Philosophie-Talk im ZDF: Precht ab

Von

Philosophie? Für das ZDF eine klare Sache: Zwei Männer stellen mit großen Gesten steile Thesen auf. So sieht die neue Prestige-Sendung mit Richard David Precht aus. Die Premiere mit dem Krawall-Neurologen Gerald Hüther erinnert an eine Talk-Satire: zwei Stühle, eine Meinung.

Philosophietalk "Precht": Stilles Wasser ist geduldig Fotos
ZDF

Es gibt nicht allzu viele Philosophen, die es in die "Gala" gebracht haben. Richard David Precht gehört dazu. Der People-Illustrierten aus Hamburg vertraute er an, Mitte der Achtziger an einem griechischen Strand zur Philosophie gefunden zu haben. 2007 erschien dann sein Buch "Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?", ein Nummer-eins-Bestseller.

Peter Sloterdijk, mit dem "Philosophischen Quartett" Prechts Vorgänger auf dem sonntagnächtlichen Tiefsinn-Verklappungsplatz des ZDF, hielt das nicht davon ab, den ungeliebten Konkurrenten mit dem Geiger André Rieu zu vergleichen.

Man könnte nun einwerfen, ob es sich denn gehört, als langmähniger, für das ZDF talkender Philosoph einen anderen langmähnigen, für das ZDF talkenden Philosophen auf derart oberflächliche Weise anzurempeln - aber Precht hat gar keine Schützenhilfe nötig: "Wer sich selbst kommentiert, geht unter sein Niveau", zitierte er im Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung" ein Ernst-Jünger-Bonmot. Bestes Vorab-Werbegerangel also für die erste Ausgabe des neuen ZDF-Philosophieformats "Precht". Das soll ab Sonntag sechsmal im Jahr laufen.

Premierengast der vorab aufgezeichneten Sendung ist Gerald Hüther. Auch der hat es schon in die "Gala" gebracht. Das mag daran liegen, dass der Göttinger Neurowissenschaftler es versteht, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse derart allgemeinverständlich zu präsentieren, dass man nicht nur kein Studium braucht, um sie zu begreifen, sondern auch keines, um sie zu äußern.

Hüthers erfolgreiches Buch "Was wir sind und was wir sein könnten" lässt sich auf zwei Binsenweisheiten herunterkürzen. Erstens: Der Mensch kann mehr, als man glaubt (irgendwie bekannt aus der Scientology-Werbung). Zweitens: Ohne Begeisterung geht gar nichts (irgendwie bekannt von Jürgen Klopp).

Blutgrätsche von der Empirie zur bloßen Hypothese

"Skandal Schule - Macht Lernen dumm?" lautet der Titel, unter dem sich der Bestsellerautor Precht und sein Gast Hüther nun gegenübersitzen. Viel alarmistischer kann man eine derartige Sendung kaum verkaufen. Precht selbst hatte sich "Precht" noch vor kurzem ganz anders vorgestellt: "Die Sendung versucht, ein Thema wirklich gründlich, ausführlich und in hochkonzentrierter Atmosphäre auf angemessenem Niveau zu behandeln."

"Wir überhäufen unsere Kinder mit einem Wissen, das aus der Vergangenheit stammt", so Prechts aus dem Off gesprochene Eröffnungsmoderation, die schon zeigt, dass seine Redaktion auf sprachliche Feinheiten wenig Wert legt. Ist Wissen nicht grundsätzlich Folge eines Lern- oder Erkenntnisprozesses, der an das Vergehen von Zeit gekoppelt ist? Eine interessante Frage. Man könnte einmal in einer Philosophiesendung darüber sprechen.

Bei Precht allerdings geht es um Konkreteres. Er rechnet vor, wann heutige Schüler in Rente gehen (2070), wieviel Unterrichtsstunden sie besuchen (über 100.000), vollzieht im entscheidenden Moment seiner Argumentation aber die Blutgrätsche von der Empirie zur bloßen Hypothese: Es könnte ja sein, dass der Gutteil aller deutschen Schüler, wenn man sie nach dem Stoff ihrer Schulzeit frage, den Großteil wieder vergessen habe.

"Wirklich 'ne Katastrophe"

An Hüther stellt Precht deshalb die Frage: "Ist das nicht ein unheimlich ineffizientes System?" Hüthers Antwort: "Das ist wirklich 'ne Katastrophe." In der Tat! Und dass es in Hamburg angeblich öfter regnet als in München, ist auch schlimm, möchte man anfügen, ganz ohne den Anspruch, einen philosophischen Gedanken geäußert zu haben.

Denn mit Philosophie hat das Gespräch zwischen Precht und Hüther etwa so viel zu tun, wie die durchschnittliche bundesdeutsche Unterhaltung über die Bundesliga - da hat auch jeder eine Meinung: "Wenn das so weitergeht, steigt der HSV ab." Auf die Bildungspolitik übertragen: "Wenn es uns nicht gelingt, das Schulsystem zu transformieren", wird es, so Hüther, "unser Land in Zukunft nicht mehr geben."

Das ist allerdings eine ziemlich steile These. Ebenso wie Hüthers Behauptung, dass es "die Schule, wie wir sie kennen, in sechs Jahren nicht mehr geben wird", oder die für einen Hirnforscher erstaunlich monokausale Aussage, dass ein Kind, das die Lust am Lernen verliere, später "im Alkohol sein Heil suchen" könnte. Precht hakt nicht nach, er schweift lieber ab ins ganz frühe 19. Jahrhundert, zu Wilhelm von Humboldt, zu Jesuiten und Adligen, die Humboldt an einer wirklichen Bildungsreform gehindert hätten. Hüther behauptet, heute sei das so ähnlich. Und Precht legt nach: 80 Prozent aller Schulkinder in Deutschland könnten theoretisch das Abitur machen, allein der Dünkel der höheren Stände verhindere dies.

Nichts gegen adels- oder gar jesuitenkritische Töne im ZDF - aber dieser Strang der Diskussion basiert nun wirklich genau auf jenem Wissen, das Precht in seiner Off-Moderation noch angeprangert hatte. Dem aus der Vergangenheit. Über aktuellere Reformbemühungen als die Humboldts huschen Precht und sein Gast im letzten Viertel der Sendung in ein, zwei Halbsätzen hinweg: Bildung ist Länderhoheit? Schlecht. Besser wäre mehr Zuständigkeit des Bundes. Oder eher der Kommunen? Auch gut. Wie ja eigentlich alles gut ist, was einer der beiden Gesprächsteilnehmer begleitet von graziler Gestik von sich gibt.

Ansatzpunkte für eine ernsthafte Diskussion hätte es genug gegeben. Precht und Hüther aber sind sich viel zu einig, verstehen es aber nicht, aus dieser inhaltlichen Übereinstimmung einen weiterführenden Gedanken zu entwickeln. Früher hieß das mal: "Zwei Stühle - eine Meinung" und lief im Rahmen der Comedysendung "RTL Samstagnacht". Bei dem vom ZDF im Halbdunkel unter einem guten Dutzend weißer Spots arrangierten, in vielen Nahaufnahmen präsentierten Gespräch kommen im Lauf der 45-minütigen Sendung nicht einmal die malerisch präsentierten Trinkgläser auf dem Philosophiertisch ins Schwanken.

Stilles Wasser ist eben geduldig - aber keinesfalls tief.


"Precht", Sonntag, 23.25 Uhr, ZDF

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 164 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Der Precht...
axelkli 30.08.2012
...ist ein Warmluft-Produzent erster Güte. Man muß ihm aber zugute halten, daß er sich und seine Büchlein mit Kalenderspruchweisheiten erstklassig zu vermarkten versteht.
2. Nee, moment,
kolloq 30.08.2012
bei Precht muss es glaub' ich Fühlosophie heissen.
3.
ducasse 30.08.2012
Zitat von sysopPhilosophie? Für das ZDF eine klare Sache: Zwei Männer stellen mit großen Gesten steile Thesen auf. So sieht die neue Prestige-Sendung mit Richard David Precht aus. Die Premiere mit dem Krawall-Neurologen Gerald Hüther erinnert an eine Talk-Satire. ZDF-Philosophiesendung mit Richard David Precht und Gerald Hüther - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,852900,00.html)
Herr Hammelehle hat sich eine Meinung gebildet über eine Sendung, die das Fersehfußvolk erst am Sonntag sehen kann, und sie auf Spiegel-online veröffentlicht. Spiegel-online fordert uns nun auf, uns über Herrn Hammelehles Meinung eine Meinung zu bilden und sie hier aufzuschreiben. Das ist Quark hoch drei. Im mathematischen Sinne und intellektuell. Ducasse
4.
tsitsinotis 30.08.2012
Es ist schlicht unredlich, eine Sendung zu verreißen, die der Gewöhnliche noch nicht gesehen hat. Schon die Bezeichnung "Krawall-Neurologe" für G. Hüther ist eine Unverschämtheit. Hüther ist einer der wenigen Wissenschaftler, die auch empathisch sind. Wenn Sie das nicht verstehen, Herr Hammelehle, ist das nicht unser Problem.
5. logische Konsequenz.
01099 30.08.2012
Da sich die akademisch gelehrte Philosophie vom Menschen und der Realität fast völlig verabschiedet hat und immer noch auf der Stelle tritt, weil sie heutige Zustände mit Hypothesen von vor zweihundert Jahren zu erklären versucht, ist ein Westentaschenphilosoph wie Precht die logische Konsequenz. Einfache Wahrheiten lassen sich eben besser verstehen und verkaufen, auch wenn sie auf teils hanebüchenen, weil schlecht recherchierten Annahmen fußen. Ich erinnere mal an Prechts Thesen zur romantischen Liebe, die sich kultur- und literaturwissenschaftlich sofort widerlegen lassen. Aber vielleicht bringt der langhaarige, leicht narzisstische Egozentriker ein wenig frischen Wind in die alte Disziplin und verhilft ihr zu mehr Reflexion und dem Schritt heraus aus dem Elfenbeinturm, in dem sie heute, ebenfalls recht selbstverliebt im Spiegel betrachtend hockt und die Jalousien stets geschlossen hält.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik TV
RSS
alles zum Thema Richard David Precht
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 164 Kommentare

Fotostrecke
Das ADD-Festival 2012: Alle Bands im Bild