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Schöner fernsehen

ZDF-Gala "Auf der Flucht - Deutschland hilft!" Die Verteddybärisierung der Flüchtlinge

ZDF-Moderator Kerner: "Danke, danke und nochmals danke!" Zur Großansicht
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ZDF-Moderator Kerner: "Danke, danke und nochmals danke!"

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Mit der konfusen Gala "Auf der Flucht - Deutschland hilft!" klopfen Johannes B. Kerner und das ZDF dem hilfsbereiten Deutschland so stark auf die Schulter, dass es schmerzt.

Bevor der Flüchtlingschor Zuflucht mit einer arabisierten Version der Ode an die Freude deutsche Hochkultur verhohnepiepelt, befragt Johannes B. Kerner die ehrenamtliche Chorleiterin nach ihren Wünschen: "Wir brauchen noch einen liebvollen reichen Mäzen, er darf auch gerne eine Schirmherrschaft übernehmen", sagt sie und fügt dreist hinzu: "Wenn er nicht eben Waffenhändler ist."

Es ist einer von genau zwei allzu kurzen Augenblicken, an denen versehentlich die andere Seite einer Wahrheit aufblitzt, der dieser wenig sägliche Abend ausschließlich gewidmet war: "Auf der Flucht - Deutschland hilft!", und zwar nicht nur aus ganzem Herzen, sondern auch öffentlich-rechtlich und damit aus Staatsräson. Da passt ein beiläufiger Hinweis darauf schlecht ins Konzept, dass dieses Land als drittgrößter Waffenexporteur der Welt an Schutt und Asche gar nicht mal so schlecht verdient. Entsprechend pikiert wird dieser dämonische Gedanke vom Studiopublikum und Kerner mit einem satten "Hohoho" exorziert.

"Wir" sind mal wieder richtig stolz auf "uns"

Zu Beginn fordert Kerner die Zuschauer auf, mal "für drei, vier, fünf Sekunden", soviel Zeit muss sein, über das Foto eines verheerten Straßenzugs in Aleppo zu meditieren. Daraus ergäbe sich dann das Verständnis für Fluchtgründe ganz von selbst. Überhaupt: "Menschen auf der Flucht, Deutschland hilft. Das sind nur sechs Worte, aber mit diesen sechs Worten" sei das Konzept dieser Livesendung bereits hinreichend umschrieben. Das ist alles richtig. Aber sollte es Gegenstand einer Unterhaltungssendung sein? Wie wäre es mit einem Musical?

Dabei gab sich das ZDF sichtlich Mühe, den emotionalen Rahm der derzeitigen Hilfsbereitschaft abzuschöpfen und mit den Mitteln des Privatfernsehens zu präsentieren: Seht her, es geht! Zu gefühligen Klavierklängen werden Menschen vorgestellt, die anderen Menschen helfen. Diese Menschen können deshalb in Sicherheit zur Schule gehen, eine Schreinerlehre machen, Fußball spielen, Beethoven singen oder - zu gefühligen Klavierklängen und in Zeitlupe - in Tränen ausbrechen, wenn das Grauen sie einholt.

"Deutschland", das waren in dieser Sendung natürlich "wir" alle. Und wo "wir" mal so richtig stolz auf "uns" sein dürfen, ist der Bundespräsident nicht weit: "Das macht unser Land schön. Wir stehen zu unserem Land, und wir fürchten uns nicht vor den Herausforderungen", predigt Gauck in einer eingespielten Grußbotschaft. Später wird Königin Silvia von Schweden als Vertreterin eines vergleichbar schönen Landes ähnliche Worte finden.

Überhaupt überwiegt das gute Zureden an diesem Abend. Neben der skandinavischen Monarchin predigt noch eine ganze Reihe wahlloser Prominenter wie Jürgen von der Lippe, Markus Lanz, Rainer Hunold, Steven Gätjen und Tim Mälzer den Bekehrten. Die Schauspieler Anneke Kim Sarnau ("Honig im Kopf") und Armin Rohde verlesen mit Aplomb ausgewählte Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Die Schauspielerin Anna Loos reist an den Hauptbahnhof im finsteren Budapest ("Schon n komisches Gefühl, hier angekommen zu sein"), um sich anschließend von Kerner befragen zu lassen: "Anna, du hast eben gesagt: Wir müssen helfen. Wie denn zum Beispiel?" Loos: " Jeder, wie er kann!" Aus Moskau zugeschaltet versichert Til Schweiger ("Honig im Kopf") mit dem Kreml im Hintergrund, dass er sich bei seinem Engagement für Flüchtlinge "von Gegenwind" nicht abhalten lassen wird. So feiert sich eine Mehrheit, die sich ihrer selbst gar so sicher nicht sein kann.

Wer aber nach dem Motto "Tue Gutes und mache eine TV-Gala daraus" auf Charitainment nach US-Vorbild setzt, darf auch die Unterhaltung nicht vernachlässigen. Und so interpretiert Yvonne Catterfeld "People Get Ready" von Curtis Mayfield und bittet, sich mal den Text genau anzuhören. Als wäre das nicht schon Zumutung genug, singt uns auch noch Heinz Rudolf Kunze ins Gewissen: "Du wirst nie zu Hause sein, wenn du keinen Gast, keine Freunde hast!"

Beim Anblick von Johannes B. Kerner fürchtete man immer, er würde ein paar der geladenen Flüchtlinge gleich zu einem Quiz einladen, über dessen Hauptgewinn man gar nicht weiter nachdenken möchte. Diese Sorge immerhin war unbegründet, der Mann blieb über 90 Minuten weitgehend im Ermunterungsmodus: "Danke, danke und nochmals danke!" Felix "Menschenschinder" Magath trainiert für die Kamera das Flüchtlingsteam Welcome United 03 und kommt danach mit DFB-Präsident und Menschenfreund Wolfgang Niersbach ins Studio? Danke.

Weitere Sendungen wie diese brauchen wir nicht

Kurz keimte Hoffnung, die Verteddybärisierung der schutzsuchenden Menschen nähme ein Ende. Das war, als Kerner ernst von "Sorgen, Ängsten und Nöten" sprach und die Frage stellte, "wie lange da geklatscht wird am Bahnhof". Was folgte, war dann aber nur ein weiterer Beitrag im Stil von "Die Sendung mit der Maus" über das Schnürchen, an dem alles so irre gut klappt in diesem Land - diesmal die Flüchtlingsaufnahme in München. Gefühlige Klavierklänge.

Für den zweiten Augenblick der Wahrheit des Abends sorgte übrigens ein neunjähriges Mädchen aus Syrien, noch bevor es sich zu Bildern von Flüchtlingen auf ungarischen Bahngleisen und Privatfotos von Rea Garvey als "Supergirl" besingen lassen muss. Soeben wurde schon ihr Lieblingsfach (Mathematik) ausgiebig beklatscht. Aber es kommt noch besser. Was sie denn mal werden will, wenn sie groß ist? "Wenn ich groß bin, will ich ein Auto … bauen."

Kerner ist von dieser Antwort so begeistert, dass er kurz den blumigen Vorhang vor unserer behaupteten Großzügigkeit beiseiteschiebt und einen Blick auf ihren harten Kern gestattet: "Wow! Toll! Junge Frauen in Ingenieurberufen, das brauchen wir heute!"

Was wir nicht brauchen, sind weitere Sendungen wie diese. Es stimmt schon, der Zweck heiligt die Mittel. Umgekehrt aber entweihen manche Mittel den Zweck.

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Koda 11.09.2015
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