ZDF-Doku über Bin Laden Gruselshow mit Terrorphantom

Ist er längst tot? Oder lebt er noch? Und wenn ja, warum hat man ihn immer noch nicht gefasst? Mit einer großen Doku versuchte das ZDF, das Geheimnis um Osama Bin Laden zu lüften. Bei seiner Terroristenjagd hat der Sender kaum eine Verschwörungstheorie ausgelassen.

Von Yassin Musharbash


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Al-Qaida-Chef Bin Laden: Der meistgesuchte Mann der Welt
Es gibt ein sagenhaftes Zitat von Donald Rumsfeld über Osama Bin Laden: "Wir sind ziemlich sicher, dass er entweder lebt oder tot ist", sagte der damalige US-Verteidigungsminister im April 2002. Wer am Dienstagabend die ZDF-Dokumentation "Mythos und Wahrheit. Die Jagd nach Osama Bin Laden" von Michael Renz und Michael Rudin gesehen hat, sollte offenbar mit einem ähnlichen Gefühl der Hilflosigkeit in die Nacht entlassen werden.

Die Filmemacher ließen einen ehemaligen Kampfgefährten Bin Ladens, drei seiner Jäger von der CIA, mehrere Terrorexperten, den Kommandeur eines US-Spezialkommandos, pakistanische Geheimdienstler und Politiker zu Wort kommen. Immer schön gemischt: Hatte gerade ein Experte oder Zeitzeuge erklärt, dass Bin Laden auf gar keinen Fall tot sein könne, folgte der nächste Kenner der Materie - mit der gegenteiligen Botschaft. Eine dreiviertel Stunde lang hieß es: Ja, aber!

Natürlich ist es nicht verwerflich, den Kommentator im Off als Advokaten des Teufels auftreten zu lassen. Diese Taktik hilft dabei, die Zuschauer am Wegzappen zu hindern. Man kann ein solch dramatisches Korsett aber überstrapazieren. Am Ende klingt dann alles wie eine Verschwörungstheorie.

"Oder will man ihn vielleicht gar nicht finden?"

So erklärt der Film eindrücklich, wieso es den USA Ende 2001 nicht gelang, Bin Laden in den Bergen von Tora Bora zu fassen, obwohl man ihn fast in Sichtweite hatte. Es lag an einer Fehlentscheidung in Washington, wie mittlerweile auch der US-Senat festgestellt hat. Afghanische Verbündete sollten den Qaida-Chef damals dingfest machen, US-Spezialeinheiten wurden zurückbeordert, angeforderte Verstärkung nicht gewährt. Ebenso gelungen ist der Rückblick auf Versuche, den Saudi-Araber zwischen 1998 und 1999 aus dem Weg zu räumen sowie die Nachzeichnung der Versuche, die Taliban zu seiner Auslieferung zu bewegen.

Aber warum kontern die Autoren diese historischen Fakten dann mit Fragen wie: "Oder will man ihn vielleicht gar nicht finden?". Raum für Spekulationen bietet das Sujet schließlich genug - aber eben erst ab der Flucht Osama Bin Ladens Ende 2001. Über acht Jahre sind seither vergangen, Bin Laden aber ist noch immer unentdeckt. Wie kann das sein? Lebt er noch? Oder ist er schon lange tot? Das sind legitime Fragen. Es liegt in der Natur der Sache, dass sie an Verschwörungstheorien grenzen. Wer behauptet, dass der Qaida-Chef tot ist, muss schließlich seine zahlreichen Audio- und Videobotschaften seit Ende 2001 erklären.

Gefärbter Bart, dennoch der richtige Mann

Der Wissenschaftler Bruce Lawrence sagt in der ZDF-Doku dazu, er glaube nicht an die Echtheit eines Videos von 2001, in dem Bin Laden die Verantwortung für die Anschläge vom 11. September übernimmt. Es sei nicht seine Art, etwas zuzugeben. Das ist ein schwaches Indiz, denn seitdem hat Bin Laden wiederholt die 9/11-Täterschaft für sich beansprucht.

Der Philosophie-Professor David Griffin erklärt, Osama Bin Laden sei schon lange tot und heute nur noch ein Produkt der Fälscherwerkstätten westlicher Geheimdienste. Diese Verschwörung diene dem Zweck, die Kriege am Laufen zu halten. Mit denen würde schließlich Geld verdient, außerdem brauche man einen Oberschurken. Die Botschaften des Paten: Gefälscht. Griffins Indizien: Schwach bis schlecht.

Hierauf folgt eine der verdienstvollsten Passagen des Films: Das ZDF und die BBC, die den Film gemeinsam produziert haben, lassen Andy Laws, einen Experten für forensische Gesichtserkennung, darlegen, dass auch die umstrittenen Bin-Laden-Videos in der Tat den richtigen Mann zeigen - selbst wenn sein Bart in einem Video gefärbt ist, was Griffin gerade noch für ein Indiz mangelnder Authentizität hielt.

Alles klar also? Nein, denn der Film spielt damit, alles gleich wieder in Frage zu stellen. Die Bilder mögen ja echt sein. Aber: Geheimdienste können die Sprache manipulieren und "jeden alles sagen lassen"! Außerdem: Wieso schreibt der (angebliche) Linkshänder Bin Laden in diesem einem Video mit rechts? Und überhaupt: "Wer hat eigentlich wirklich ein Interesse daran, Bin Laden zu fangen?"

Nicht eingegangen wird auf die bei Verschwörungsalarm zwingende Frage, wieso ausgerechnet ein Teil der Publikationen von al-Qaidas Propagandaabteilung gefälscht sein soll, die Bin-Laden-Videos nämlich, die anderen Publikationen aber nicht - also zum Beispiel jene, in denen al-Qaida Jahre nach 9/11 Abschiedsvideos der Attentäter eingebaut hat? Und was wäre, wenn der TV-Sender al-Dschasira, bei dem ein Teil der Bin-Laden-Botschaften in Umschlägen abgeliefert wird, Teil dieser Verschwörung wäre?

Nerviges Begleitgeraune

Immerhin vermeiden es die Filmemacher, sich auf eine Verschwörung festzulegen. Es kommen auch nüchterne Beobachter ausgiebig zu Wort. Der Ex-Dschihadist Noman Benotman etwa mit der schlichten Aussage, dass der Rest von al-Qaida kaum dabei mitspielen würde, wenn die CIA Bin Laden künstlich am Leben erhält und Videos in seinem Namen produziert. Oder der Berliner Terrorexperte Guido Steinberg mit der simplen Feststellung, dass westliche Geheimdienste aus Mangel an Kompetenz kaum zu so einer Operation in der Lage wären. Die Theorie, dass Bin Laden wegen eines Nierenleidens in zwei Krankenhäusern in Rawalpindi und Dubai gewesen sei, wird von den Autoren sauber dekonstruiert.

Allein: Diese und andere gute Passagen wären ohne das nervige Begleitgeraune besser zur Geltung gekommen. Das ist schade, weil es an sich ein lohnender Ausflug des ZDF in die Jagdgründe am Hindukusch war.

Im Grunde bot der Film zwei gleich gruselige Interpretationen an: Wenn der Qaida-Chef noch lebt, dann ist er im Wortsinne unfassbar schlau. Und wenn er längst tot ist, dann spielen unsere eigenen Geheimdienste womöglich ein grausames Spiel mit uns.

Einen echten Fauxpas haben sich die Autoren allerdings erlaubt. Es ist nicht nachvollziehbar, wieso sie David Griffin nur als Wissenschaftler einführen - aber mit keiner Silbe erwähnen, dass er einer der führenden 9/11-Verschwörungstheoretiker ist, der noch immer die "wahren Täter" dieser "Verschwörung" sucht. Dieser Kontext war den Filmemachern anscheinend peinlich. Wieso aber lassen sie Griffin dann überhaupt so ausführlich zu Wort kommen?



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