ZDF-Drama über Heimkinder: Endlich wieder Würde

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Jugend im Heim: Sexualität, Freiheit, Spaß - alles ist verboten Fotos
ZDF

Gefangen, geschlagen, gedemütigt: Der ZDF-Film "Und alle haben geschwiegen" nach dem Enthüllungsbuch von SPIEGEL-Autor Peter Wensierski macht das Schicksal von ehemaligen Heimkindern erlebbar - auch durch das feinfühlige Spiel von Senta Berger und Matthias Habich.

Was wollen die denn jetzt noch? So schlimm wird es schon nicht gewesen sein. So war das eben damals. Muss man das heute alles noch mal durchkauen? Haben wir nicht anderes zu tun? Der Kirchenmann (Stephan Grossmann) wird ungeduldig. Da hat man sich schon die Zeit genommen, diesem seltsamen Buchhändler zuzuhören, hier vor dem Runden Tisch im Deutschen Bundestag, damit er diese alte Geschichte aus seiner längst vergangenen Kindheit erzählen kann, die Geschichte seines Lebens in einem kirchlichen Heim, und jetzt sitzt der nur da, druckst herum, stottert, will sogar wieder gehen, das ist doch Zeitverschwendung, warum stellt er sich denn so an?

"Ich habe Angst, dass Sie mich schlagen", sagt Paul Berghoff (Matthias Habich). Und wieder packt den Zuschauer die Wut, wie so oft während des ZDF-Films "Und alle haben geschwiegen".

Über 800.000 Mädchen und Jungen waren zwischen Kriegsende und 1975 in westdeutschen Heimen untergebracht. In den sechziger Jahren gab es etwa 3000 solcher Einrichtungen, zwei Drittel davon standen unter kirchlicher Leitung, ein Viertel war staatlich, der Rest privat organisiert. Etwa die Hälfte der Insassen konnte das Heim nach zwei bis vier Jahren wieder verlassen, der Rest blieb bis zur Volljährigkeit, bis zum 21. Lebensjahr - die gesamte Kindheit und Jugend lang.

Kindheit hinter Gittern

Wie es hinter den Mauern dieser Einrichtungen zuging, hat der SPIEGEL-Journalist Peter Wensierski aufgeschrieben. Sein Buch "Schläge im Namen des Herrn", erschienen 2006, beschreibt aus der Perspektive der Opfer, wie es war, pädagogisch schlecht oder gar nicht ausgebildeten Erziehern und Aufsehern ausgeliefert zu sein, verprügelt zu werden für Ungehorsam oder schlicht aus Willkür, keine schulische Ausbildung zu bekommen, dafür Zwangsarbeit verrichten zu müssen, eingesperrt zu werden in "Besinnungsstübchen" genannte Kerkerzellen.

"Schläge im Namen des Herrn" brachte eine Tatsache ans Licht, die lange verdrängt worden war: Auch in der Bundesrepublik gab es staatlich sanktionierte Menschenrechtsverletzungen. Wensierski brachte den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags dazu, sich mit dem Schicksal der ehemaligen Heimkinder zu beschäftigen, im November 2008 erklärt dieser sein tiefes Bedauern über "erlittenes Unrecht und Leid, das Kindern und Jugendlichen in verschiedenen Kinder- und Erziehungsheimen in der alten Bundesrepublik in der Zeit zwischen 1945 und 1970 widerfahren ist". Ein Runder Tisch wurde eingerichtet, seit 2012 gibt es einen Entschädigungsfonds für die Opfer. Eine späte Genugtuung.

Allerdings erreicht ein Sachbuch wie das Wensierskis nur einen kleinen Teil der Öffentlichkeit, nur solche Menschen, die bereit sind, sich aktiv mit diesem dunklen Kapitel bundesrepublikanischer Geschichte zu befassen. Umso wichtiger ist der Film "Und alle haben geschwiegen", den das ZDF am Montag ausstrahlt - für ein breites Publikum, das sich vielleicht nur berieseln lassen möchte am Feierabend, das dann aber eintaucht in eine finstere Realität.

Verlieben verboten

Auf der Grundlage von Wensierskis Buch erzählt die Fernsehproduktion die aus realen Versatzstücken konstruierte, fiktive Geschichte der Heimkinder Luisa und Paul, überzeugend dargestellt von Alicia von Rittberg und Leonard Carow. Luisas alleinerziehende Mutter wird schwer krank und kann sich nicht um die Tochter kümmern - und mit dem Segen des Jugendamtes landet das Mädchen in einem kirchlichen Erziehungsheim.

Was man bisher nur aus abstrakten Erzählungen kannte, macht der Film emotional erfahrbar: Wie eine Gefangene wird Luisa herumkommandiert, ihr Haar wird geschoren, selbst ihre Identität wird ihr geraubt: Sie ist nicht mehr Luisa, sie ist nur noch eine Nummer. Beschwert sie sich, wird sie gemaßregelt, begehrt sie gegen Ungerechtigkeit auf, wird sie geschlagen. Die verliebten Blicke der Teenagerin, die sie dem Jungen Paul zuwirft, werden argwöhnisch von den verhärmten Schwestern registriert, Sexualität ist verboten, Freiheit ist verboten, Spaß ist verboten, alles ist verboten. Das Heim ist ein Gefängnis.

Eingebettet ist diese traurige Geschichte in eine aktuelle Rahmenhandlung: Viele Jahre später reist Luisa, mittlerweile in den USA lebend, nach Deutschland zurück, um vor dem Runden Tisch über ihre Erfahrungen zu berichten. Und hier trifft sie auch Paul wieder. Ihre Jugendliebe hat nicht gehalten, auch sie ist ein Opfer der grausamen Heimerziehung. Die ehemaligen Heimkinder werden als Erwachsene dargestellt von Senta Berger und Matthias Habich - und diese Besetzung ist ausgezeichnet.

Nicht nur, weil beide hervorragende Schauspieler sind und in der Lage, den naturgemäß etwas hölzernen Szenen vor dem Parlamentsausschuss Leben einzuhauchen. Sondern vor allem auch, weil die über viele Jahre stimm- und rechtlosen Heiminsassen, die vor Scham geschwiegen haben über ihr Schicksal, so ihrer Opferrolle entkommen. Zwei der besten deutschen Schauspieler spielen die Heiminsassen - das sind keine kaputten Existenzen, sondern Stars. "Und alle haben geschwiegen" gibt den Opfern zurück, was ihnen im Heim geraubt wurde: Ihre Würde.


"Und alle haben geschwiegen", Montag, 20.15 Uhr, ZDF. Im Anschluss um 21.45 Uhr folgt eine Dokumentation

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1. Kinderheime
hubertrudnick1 04.03.2013
Zitat von sysopGefangen, geschlagen, gedemütigt: Der ZDF-Film "Und alle haben geschwiegen" nach dem Enthüllungsbuch von SPIEGEL-Autor Peter Wensierski macht das Schicksal von ehemaligen Heimkindern erlebbar - auch durch das feinfühlige Spiel von Senta Berger und Matthias Habich. ZDF-Film "Und alle haben geschwiegen" über Heimkinder - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/zdf-film-und-alle-haben-geschwiegen-ueber-heimkinder-a-886644.html)
Das war doch die typische Erziehung in deutschen Kinderheimen, alles streng nach christlicher Auffassung. Vonwegen, alle haben nur geschwiegen, sie wußten was sich dort alles unter den Deckmantel der Erziehung so abspielt sie haben nicht nur geschwiegen, sondern sie haben es geduldet und auch so zugestimmt. Das Jammern von heute ist auch nur eine Art sich zu verteidigen, ob sich all die Erwachsenen dafür geschämt hatten, ich glaube es nicht. HR
2. optional
seduro34 04.03.2013
Zu diesem Thema gibt es schon einen ausgezeichneten Film "Die unbarmherzigen Schwestern". Man darf gespannt sein, wie das ZDf das Thema umgesetzt hat.
3. An Geschehenem kann man nichts mehr ändern.
n+1 04.03.2013
Aber es ist leider auch kein Lerneffekt zu vermelden. Die damals (und auch später) Verantwortlichen genießen heute ihre Mondpensionen. Organisationen wie die christliche Kirche bekommen noch nach 200 Jahren Kompensationszahlungen für ihre Gebietsverluste aus dem Reichsdeputationshauptschluß (allein das Wort gehört verboten). Der Staat zieht Kirchensteuer ein. Wieso? Wenn man Terror bekämpfen will, dann soll man auch vor der eigenen Haustüre anfangen.
4. Das ist genau die richtige Erziehung...
Dr.W.Drews 04.03.2013
.. denken sich die meisten CSU-Wähler. und sicher auch einige CDU-Wähler. Und fast alle Parteifunktionäre dieser Parteien sind auf ihrer Seite. Alle anderen denken mit Schrecken an die 50er Jahre zurück.
5. Die nie endende Rache der Besatzer....
at.a.glance 04.03.2013
Nach dem verlorenen Krieg, eine verlorene Kindheit.....ab ins Heim, wenn dein Vater ein Amerikaner war....Justice for another Generation... should you or would you expect remorse?....even for the innocence?, Far from it, absolutely no guilty feeling... http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-49976912.html http://www.dw.de/the-allies-human-legacy-lives-on/a-1572678
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