man sich mit loyalen Leuten umgibt und mögliche Konkurrenten absägt. So funktioniert Macht seit Jahrtausenden, nur das heute niemand mehr wirklich seinen Kopf verliert, weil er in Ungnade gefallen ist. Meistens jedenfalls. Das führt natürlich dazu, dass irgendwann alle wichtigen Posten mit Leuten besetzt sind, deren herausragende Eigenschaft bedingungslose Ergebenheit ist. Das ist schön für die Mächtigen, aber schlecht für das Land. In einer Demokratie hat man die Möglichkeit diese Verkrustungen durch Wahlen aufzubrechen, in anderen Systemen werden sie dagegen immer dicker und führen irgendwann zur Lähmung.
4. Ob Angela M. wohl auch...
Pollowitzer 13.08.2013
...von ihrer eifrigen Arbeit als Agitprob-Tante im FDJ-Wams berichtet hat? - Oder von ihrer Wandlung von der strammen Hinterhertaumlerin Honeckers zur Hinterhertaumlerin Kohls? ...ne ganz schön heftige Grätsche für die Unbewegliche, oder?
5.
zynik 13.08.2013
Zitat von sysopSechs Wochen vor der Bundestagswahl zeigt das ZDF ein Porträt über Angela Merkel. Es soll mehr sein als ein Resümee ihrer zweiten Amtszeit. Allerdings wird Kritik an der Kanzlerin nur dezent geübt - und an ihrer Psyche darf sich sogar ein Astrophysiker versuchen. ZDF-Doku über Angela Merkel: Die One-Woman-Show - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/zdf-doku-ueber-angela-merkel-die-one-woman-show-a-916107.html)
Oh Gott, das ZDF portraitiert die Sonnenkanzlerin. Wahrscheinlich ähnlich objektiv, wie eine Doku über Erich Honecker im DDR-Fernsehen.
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