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30. Januar 2014, 15:45 Uhr

Anti-PC-Trickserie "Deutsches Fleisch"

Beule in der Hose, Keule vor den Kopf

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Sprechende Geschwüre, frittierte Häschen - und Gesellschaftskritik. ZDFneo wagt sich mit "Deutsches Fleisch" erstmals an eine Zeichentrickserie für Erwachsene. Und das funktioniert - dank Deutschland-Klischees.

Mit Deutschland geht's steil bergab. So ziemlich alles, was die Industrienation einmal ausgemacht hat, kriegen die Chinesen längst billiger hin. Die haben es jetzt sogar geschafft, Hasenpfoten ohne die lästigen Hasen dran zu produzieren. Deshalb haben die Mitarbeiter im Hasenverwertungsbetrieb Montague Hasenglück ein Problem. Die stehen plötzlich auf der Straße - und Deutschland hat ein paar Arbeitslose mehr.

Soweit die Rahmenhandlung der ersten Folge "Deutsches Fleisch", die am Donnerstag bei ZDFneo ausgestrahlt wird (und hier in der ZDF-Mediathek zu sehen ist ) Wobei der Plot angesichts der liebevoll konstruierten und gleichzeitig bis zur Schmerzgrenze überzeichneten Charaktere gar nicht mal im Vordergrund steht.

Da ist beispielsweise die Mutti der Cartoon-Truppe, Ex-DDR-Pornosternchen Gitti. Nach dem Fabrikrauswurf frittiert die patente Blondine die Häschen im Imbissgrill. Sie lässt sich ziemlich schnell auf eine Liaison mit dem Sohn eines Engelshodenextrakt-schlürfenden Fürsten ein, der sich aber von seinem Vater lossagt, um an der Seite des Schwarms seiner Pornoheft-verklebten Jugend zu bleiben. Nebenher will er seine Kreativität ausleben und Krasynthen - einen Hybrid zwischen Krawatte und Synthesizer - herstellen. Ein bisschen Hipster ist also auch dabei.

Zu ihnen stößt noch der ehemalige Kindersoldat Issa N'Dhagi, ein breitschultriger Hüne mit deutlicher Beule in der Radlerhose, der in einem Container nach Deutschland geschmuggelt wurde und nun hier arbeiten will. Im Arbeitsamt wird von Gittis korrupten Beamten-Bruder Kowalsky zuerst nach einem deutschen Pass gefragt. Denn: ohne Pass keine Arbeit. Den hat er aber nicht. "Sorry Mister, wie bekomme ich deutschen Passport?", fragt Issa. "Äh, mit Arbeit", antwortet Kowalsky. Deutsche Bürokratenlogik eben.

Zu schräg für den deutschen Markt

Die Schöpfer dieser Figuren wollen mit "Deutsches Fleisch" aber nicht nur alles "verwursten", was ihrer Ansicht nach typisch deutsch ist (worüber sich streiten ließe) - sie wollen mit dem Cartoon nach eigenen Angaben auch gleich die Comedy-Landschaft revolutionieren. Einen ersten Erfolg haben sie mit dem Prinzip schon verbucht. Beim zweiten "TVLab" des Mainzer Digitalsenders gingen sie 2012 nach einem Zuschauer-Voting als Sieger hervor.

Die Idee und einen Großteil der Umsetzung haben die Zeichentrickautoren Ilja Schmuschkowitsch und Willy Kramer zu verantworten. Für sie ist die Anschlussverwertung bei ZDFneo eine echte Chance. Die Serie ist so schräg, dass sie auf dem normalen Produktionsmarkt in Deutschland nicht zu verkaufen wäre, sind sich auch die Verantwortlichen der Produktionsfirma SEO aus München sicher. Acht Folgen will der Nischenkanal ausstrahlen, ein Making-of gibt es zusätzlich im Netz zu sehen.

Wobei das Konzept dahinter natürlich nicht neu ist. Jedoch mussten Erfolgsserien wie "South Park" und "Family Guy" bisher aus den USA importiert werden. Deren Humor zielt aber logischerweise fast ausschließlich auf US-amerikanische Phänomene ab.

Und das ist die Nische, auf die "Deutsches Fleisch" abzielt. Das funktioniert zum einen wegen des Fremdschämfaktors, da man sich doch permanent an den Nachbarn und die Kollegin erinnert fühlt - oder zumindest an das illustre Privatfernsehinventar. Die Stilmittel sind zum anderen wieder stark an die angelsächsischen Vorgänger angelehnt. So hat ein sprechender, behaarter und Geschwür-ähnlicher Dämon namens Wiebknecht am Hals des Esoterikers Malte seinen Auftritt - ganz nach "Ren & Stimpy"-Manier.

Nur dass Wiebknecht eben wie ein 14-jähriger Junge mit orientalischem Migrationshintergrund spricht. Willkommen in der Nachbarschaft.


"Deutsches Fleisch", ab 30. Januar, donnerstags, erste Folge 23.35 Uhr, dann unterschiedlich

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