Zeichentrick-Anarchie "Futurama": Saufen, rauchen, Leben retten

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Das wurde auch Zeit: Nach Jahren in der Kryostase gibt es neue Folgen von "Futurama". Die Zeichentrickserie ist ein würdiger Ersatz für die "Simpsons", die einst Subversion und Anspruch ins Genre brachten - in letzter Zeit aber dumm und dümmer wurden. Bleibt nur ein Problem: der Sendeplatz.

"Futurama": Rückkehr der Frachtflieger Fotos
Futurama / 20th Century Fox

Ab sofort nimmt der "Planet Express"-Lieferservice wieder interstellare Aufträge entgegen - wenn man denn seine Pakete dem erfolglosen Ex-Pizzaboten Fry, dem alkoholsüchtigen Roboter Bender und der einäugigen Pilotin Leela anvertrauen will. "Futurama", die intelligente wie lustige Zeichentrickserie von "Simpsons"-Schöpfer Matt Groening, ist zurück. Seit Donnerstag gibt es neue Folgen, zunächst in den USA, im Herbst auch in Deutschland.

Das wurde auch Zeit. Denn die Weltraumsaga für Nerds ist so ziemlich das Lustigste und Anspruchsvollste, was es in animierter Form ins Fernsehen geschafft hat. "Futurama" erzählt von dem wenig erfolgreichen Junggesellen Fry, der 1999 durch ein Missgeschick in eine Zeitkapsel stolpert, eingefroren wird und erst 1000 Jahre später wieder auftaut. Fortan arbeitet er in "New New York" für den intergalaktischen Frachtdienst seines Ur-, Ur-, Ur- .... Urgroßneffen Dr. Farnsworth - und muss nebenbei regelmäßig die Welt retten.

Die Zukunft ist in "Futurama" zwar laut und bunt, befindet sich aber gleichzeitig noch im Betastadium und wirkt ganz schön rückwärtsgewandt. Nur weil Autos fliegen können, ist stockender Berufsverkehr noch lange nicht Geschichte. Die Technik ist fortgeschritten, der Rest hinkt hinterher: Eine auf den ersten Blick liebenswerte Großindustrielle namens Mom strebt die Weltherrschaft an, ebenso wie der in einem Einmachglas schwimmende Kopf von Richard Nixon.

Außenseiter in einer wirren Welt

Nur vordergründig geht es um phantastische Abenteuer auf fremden Planeten. Neben irrwitzigen Einfällen jenseits aller Konventionen des guten Geschmacks und politisch korrekten Humors - von der Roboter-Seifenoper über Selbstmordkabinen bis hin zu notgeilen Militärs im knappen Höschen aus Velours - stehen die absurden Figuren im Vordergrund. Es sind liebenswerte Außenseiter, die sich in einer wirren retro-futuristischen Welt zurechtfinden müssen und sich dabei nach Liebe und Geborgenheit sehnen.

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Zeichentrick: Die bösen Verwandten von "Futurama"
Nebenbei wird der Medien- und Polit-Zirkus in seltener Bissigkeit vorgeführt. Etwa wenn Roboter Bender in der Zeit zurückreist und Al Gore um den Sieg der Präsidentschaftswahl bringt, indem er aus Versehen Stimmzettel vernichtet - und so eine nachträgliche Erklärung für den knappen Wahlsieg George W. Bushs findet. Regelmäßig werden auch die Erregungsmechanismen der Unterhaltungsindustrie aufs Korn genommen, bis hin zu offenen Schmähungen der für "Futurama" verantwortlichen Studiobosse.

Lange mussten die "Futurama"-Fans auf eine Fortsetzung warten. Die Serie lief zuerst von 1999 bis 2003 auf dem Sender Fox, allerdings nach anfänglichem Achtungserfolg mit durchgehend enttäuschenden Einschaltquoten. Nicht nur, weil "Futurama" mit Sarkasmus und dem Anspruch, komplexe Geschichten zu erzählen statt nur dumpfe Pointen abzufeuern, das junge Cartoon-Publikum verschreckt hatte, auch der Sendeplatz am Sonntagabend lag ungünstig und wurde bisweilen für Sportereignisse freigeräumt. Die Studioverantwortlichen, denen die Serienväter Matt Groening und David X. Cohen einen bunten Science-Fiction-Spaß versprochen hatte, setzten die bitterböse Dystopie daraufhin ab.

Subversive Serie gegen dumpfe Fernsehblödelei

Doch Wiederholungen und der Verkauf auf DVD liefen erstaunlich gut. So gut, dass das Produktionsstudio Fox "Futurama" zu einer zweiten Chance verhalf: Wie schon bei der zuvor ebenso abgesetzten Trickserie "Family Guy" gab es zunächst kostenpflichtige Neuware. Vier Spielfilme wurden in Auftrag gegeben, die zwischen 2007 und 2009 zunächst auf DVD erschienen. Später wurden sie fürs Fernsehen in insgesamt 16 Folgen gestückelt.

Auch die DVD-Fortsetzung spielte genug Geld ein, so dass "Futurama" jetzt zurück ins Fernsehen darf. Die neuen Folgen setzen da an, wo die Serie zuletzt aufgehört hat: Die Crew des "Planet Express" fliegt im Raumschiff durch ein Wurmloch. Was zunächst wie das endgültige Ende aussah, wird nun zur Wiedergeburt. So heißt auch die erste von 26 neuen Episoden, die der neue Haussender Comedy Central am Donnerstagabend um 22 Uhr zeigt: "Rebirth".

Ein Titel, der passender für "Futurama" nicht sein könnte. Denn die Serie besitzt mit anarchischem Witz, Detailreichtum, Niveau und ausgeklügelten, subversiven Geschichten all die Qualitäten, für die einst die "Simpsons" so gefeiert wurden. Diese Zeiten sind jedoch jedoch längst vorbei: Nach 464 Episoden und 21 Jahren ist die gelbe Cartoon-Familie bei der dumpfen Fernsehblödelei angelangt, als deren Gegenentwurf sie gestartet wurde. Serien wie "Beavis and Butt-Head" oder "South Park" glänzen zwar auch durch Respektlosigkeiten, fallen aber hinsichtlich der Qualität von Geschichten und Animationen weit zurück.

Zielgruppenverwirrung bei "Futurama"

Nun tritt "Futurama" erneut an, den Ruf von anspruchsvollen Zeichentrickserien zu verteidigen. In Deutschland wird die Serie wieder von ProSieben ausgestrahlt werden, wie eine Mitarbeiterin bestätigte. Dort laufen derzeit "Futurama"-Wiederholungen am Samstagmittag. Die Planungen für September und Oktober sind noch nicht abgeschlossen, doch könnte der Sendeplatz am Mittag beibehalten werden.

Damit würde ProSieben ein eher junges Publikum adressieren - der Versuch, "Futurama" im Abendprogramm zu zeigen, erwies sich als wenig erfolgreich, das erwachsene Publikum sprang nicht auf die Serie an. Ob aber der kleptomanische Roboter Bender, der nicht nur dem Alkohol zugetan ist, sondern außerdem Vorlieben für Pornografie und Prostituierte pflegt, im Kinderprogramm richtig aufgehoben ist, sei mal dahingestellt.

Relativ klar dürfte die Antwort auf die Frage ausfallen, was jüngere Jahrgänge mit Gastauftritten von Barbra Streisand, Leonard Nimoy oder den Beastie Boys und Zitaten von Jean-Paul Sartre anfangen können - vermutlich eher weniger. Die Hardcore-Fans der Serie wird der Sendeplatz indes wenig stören: Weil in der deutschen Sprachfassung subtile Scherze und etliche Anspielungen verlorengehen, werden sie sich die neuen Folgen ohnehin auf Englisch ansehen wollen.

Dabei geht es oft um Kleinigkeiten. Wie schwierig "Futurama" zu übersetzen ist, zeigt sich in den ersten Minuten der neuesten Folge. Nach einem Raumschiff-Crash hat Fry schwere Verbrennungen, als erstes fällt ihm aber seine durcheinandergeratene Frisur ein: "Professor, my Fry-fro's all frizzy."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 50 Beiträge
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1. .
takeo_ischi 24.06.2010
Zitat von sysopDas wurde auch Zeit: Nach Jahren in der Kryostase gibt es neue Folgen von "Futurama". Die Zeichentrickserie ist ein würdiger Ersatz für die "Simpsons", die einst Subversion und Anspruch ins Genre brachten - in letzter Zeit aber dumm und dümmer wurden. Bleibt nur ein Problem: der Sendeplatz. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,702003,00.html
Guter Artikel. Auch für nicht Hardcorefans: Futurama funzt nur im Original. Sollte man daher auch in D konsequent im O-Ton ausstrahlen. Zumindest im Zweikanalton.
2. Daumen hoch
Meckermann 24.06.2010
Supi, ich freu mich drauf! Futurama ist durchaus auch auf deutsch witzig, muss halt jeder selbst wissen ob ihm bei der Übersetzung oder bei Verständnisproblemen mehr abhanden kommt.
3. endlich
von wegen 24.06.2010
juhuuu futurama is back. gebe meinem vorredner recht, es wird zeit das mehr originalton ausgestrahlt wird. es geht ne menge verloren bei synchronisationen. warum tun sich niederländer und skandinavier so leicht im englisch - genau weil sie im original ausstrahlen.
4. Re
dent42 24.06.2010
Der geneigte Fan hat sich die ersten beiden Folgen der 7. Staffel schon am Dienstag aus dem Netz gesaugt, insofern ist ihm die deutsche TV-Version herzlich egal.
5. P.s.
dent42 24.06.2010
Lief denn die "6. STaffel" schon auf Pro 7 oder haben die die Rechte nicht?
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