ZDF-Heldinnenepos "Schicksalsjahre" Von wegen kühl, blond und spröde!

Leid und Glanz eines Frauenlebens: Nach der "Flucht" verkörpert Maria Furtwängler im ZDF-Zweiteiler "Schicksalsjahre" erneut eine Kämpferin, die sich durch die Nazi- und Nachkriegszeit schlägt. Hinter der Maske der Reichsgeschichtsblondine tritt bald eine facettenreiche Figur hervor.

ZDF

Von Nikolaus von Festenberg


Sie ist blond. Sie ist schön. Sie ist ein Star. Wer holt sie raus, wenn sich der Medienneid wider sie erhebt? Dieser Text zum Beispiel. "Schicksalsjahre", an diesem Wochenende im ZDF, ist keine Reprise des Gräfinnen-Vertreibungsspektakels "Die Flucht", als Maria Furtwängler hoch zu Ross über ostpreußisches Eis herrisch und vornehm vor den Russen gen Westen floh. Auch geschieht in "Schicksalsjahre" kein wohlfeiler Versuch, mit einer bewährten Reichsgeschichtsblondine vom Dienst ein weiteres Zuschauergeschäft zu machen.

Was unter dem zugegeben sissihaft klingenden Titel "Schicksalsjahre" firmiert, die Verfilmung der Familienerinnerungen "Vom Glück nur ein Schatten" des Willy-Brandt- und Gerhard-Schröder-Vertrauten Uwe-Karsten Heye, ist ganz etwas anderes als die Saga von der unbeugsamen Adelsdame. Es geht nicht um "Namen, die keiner mehr nennt", sondern um Namen, die keiner je kannte. Um ganz unprominente verlorene Väter, um kaum gelebte Liebe, um den von Hitler verübten Raub der Jugendzeit an normalen Menschen, um die alle Welt betreffende Dialektik von Überlebenswillen und Verrat, um die Enge des braunen Alltags kleinbürgerlicher Leute.

In gut linker Manier geht Heye in seinem 2004 erschienenen Buch auf die Reise in seine verworrene Familiengeschichte und will klären, wer sich durch Wegsehen, Anpassung und Kurzsichtigkeit gegenüber der Naziherrschaft schuldig gemacht hat. Warum hat sich die Mutter von ihrem aus der Wehrmacht desertierten Mann zwangsscheiden lassen? Was hat den Vater bewogen, Fahnenflucht zu begehen und so alle, die mit ihm verbunden waren, in höchste Gefahr zu bringen? Warum das viele Schweigen in der Familie, warum die mütterlichen Illusionen unverlierbarer Gattenliebe, die die Kinder belasteten?

Das Gute an dem Buch: Heye erkennt, dass sich kein sozialdemokratisch-korrektes Bewertungssystem über das Leben in der Gefahr stülpen lässt. Aus Richten wird Trauern. Ratlosigkeit bleibt als Grundton dieser literarischen Wahrheitssuche von Heye. Heldentum, was ist das?

Drehbuchautor Thomas Kirchner ( "Fremde Heimat") und Regisseur Miguel Alexandre ( "Die Patin") haben die Perspektive eines Vater- und Mutter suchenden Sohnes gestrichen. Sie erzählen ohne diesen Erzählrahmen in strikt sentimentaler Absicht. Das beseitigt die Anstrengung des Erinnerns, schafft Zweifel ab. Der Film ist eine Heldinnengedenktagsübung für eine Mutter, aber nie platt.

Ein Mann könnte sogar eine Quotenregelung fordern, denn es fällt schon auf, dass in gehobenen Unterhaltungsfilmen meist Frauenheldinnen durch die braune Hölle schreiten - als Opfer männlichen Wahns. Gab es etwa keinen Bückeberg, auf dem Landfrauen dem Führer orgiastisch zujubelten? War das KZ reine Männersache?

Am Diskurs über Schuld, zumal weiblicher, ist "Schicksalsjahre" wenig interessiert. Man liebt schöne Bilder und knappe Dialoge. Den Teamworx-Zweiteiler, der nach dem erfolgreichen Zeppelindrama "Hindenburg" zweite Angriff der Nico-Hofmann-Truppe auf Quote und Gemüt, will die Ikonografie des eher unpolitischen Widerstandes gegen Hitler und später Stalin aufleben lassen, das Leid und den Glanz eines Frauenlebens zeigen.

Musik begleitet den TV-Film an den entscheidenden Stellen. Als Klavierbegleiterin erobert Ursel das Herz des jungen Sängers Wolfgang Heye (Pasquale Aleardi) - man hat in einem deutschen TV-Film kaum je eine hinreißendere Anfangssequenz gesehen. Von wegen kühl, blond, spröde - die Gräfin-Darstellerin und "Tatort"-Kommissarin Furtwängler erobert sich hier eine für den Zuschauer überraschende Dimension weiblicher Zartheit.

Das Klavier bedient Ursel auch in der Rolle einer Helferin der Nazipropaganda, wenn sie als Begleiterin von Lale Andersen einspringt. "Lili Marleen", das Mädchen vor der Kaserne, das sei - behauptet der Film naiv - unpolitischer Schwesterndienst an der Sehnsuchtsfront der männlichen Krieger.

Ursels Schutzengel während des Nachkriegsstalinismus im sowjetisch besetzten Rostock ist auch das Piano: Die an Schubert verzweifelnde Sängerin Norah (die Ungarin Dorka Gryllus) bringt Ursel vor den Augen kunstsinniger russischer Offiziere auf innigen Musikkurs. Der Lohn dieser seelenvollen Kunstbegegnung zwischen Siegern und Besiegten: kurz währende Sympathie russischer Soldaten für Ursel und der Beginn einer großen, männerfreien Liebe zu Norah.

Die beträchtliche Bildgewalt des Films (Kamera: Jörg Widmer) drängt die Heldin gerne in madonnenhafte Starre einer Passionaria geschichtlichen Unrechts - lange verzweifelnde Blicke aufs Meer, verstummende Demut vor dem angeblich nicht Änderbaren. Soll Furtwängler zur Heldenikone versteinern? Aber die Schauspielerin will nicht hinter solcher Maske verschwinden. Sie wehrt sich oft erfolgreich gegen die Erstarrung.

Der Film endet ziemlich trostlos. Der mütterliche Mohr hat seine Schuldigkeit getan, seine Sehnsüchte und Leidenschaft geopfert. Er kann gehen. Den Lerngewinn seiner Erinnerung beschreibt Heye nüchtern in seinem Buch: "Es wurde eine Geschichte, die nach und nach entkleidet war von jeder heroischen Anwandlung, die ich in das Leben meiner Eltern hineingedacht hatte." Am Thema solcher Ernüchterung hätte der Film gerne mehr arbeiten können.


"Schicksalsjahre": Sonntag und Montag, jeweils 20.15 Uhr, ZDF

insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
Pepito_Sbazzagutti 12.02.2011
1. ....
Boah, diese aufgesetzte Leidensmiene, unerträglich.
MikeNaeheHamburg 12.02.2011
2. Lool
„Reichsgeschichtsblondine“ - für mich schon jetzt Wortschöpfung des Jahres ;-)
Pepito_Sbazzagutti 12.02.2011
3. ....
Zitat von MikeNaeheHamburg„Reichsgeschichtsblondine“ - für mich schon jetzt Wortschöpfung des Jahres ;-)
:-) YO, fast so gut wie vor 70 Jahren der Begriff "Reichswasserleiche" für die arme Kristina Söderbaum.
Brand-Redner 12.02.2011
4. Bbb
Zitat von MikeNaeheHamburg„Reichsgeschichtsblondine“ - für mich schon jetzt Wortschöpfung des Jahres ;-)
Um wen geht's, immer noch um Frau Dr. Burda-Furtwängler? Na meinetwegen... Aber ich habe eine andere Frage: Ist eigentlich unsere viel größere fernsehdramaturgische Allzweckwaffe mit von der Partie? Ich meine die Bundesbetroffenheitsblondine Veronica Ferres-Dietl-Koch-Maschmeyer. Ansonsten lohnt doch der ganze Aufwand nicht, oder?
Mo2 12.02.2011
5. Jo
Zitat von Pepito_SbazzaguttiBoah, diese aufgesetzte Leidensmiene, unerträglich.
Ja grässlich, die Burda, wäre nur noch durch die Mitwirkung unserer Walküren Vroni und Iris zu toppen.
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