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ZDF-Film zu Japan: Missratener Katastrophen-Mix

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Der Clip zur Katastrophe: Im "heute-journal" präsentierte Marietta Slomka einen Beitrag, in dem verstörende Bilder aus Japan zum Stimmungsfilmchen mit Pop-Soundtrack verschnitten wurden - ein Totalausfall. Die Apokalypse in MTV-Ästhetik zu zeigen, muss trotzdem nicht schlecht sein.

Marietta Slomka am 12. März: Erst der Katastrophen-Trailer, dann das Wetter Zur Großansicht
ZDF

Marietta Slomka am 12. März: Erst der Katastrophen-Trailer, dann das Wetter

Wer immer dieses Filmchen geschnitten hat - sie oder er könnte prima als DJ arbeiten: Gerade setzt das britische Pop-Kollektiv Massive Attack im Hit "Teardrop" zum großen warmen Moll-Akkord am Piano an, da fliegt Block 1 des Atomkraftwerks Fukushima in die Luft: Und es hat Wumm gemacht, ein wohliges Gefühl breitet sich in der Magengegend aus. Und das, obwohl man doch eben das zentrale Bild der größten Katastrophe in Japan seit Ende des Zweiten Weltkriegs gesehen hat.

War es wirklich eine gute Idee, dass das ZDF in seiner extralangen Ausgabe des "heute-journals" Samstagnacht die "Bilder des Tages" zu einer Art Trailer der Katastrophe zusammenschneiden ließ, um diese dann auch noch mit der eleganten melancholischen Elektronik-Symphonie von Massive Attack zu unterlegen? Degradierte sich Moderatorin Marietta Slomka auf diese Weise bei ihrer Ansage nicht automatisch zur VJane der Apokalypse? Zu finden ist der betreffende Beitrag noch immer in der ZDF-Mediathek ( ab Minute 52:45).

Angetreten von einem kritischen Blogeintrag im Medien-Portal carta.de hat sich eine Diskussion entsponnen, wieviel emotionalisierende oder anderweitig stimulierende Musik eigentlich einem aktuellen Nachrichtenbeitrag angemessen ist. Wie kann man Nachrichten und die dazugehörigen Bilder verarbeiten, wenn einem liebliche Melodien die Gehirnwindungen verkleistern? Oder wenn einen der Beat schneller vorantreibt als es der eigenen Reflexionsgeschwindigkeit angemessen erscheint?

Emotionalisierungsschraube gegen Erkenntnishunger

In seiner massivsten Form aufgetreten ist dieses Phänomen in Folge der Angriffe aufs World Trade Center, als Bilder der zusammenstürzenden Türme mit Enyas Schmachtfetzen "Only Time" unterlegt und in variierender Form wieder und wieder durch die Nachrichtensender überall auf der Welt abgespult wurden: der Massenmord als Esopop-Spot. Pietätlos? Nicht wirklich.

Klar, die Medienkritik war empört - dabei hatten die Enya-Filmchen durchaus eine gewisse Berechtigung: Die Nachrichtenlage hatte bei ihrer Verbreitung einen gewissen Sättigungsgrad erreicht, die Katastrophe aber war längst noch nicht bewältigt. Der Musik von Enya kam die Funktion eines Requiems für die Opfer zu, mit der das noch nicht zu Fassende überstanden werden sollte. Das kann man geschmacklos finden, aber Grabgesänge dienen nun mal nicht der Analyse. Erlaubt ist, was den Trauernden hilft.

Genau bei diesem Aspekt erweist sich das ZDF-Besinnungsfilmchen, das am Samstag zum Abschluss einer ansonsten übrigens exzellenten, überlangen Krisen-Ausgabe des "heute-journals" ausgestrahlt wurde, allerdings als problematisch: Denn was genau sollte der Zuschauer, der eben gerade erst über die wichtigen, aber im Prozess noch völlig offenen Ereignisse informiert worden war, zu diesem Zeitpunkt betrauern? Opferzahlen und Verseuchungsgrad waren (wie jetzt immer noch) völlig offen. Wo der Erkenntnishunger hätte stimuliert werden müssen, wurde gefährlich an der Emotionalisierungsschraube gedreht. Danach kam das Wetter, der Frühling naht, wie schön.

So präsentierte das "heute-journal"-Stimmungsschmankerl die Katastrophe als in sich geschlossene Erzählung, bei dem die Explosion im AKW den Höhepunkt darstellte - samt dramatischem Schlussakkord in Moll. Dass nun ausgerechnet Massive Attack in die Hände der Master-of-Desaster-DJs des ZDF gefallen sind, ist besonders prekär, gelten die TripHop-Großmeister doch als medienkritisch.

Bleibt zu hoffen, dass das Zweite den Katastrophen-Remix in den nächsten Tagen nicht noch einmal auflegt.

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insgesamt 138 Beiträge
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1. Von Gestern
Gani, 14.03.2011
Willkommen im 21. Jahrhundert. Nachrichtensender anderer Länder tun dies schon seit Jahren, allen voran CNN. Wieso gibts dazu keine blog Debatte oder vom hohen moralischen Ross vorgetragene Standpauken?
2. Was ist daran
Hausdrachen 14.03.2011
neu? Bei 9/11 wurden die Katastrophenbilder mit der unsäglichen Harfen-Musik von Enya unterlegt und gelangten sogar in die Hitparade. Angesichts der Würde und zur Schau getragenen Ruhe der Japaner wäre es wünschenswert, wenn sich mindestens die Hälfte der ausländischen Medien aus Japan verzieht, die Endlosschleifen der immer gleichen Bilder verschwinden und die zum Teil grauenhaft lobbyistische Berichterstattung wesentlich mehr zurückhält. Das Ganze ist Voyeurismus und Betroffenheitsfanatismus pur.
3. Massive Attack? Sieg der Pietätlosigkeit
Golden Age 14.03.2011
Als wenn man die Dramatik und Melancholie des Ganzen noch erhöhen musste, musste man also auch noch "Massive Attack" einspielen. Vielleicht sollte der Namen der Band noch ein kleiner ironischer Wink mit dem Zaunpfahl sein? Das Medienzeitalter scheint so manchen so abzuhärten, dass Pietätlosigkeit auch noch zelebriert wird. Liebes ZDF, einfache Anteilnahme kann man auch ausdrücken ohne vordergründige Musik dazu zu mixen und wie einen schlechten Film zusammen zu schneiden.
4. hm..
ralfbb 14.03.2011
Das ZDF gibt sich eh schon seit einigen Jahren wie ein Unternehmen, dass am Neuen Markt notiert ist. Vor lauter Kreativitaet wird man hier fast erschlagen. Peinlich nur die vielen Missgeschickte. Vielleicht hat sich ja mit der Zeit einiges geaendert - ich schaue kein ZDF und fast kein Fernsehn mehr - aber vielleicht faeengt das Heute-Journal zur Abwechslung auch mal wieder puenktlich an. Trotzdem dieses staendige Rumgefetze beim ZDF nervt schon gewaltig.
5. Mal vor der eigenen Haustüre kehren!
jewast, 14.03.2011
Zitat von sysopDer Clip zur Katastrophe: Im "heute-journal" präsentierte Marietta Slomka einen Beitrag, in dem verstörende Bilder aus Japan zum Stimmungsfilmchen mit Pop-Soundtrack verschnitten wurden - ein Totalausfall. Die Apokalypse in MTV-Ästhetik zu zeigen, muss trotzdem nicht schlecht sein. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,750775,00.html
Ähhhhh, habe ich in Spiegel TV nicht so ziemlich genau das gleiche gesehen??
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