10 Jahre Borowski-"Tatort" Der Tod kommt im Sommerkleid

Wer wähnt hinter einem Engelslächeln schon eine Mörderin? Im "Tatort" lügt und mordet sich eine schöne Altenpflegerin durch Kiel. Zum zehnjährigen Dienstjubiläum von Kommissar Borowski zeigt sich: Der TV-Ermittler ist immer dann am besten, wenn es richtig krank wird.

Von

ARD

Ein Sommertag, so bunt, so warm, so wonnig. Kinder schlecken Eis, verliebte Männer kaufen Blumen, Frauen führen ihre Sommerkleider aus und zeigen ihre Beine. So auch die liebreizend anmutende Altenpflegerin Sabrina Dobisch (Lavinia Wilson) - die dann an einer Straßenkreuzung vor dem Blumenladen etwas ganz und gar nicht Liebreizendes tut: Sie holt eine von ihren Alten geklaute Katze aus der Tasche, lässt sie über die Straße flitzen und sieht neugierig dabei zu, wie ein Wagen dem Vieh ausweicht und ins Schaufenster des Blumenladens knallt.

Die Passanten glotzen, Altenpflegerin Sabrina eilt schnell zur ersten Hilfe, zieht die Fahrerin aus dem geschrotteten Auto, versucht es noch mit Mund-zu-Mund-Beatmung bei einem schwer verletzten jungen Mann. Doch der haucht nur noch ein letztes Mal. Später wird Sabrina sagen, der Sterbende habe "Sie will mich umbringen" geflüstert und dabei auf die Fahrerin des Unfallwagens gezeigt. Und wer will einen Engel wie sie Lügnerin nennen?

Sabrina ist eine Improvisationskünstlerin. Sie träumt und lügt sich ihr Leben zurecht, und im passenden Moment weiß sie die Situation mit ätherischem Lächeln so hinzubiegen, dass sie in ihren Hirngespinsten aufzugehen scheint. Dabei wirkt sie im Reinen mit sich selbst, so dass wir ihr trotz besseren Wissens gerne in ihr Lügenreich folgen. Bald lernt sie die Eltern des Unfallopfers kennen und stellt sich als Verlobte vor, für die der verstorbene Jüngling angeblich gerade Blumen kaufen wollte, bevor ihn das Auto überfuhr. Die Eltern lächeln selig über die sanfte Braut - und Sabrina macht sich Hoffnung, in den Schoß der Familie aufgenommen zu werden. So wie die Heldinnen in den Schnulzen, die sie immer mit den alten Leuten guckt. Eine Borderlinerin zum Knutschen.

Schwarze Seelen, bunte Farben

Der "Tatort" aus Kiel feiert dieses Wochenende zehnjährigen Geburtstag. Zum Jubiläum gibt es mit "Borowski und der Engel" eine Episode, die an die besten Momente des Kieler TV-Reviers anschließt. Das Drehbuch stammt von Sascha Arango, der immer ganz nah und stets mit einer gewissen Zärtlichkeit rangeht an Menschen mit Persönlichkeitsstörungen - etwa an die mörderisch verliebte Veterinärin in "Borowski und die Frau am Fenster" mit Sibylle Canonica oder an den sanften Voyeuristen in "Borowski und der stille Gast" mit Lars Eidinger. Und auch der furiose, verschachtelte Schizo-Thriller "Alaska Johansson" mit Alina Levshin, der unlängst das ARD-Primetime-Publikum verstörte, stammt aus seiner Feder.

Schwarze Seelen, bunte Farben: Die Borderliner in Arangos Welt erscheinen uns erst mal nicht bedrohlich; vielleicht gehen wir deshalb so gerne ein Stückchen Weg mit ihnen, tauchen tief in ihre kranke Logik ab. Auch Regisseur Andreas Kleinert geht oft auf Tuchfühlung mit Psychopathen, ohne die ganze Zeit Stakkato-Streicher erklingen zu lassen, die "Achtung, Horror!" schreien.

Den sommerlichen Jubiläums-"Tatort" hat Kleinert nun in Szene gesetzt wie der 2012 verstorbene französische Krimi-Meister Claude Miller ("Die kleine Diebin") seine Werke, bei denen in gleichem Maße Liebe zu und Angst vor dem anderen Geschlecht mitschwang. Miller war ein Schüler des großen Truffaut, von dem gerne der zweifelhafte Satz zitiert wird, Filme zu drehen bedeute, schönen Frauen dabei zuzuschauen, wie sie schöne Dinge tun. Bei Miller taten schöne Frauen meist Böses. Lügen hatten da niemals kurze Beine, sondern immer besonders lange.

So ist es jetzt eben auch im Kieler "Tatort", bei dem Regisseur Kleinert gern vom engelsgleichen Gesicht der Heldin auf deren Highheels runterfährt, um ihr dann an den schönen Fersen zu kleben. Der Blick ist lustvoll, aber auch hellwach: Der Film folgt seiner kranken Heldin bedingungslos, registriert dabei noch die monströseste Wendung in dem (zugegeben: überspannten) Plot mit Witz und Zärtlichkeit. Love is in the air, egal wie krank sie auch sein mag. Sogar Kommissar Borowski führt sich in dem ungewohnt warmen Klima ganz keck auf.

Ach, was für ein kostbarer seltener sommerlicher Augenblick im nordischsten aller "Tatort"-Reviere. Nächstes Mal darf es von uns aus dann gerne wieder schneien.


"Tatort: Borowski und der Engel", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Nicecharly 27.12.2013
1. Besser als die Neuen
Borowski - inzwischen einer der besten Tatort-Kommissare.
gustavsche 27.12.2013
2.
Zitat von NicecharlyBorowski - inzwischen einer der besten Tatort-Kommissare.
Borowski war von Beginn an mein Liebling, vor allem wegen Frieda Jung. Als ich mit dem Studium fertig war und ein meine erste Stelle antreten wollte, da machte ich Pro & Contra für die Kieler Firma und den Standort Kiel. Ein Pro war: Frieda Jung. :-) Zwischenzeitlich war Borowski eher mau (schlimm waren die ersten zwei Folgen nach Frieda), aber nun hat sich das mit seiner neuen Assistentin gut eingespielt.
thadome74 28.12.2013
3. Tatort at its best
Spannung, gute Drehbücher, tolle Kameraführung und eine hervorragende Sibel an Borowskis Seite - ich freue mich jetzt schon auf Sonntag.
salamicus 28.12.2013
4.
Zitat von NicecharlyBorowski - inzwischen einer der besten Tatort-Kommissare.
Der einzige Tatort, auf den ich mich freue. Borowski spielt in einer anderen Liga. Feiner Witz, interessanter Plot. Sozusagen Münster für Fortgeschrittenene...
rolf.piper 29.12.2013
5. Dieser Borowski
und der Artikel von Buß scheinen ja richtige Begeisterungsstürme ausgelöst zu haben! Immerhin haben beide massenweise 4 Fans aufzuweisen. Die Absagen an das Objekt der Begierde scheinen dagegen unter den Tisch gefallen zu sein! Unter anderem mein Beitrag zum Schlafmittel Borowski! Also Thema schließen!
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