"TVLab" bei ZDFNeo Das Zweite auf der Jagd nach Frischfleisch

Was bedeutet es, ein Mann zu sein? Und wie sähe "Six Feet Under" unter deutschen Produktionsbedingungen aus? ZDFNeo lässt im "TVLab" wieder über neue Sendungsformate abstimmen. So wird kostengünstig mit Innovation geprotzt - damit sich beim Hauptsender bloß nichts ändert.

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Wenn im deutschen Fernsehen mal Dubstep mit seinen windschiefen Bässen erklingt, dann ist das ein deutliches Signal. Dann heißt es: Aufgepasst, jetzt gibt sich jugendlich, wer's eigentlich gar nicht ist! Wenn dazu noch Sarah Kuttner aufkreuzt, ist endgültig klar, dass wir beim Mainzer Digitalkanal ZDFNeo gelandet sind. Die Moderatorin erklärt ein Projekt, bei dem es "eigentlich darum geht, das Fernsehen zu retten".

Die Rettung heißt "TVLab", geht auch schon ins dritte Jahr und funktioniert wie damals der "Wunschfilm", nur eben für die Generation Facebook. Vom 22. bis zum 29. August zeigt der Sender die Pilotfolgen von sieben neuen Programmen, die das ZDF für seine Zuschauer schon einmal vorsortiert hat. Das erwünschte junge Publikum darf danach entscheiden, welches Format in Serie gehen soll. Damit sollen die Zuschauer dort abgeholt werden, wo sie längst zu Hause sind - im Internet. Schon die Auswahl ist bereits ein interessanter Einblick in das, was im Fernsehen derzeit denkbar scheint. Manches könnte sensationell komisch werden, anderes einfach nur peinlich. Alles offen.

Da wäre der familienfreundliche Kinderquatsch ("Tohuwabohu"), bei dem Ross Anthony mit Jeanette Biedermann darum konkurriert, wer eine Kinderhorde besser bespaßen kann. Es gibt das anarchische Format für zwei Nachwuchskomödianten, die in unterschiedlichen Missionen als "Die Blender", nun ja, blenden müssen. Da gibt es die technisch schön anspruchslose Comedy-Clip-Show, bei der Spaßmacher berühmte Szenen der Weltgeschichte nachspielen oder frei erfinden ("Hi-Hi-History").

Risiko wird ausgelagert

In "About Men" geht es vermutlich augenzwinkernd darum, was es bedeutet, ein Mann zu sein. Und "Diese Kaminskis - Wir legen sie tiefer" ist so etwas wie "Six Feet Under" unter den Produktionsbedingungen des deutschen Comedy-Fernsehens. Ebenfalls an ein bekanntes ausländisches Format ("The Office") angelehnt ist "Niemand hat die Absicht einen Flughafen zu eröffnen" - ergänzt um die Querelen um den neuen Berliner Großflughafen. Interessant klingt auch, womit Michel Friedman in einer Paraderolle als des Teufels Advokat auftritt: "Der Richter in Dir" zeigt in nachgestellten Szenen Kriminalfälle, um dann das Publikum über Schuld oder Unschuld entscheiden zu lassen.

Interessant am "TVLab" ist vor allem, wie sich das ZDF so nebenbei die Gratiskultur der angepeilten Zielgruppe anverwandelt. Denn der Sender geht mit diesem Projekt kein Risiko ein. Das liegt allein bei den hoffnungsfrohen Produzenten, die nicht nur kreativ, sondern auch finanziell in Vorleistung gehen - während das ZDF die besten Einfälle abgreifen und unter Hinweis auf seine Innovationsfreude unter eigener Fahne ins Rennen schicken kann. So sieht er aus, der freie Wettbewerb. Es soll also weniger das Fernsehen "gerettet" als vielmehr das ZDF saniert werden.

Dem hat die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) bekanntlich auferlegt, in der Gebührenperiode von 2013 bis 2016 insgesamt 75 Millionen Euro einzusparen. Betroffen sind davon nicht die "Altlasten" im aufgeblähten Verwaltungsapparat, sondern die überwiegend jungen freien Mitarbeiter im sogenannten dritten Kreis. In der Folge überaltert das ZDF in Ruhe weiter, während mangels motivierter Mitarbeiter immer mehr ausgelagert wird an freie Produktionsfirmen. Verantwortliches öffentlich-rechtliches Fernsehen geht anders.


"TVLab", ab Donnerstag, 21.45 Uhr, ZDFNeo



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FrankDr 21.08.2013
1. Mafia
Ich sag nur: Mafia. Man muss für etwas zahlen, ob man will oder nicht, ob man einen TV hat oder nicht und ob man es schaut oder nicht. Quasi die reine Existenz verpflichtet einen zum Zwang. Das kann gar nicht fair nicht. Und die Politik hat einfach nicht den Mumm das Thema anzugehen.
FrankDr 21.08.2013
2. Wahlen
Ich denke viele wären überrascht, wieviel Prozent eine "GegendieGEZ"-Partei (oder eben "Anti-ARD_ZDF_Deutschlandradio_Beitragsservice") bei einer Wahl hätte. Die 5% Hürde wäre selbst als 1-Themen-Partei wohl ein Klacks
Mclmeo 21.08.2013
3. Gratismentalität!
Wer den Begriff erfunden hat, sollte zur Strafe mal ordentlich durchgewobbelt werden! Zum Thema: Besonders attraktiv ist dieses TVLab nicht. Das erkennt man bereits daran, dass sich die meisten Vorschläge in einem Satz erklären lassen. Lustig sind bisher keine gewesen. Genau das ist ja der Witz daran: Man hat eine Auswahl zwischen nahezu unendlich vielen Sendungen, aber keine davon ist auch nur annähernd unterhaltsam und man schaltet irgendwann frustriert den TV aus (es sei denn, die Tatort- Gehirnwäsche hat einen schon in einen willenlosen Konsumzombie verwandelt). Dass dann auch noch bei den Dritten gespart wird, die traditionell die besseren unter den Sendungen hervorbringen (Kulturzeit, Tagesschaum, Herr Krause, Walulis, Number One mMn), ist ja wohl eine Frechheit!
veermaster 21.08.2013
4. Gebühren zurückzuzahlen
wäre das Einzige was zählt. Denn was sich Mainz derzeit an unverhohlener Merkel-Propaganda leistet, hat weder was mit Journalismus noch mit öffentlich-rechtlichem Fernsehen zu tun. Das ist durchhierarchisierte Wahlpropagande für IM Erika. Um es mit Margaret Thatcher zu formulieren:" I want my money back." Jedenfalls den Teil für das CDF - Christlich-Demokratisches-Fernsehen
muellerthomas 21.08.2013
5.
Zitat von FrankDrIch denke viele wären überrascht, wieviel Prozent eine "GegendieGEZ"-Partei (oder eben "Anti-ARD_ZDF_Deutschlandradio_Beitragsservice") bei einer Wahl hätte. Die 5% Hürde wäre selbst als 1-Themen-Partei wohl ein Klacks
Dann gründen Sie diese Partei doch, wenn es Ihnen so wichtig ist. Offenbar bewegt das Thema die Menschen jedoch weniger als die paar GEZ-Kreuzzügler glauben.
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