ZDF-Drama über Beate Uhse Spießer, lasst die Triebe sprießen

Frei ist nur die Frau: Franka Potente tritt im ZDF-Film "Beate Uhse" als legendäre Erotikunternehmerin gegen verklemmte Männer an. Ein freigeistiges Stück deutscher Sittengeschichte, fern von Sensationsgier.

ZDF

Von Daniela Zinser


Schaut man mal ins Schaufenster eines "Beate Uhse"-Shops, dann lächeln einen rotglänzende Lack-BHs, bonbonfarbene Gummipenisse und vergilbte DVD-Hüllen an. Kann das bitte mal jemand neu dekorieren? Schließlich gilt es einen Ruf zu verteidigen. Irgendwann war da doch mal was mit einem "Fachgeschäft für Ehehygiene" und heißbegehrter Schmuddelware per Post aus Flensburg. Das Erotik-Unternehmen als Bollwerk gegen deutsches Spießertum. Aber das Internet besorgt es inzwischen längst viel schneller. Beate Uhse, das ist die gute alte Bundesrepublik. Fast hätte man sie vergessen.

Fotos kennt man von der Unternehmerin, sie zeigen eine burschikose Dame, braungebrannt und mit grauem Kurzhaarschnitt. Aber wer war die Frau hinter der Marke, diese weibliche Ausgabe von Oswalt Kolle?

Ausgerechnet ein ZDF-Sonntagsfilm widmet sich nun der 2001 mit 81 Jahren verstorbenen Beate Uhse und will "tiefe Einblicke in ihr Privatleben" zeigen. Damit die Zuschauerin, die zu dieser Zeit ihr einlullendes Pilcher-Programm erwartet, nicht verschreckt wird, hängt an der "Beate Uhse" noch der Untertitel "Das Recht auf Liebe" dran. Das ist ja, wie hübsch, gleichermaßen körperlich wie seelisch zu verstehen.

Franka Potente ist die Uhse in diesem Film und ein Grund, warum sich das Einschalten lohnt. Ein weiterer ist, wie es gelang, eine Biografie so zu verfilmen, dass man sich nicht nach einer halben Stunde schon fragt, warum die Frau denn so alt werden musste. Denn das Leben ist meist zu langatmig, zu sperrig, es entzieht sich den dramaturgischen Gesetzen. Hier aber könnten es gern mehr als 110 Minuten sein. Auch, und das ist der dritte Teil des Lobes, weil es nicht oft eine so lebensechte starke Frau zu sehen gibt im Fernsehen - und so schwache Männer.

Der erste Sex-Shop der Welt

Erst einmal jedoch Kritik: Die Rahmengeschichte ist Kitsch. 1972 spielt sie, Beate Uhse verteidigt in einem spektakulären Prozess gerade den Orgasmus vor Gericht und sorgt als Folge dafür, dass der sogenannte Unzuchtparagraf 184 in wesentlichen Teilen gelockert wird. Ein guter Anlass, um auf ihr Leben zurückzublicken. Mit ihrem neuen, um einiges jüngeren Partner sitzt sie da und erzählt von früher. Er darf sie dabei anhimmeln und Sachen sagen wie: "Du wurdest gebraucht. Das muss dich sehr stolz gemacht haben."

In Rückblenden zeigt der Film, wie die Pilotin Beate Uhse mit ihrem Sohn und einem geklauten Flugzeug vor den Russen flieht, wie sie nach einem Unfall monatelang kämpft, um wieder gehen zu können, wie sie ihren zweiten Mann Ewe Rotermund kennenlernt und mit ihm Schritt für Schritt ihr Erotik-Imperium aufbaut, vom Informationsblatt zur Verhütung nach Knaus-Ogino bis zum ersten Sex-Shop der Welt. Ein Konzern entsteht: Das Private ist hier mit Politischem verschränkt, Liebe mit Geschäft, Erfolg auf der einen mit Niederlage auf der anderen Seite.

Deutschland ist grau in diesen Zeiten, liegt in Staub, Schutt und Asche, erst Richtung Siebziger wird es bunter. Detailreich und anschaulich wird hier Nachkriegsgeschichte erzählt, kombiniert mit Originalaufnahmen. Dieser eigentliche Hauptteil des Films von Timo Berndt (Drehbuch) und Hansjörn Thurn (Regie) zeichnet lebendig nach, wie es damals wohl gewesen ist mit den Sprüngen von der Treppe, die unerwünschte Schwangerschaften wegmachen sollten; mit Erwachsenen, die fragten, ob die Kinder durch den Bauchnabel zur Welt kommen; mit Staat und Kirche, die Unzucht und Begierde verdammten als Angriff auf Anstand und Moral.

Auf Tour mit dem Verhütungsratgeber

Es ist denn auch der Katholische Volkswartbund, der mit Hilfe des Staatsanwalts versucht, der Uhse das schmutzige Handwerk zu legen. Mehr als 2000 Verfahren steht sie mit ihrem Anwalt durch. Im biederen Büro verfasst sie Ratgeber zum Eheleben, während ihr eigenes ihr immer mehr entgleitet. Franka Potente spielt Uhse mit herbem Charme, patent, gradlinig, beruflich furchtlos, privat manchmal zum Wütendwerden passiv. Wenn ihr die Worte fehlen, zeigen die Züge um den Mund ihre Empörung. Herrlich naiv geht sie auf Tour für ihren Verhütungsratgeber, spricht stiernackige Männer in Hauseingängen an, die sie prompt fortjagen. Sie fährt durchs Land, um ihre Kataloge auszuliefern und Porto zu sparen, riskiert stets all ihr Geld.

Ihr Mann Ewe, aus dem Krieg mit einer Sehnsucht nach Sicherheit und frischer Luft zurückgekehrt, will das alles bald nicht mehr mittragen. Je weniger es zu Hause klappt, desto mehr Energie steckt Beate Uhse in die Firma. Die Bedürfnisse ihres Mannes, der nicht mehr im Haus leben will, kommentiert sie knapp mit einem: "Gut, dann zelten wir eben." Sie will die starke Unternehmerin sein und fordert zugleich das Heim-Garten-Kinder-Paket, nach dem Vorbild ihrer Eltern, die immer gemeinsam auf ihrer Holzbank saßen.

Die Bank in Uhses Garten bleibt meist leer. Bis Ewe mit seiner Geliebten dort sitzt. Die Ohrfeige, die Uhse ihrer ehemaligen Mitstreiterin gibt, ist eine für den Verrat, dafür, dass die sie mit der Heimchen-am-Herd-Nummer aussticht. Ihren Mann möchte sie trotzdem zurück. Beate Uhse will, was sie ablehnt. Und umgekehrt.

Die Stärke der Frau Uhse ist die Schwäche der Männer. Allen voran des geifernden Staatsanwalts (Sylvester Groth), der die Unternehmerin mit sadistischem Eifer jagt, während seine eigene Frau im Schlafzimmer ruft: "Ich will einen Orgasmus!" Er zieht aufs Sofa, unfähig zur Kommunikation. Komplexe und Ängste machen auch Uhses Mann Ewe sprachlos, der sich seiner Frau unterlegen fühlt. Hans-Werner Meyer spielt ihn so, dass man glaubt, all seine Erfahrungen miterlebt zu haben. Und ihr Anwalt, wunderbar verkörpert von Henry Hübchen, hat dank Uhses Kampfeswillen überhaupt erst weiterleben wollen.

Der Film erzählt, fern von Sensationsgier, Sittengeschichte und gleichzeitig von einem Leben mit allen Widersprüchen. Die Unternehmerin Beate Uhse, das zeigt die ZDF-Produktion, opfert die Liebe dem Geschäft. Eine Wertung darüber wird glücklicherweise offengelassen.


"Beate Uhse - Das Recht auf Liebe", Sonntag 20.15 Uhr, ZDF

insgesamt 15 Beiträge
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werauchimmer 08.10.2011
1. Eine großartige Frau
Hoffentlich kommt in der Biographie auch ihre Karriere als Fliegerin vor 1945 genügend zur Sprache. Ich habe erst vor kurzem davon erfahren, dass auch Beate Uhse neben Hanna Reitsch und einer Handvoll anderer starker Frauen enorm viel zur Entwicklung der Luftfahrt beigetragen haben. Leider finde ich den Artikel (ich glaube, es stand in "Eines Tages") nicht mehr.
christiane006, 08.10.2011
2. nein danke.
Zitat von sysopFrei ist nur die Frau: Franka Potente tritt*im ZDF-Film "Beate Uhse" als legendäre Erotikunternehmerin*gegen verklemmte Männer an. Ein*freigeistiges Stück deutscher Sittengeschichte, fern von Sensationsgier. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,790236,00.html
ich habe mir ein paar Dialoge aus diesem Film angehört und kann nur feststellen, so etwas plattes, kann sich antun wer will. Das ist schon beinahe wieder komisch, Frau Uhse hätte sicher etwas intelligenteres verdient.
albert schulz 08.10.2011
3. Absurdistan
Es ist richtig abstrus, wenn der Prüden – Porno berichtet, daß Beate Uhse als sentimentaler Kitsch am Sonntag im Rentnerfernsehen läuft. Auch die Besetzung ist der reine Wahnsinn, Spannung pur. Früher hieß das Dadaismus. Heute dürfte wohl das Ziel verfolgt werden, die Leute aus dem Land zu jagen oder sie zur endgültigen Zerstörung ihres geliebten Fernsehers zu animieren. Eins muß man ZDF und den Produzenten lassen: auf so eine Idee muß man erst mal kommen. Bei echten Helden geht es schneller: Sony will Steve Jobs' Leben verfilmen, obwohl der Mann noch nicht unter der Erde ist. Geschäftstüchtig. Vermutlich ganz ohne nackte Frauen. Ist aber bei Uhse auch nicht zu gewärtigen. Ihr braucht also keine Angst zu haben. Vermutlich wird es reihenweise Viehzeug zu sehen geben, um das sich die gute Frau sorgt und kümmert. Das Schöne an der guten Beate ist, daß für sie Sex ähnlich prosaisch ist wie Kartoffelschälen. Das wird im Film aber gesichert nicht überzeugend herausgearbeitet. Wie in ihrem filmischen Nachruf, der sie als gnadenlos nüchtern beschrieben hat. Eben ganz Frau.
DasReptil 08.10.2011
4.
Zitat von sysopFrei ist nur die Frau: Franka Potente tritt*im ZDF-Film "Beate Uhse" als legendäre Erotikunternehmerin*gegen verklemmte Männer an. Ein*freigeistiges Stück deutscher Sittengeschichte, fern von Sensationsgier. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,790236,00.html
Wenn ich nur schon "ZDF-Drama" lese, schwant mir Übles. Da würde ich mich lieber 2 Stunden vors Aquarium setzen als mir auch nur 1 Minute dieses Machwerkes anzusehen.
Gesellschaftskritiker 08.10.2011
5. Spießer?!
In der letzten Zeit fällt mir auf, dass jeder, der sich nicht mit Pornographie und generell der Sexualisierung unseres gesamten Lebens anfreunden kann, als Spießer beschimpft wird. Ich kann Leute, die mit Sex Geschäfte machen, überhaupt nicht leiden, somit auch nicht Uhse. Wenn ich dadurch zum Spießer werde, ist dies für mich ein Lob.
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