Journalistinnenserie "Zarah" im ZDF Bringt mir einen Männerarsch!

Als der Feminismus in die Redaktionsstuben einzog: Die ZDF-Serie "Zahra" erzählt vom Wandel im deutschen Journalismus - mit vielen schönen plakativen Verweisen auf die Siebzigerjahre.

ZDF/ Georges Pauly

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Es wäre natürlich verlockend, diese Serie in die Gegenwart weiterzuspinnen, ins Jahr 2017. Vielleicht so: Zarah Wolf, nun fast 75, ist ungebrochen frauenbewegt und rebellisch, ihr Ansehen jedoch ungefähr so ramponiert wie das des Dieselmotors.

Als Publizistin hat sie sich vor ein paar Jahren unmöglich gemacht mit ihrem Feldzug gegen einen der Vergewaltigung angeklagten, später freigesprochenen Wettermoderator. Sie selbst ist vorbestraft wegen Steuerhinterziehung. Über junge Feministinnen rümpft sie eher die Nase, anstatt sich schwesterlich zu verbünden. Und so weiter. Aber wahrscheinlich wäre das doch ein zu wilder Plot.

Hamburg, 1973. Die junge Journalistin Zarah Wolf (Claudia Eisinger) mischt ein Wochenmagazin auf. Sie ist eine Kämpferin, die sich nichts vorschreiben lassen will, schon gar nicht von Männern. Nicht, wie sie zu leben hat. Nicht, wie das Magazin aussehen soll, dessen stellvertretende Chefredakteurin sie seit Kurzem ist. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion tauscht sie die blanken Brüste auf dem Titelbild der nächsten Ausgabe gegen einen nackten Kerl aus. Ein Affront gegen den Chefredakteur, Revolution in der Redaktion.

Haltung zeigen, Brüste zeigen

Das Magazin heißt "Relevant", und man muss kein intimer Kenner der Hamburger Medienszene sein, um darin den "Stern" zu erkennen. Der war damals ein dampfend heißes Blatt, tatsächlich relevant und auf der Höhe der Zeit, doch von einer gewissen Schizophrenie nicht verschont. Unverhüllten Busen näherte er sich mit derselben Begeisterung wie Willy Brandts Ostpolitik. In engagierten Texten stritt er für die Selbstbestimmung der Frau, auf dem Cover stellte er ihre Körper zur Schau.

Eine Chefredakteurin findet sich in der Geschichte der Illustrierten bis heute nicht, auch keine stellvertretende. Dafür gab es beim "Stern" in den Siebzigerjahren Redakteurinnen wie Ingrid Kolb, später Leiterin der Henri-Nannen-Journalistenschule, die in einer Titelgeschichte die sexuelle Belästigung in deutschen Büros anprangerte und sich auch sonst wenig gefallen ließ. Oder Wibke Bruhns, die schon deshalb eine Heldin der Bewegung war, weil sie in ihrem früheren Job als erste Frau im deutschen Fernsehen Nachrichten verlesen hatte, zur allgemeinen Empörung.

Und es gab Alice Schwarzer, die nicht der Redaktion angehörte, aber dort 1971 mit einer Idee aufschlug, die sie in Frankreich aufgeschnappt hatte und die den Mythos des Blattes bis heute nährt: der Kampagne "Wir haben abgetrieben!". Was Schwarzer nicht daran hinderte, den "Stern" einige Jahre später wegen der entblößten Frauen auf seiner Frontseite zu verklagen, Seit an Seit mit Inge Meysel. Es war Deutschlands erster Sexismus-Prozess.

Champagner mit Romy

Schwarzers Biografie wurde für das Drehbuch von "Zarah" erschöpfend geflöht. Wie die "Emma"-Gründerin verschmilzt die Journalistin Wolf mit der Aktivistin. Auch Wolf liebt Frauen. Und es kommt zu einem nächtlichen Aufeinandertreffen mit einer ins französische Exil geflüchteten Filmdiva, die an ihrer deutschen Heimat leidet und Halt sucht im Alkohol. Die Champagnernacht, in der Romy Schneider der Journalistin Schwarzer ihr Herz ausschüttet, gab es wirklich.

Eine Serie über Feminismus funktioniert beim breiten Publikum vermutlich nur, wenn sie in der Vergangenheit spielt. In der Retrospektive verliert jede Bewegung ihre Bedrohung. Die Schlachten sind geschlagen. Der Trick besteht darin, dass das, was Frauen wie Wolf im Film erreichen wollen, heute Konsens ist. Das zwingt den Zuschauer auf ihre Seite, selbst männliche.

Die bekannteste Feminismus-Verfilmung der jüngsten Zeit ist die Amazon-Serie "Good Girls Revolt", die vom Aufbegehren diskriminierter "Newsweek"-Redakteurinnen gegen ihren Arbeitgeber erzählt. Sie spielt ebenfalls Anfang der Siebziger. Die "Zarah"-Produzenten beteuern, ihre Idee unabhängig davon entwickelt zu haben. Eine gewisse Inspiration werden sie nicht leugnen können.

Abtreibungstrip nach Holland

Das fängt damit an, dass die Folgen sich wie bei "Good Girls Revolt" an zeitgeschichtlichen Ereignissen und Themen abarbeiten, etwa den Abtreibungsfahrten nach Holland, und zieht sich durch bis zur Dominanz der Musik jener Jahre. Wenn die Rolling Stones oder T-Rex den Rhythmus vorgeben, macht das etwas mit einer Serie.

Mit "Zarah" ist dem ZDF eine Hommage an die Zeit des großen Journalismus gelungen, die zugleich eine Demontage ist. Magazine bestimmten damals, worüber die Republik sprach. Blattmacher waren Fürsten; von Cognac und Zigaretten auf Betriebstemperatur gebracht, drehten sie das große Rad. Frauen waren Staffage.

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ZDF-Serie: Revolte in der Redaktion

Als sich Zarah Wolf in der Kantine zu ihren männlichen Kollegen setzt, stehen die auf mit der Begründung, man spreche gerade über Politik, nichts für Frauen also. Ein andermal pinkelt der betrunkene Kulturchef ihr einfach in den Papierkorb - eine Szene, für die es beim realen "Stern" kein Vorbild gab, wie Zeitzeugen versichern.

In der ZDF-Serie ist es der Verleger, der Wolf in die Redaktion holt, über den Kopf des Chefredakteurs hinweg. Alice Schwarzer wiederum beschreibt in ihrer Autobiografie, wie sie beinahe mal als Reporterin beim SPIEGEL gelandet wäre, 1974 war das.

Rudolf Augstein persönlich bemühte sich seinerzeit um sie, der zwar mit Frauenrechten wenig anfangen konnte, aber viel mit Frauen. Man traf sich zum Essen und war auf gutem Weg. Dass es zu Schwarzers Einstellung nicht kam, lag letztlich am Widerstand der (damals fast nur aus Männern bestehenden) SPIEGEL-Redaktion.


"Zarah - Wilde Jahre", ab dem 7. September im ZDF, die erste Folge steht schon jetzt in der Mediathek.



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