Zum Tode Dieter Pfaffs: Sein Leben, ein Spuk

Von

Er war ein Koloss kreativer Unruhe: In seiner Paraderolle als Psychotherapeut Bloch zeigte Dieter Pfaff, dass in jedem Menschen ein Stückchen Wahnsinn steckt. Jetzt starb der große Schauspieler in Hamburg an Lungenkrebs, er wurde 65 Jahre alt.

Krebstod: Trauer um Dieter Pfaff Fotos
DPA

Bloch kann nicht schlafen, er wälzt sich in seinem Bett. Ein Ehepaar, das sich selbst zerfleischt, hält den Psychotherapeuten auf Trab. Und wenn nachts mal wieder die Fäuste fliegen, dann klingeln die beiden Zankhälse ihn eben aus seinen Laken. Dabei hat Bloch selbst genug Seelentrouble, seine Frau geht fremd, er verliert das Gefühl für sich selbst, sein Leben droht auseinandereinderzufallen. Und dann sind da noch all die Gespenster der vergangenen Zeiten, die ihn nicht zur Ruhe kommen lassen. Das Leben, ein Spuk!

So aufgewühlt ist Dieter Pfaff in der nächsten Folge der Reihe "Bloch" zu sehen, die am nächsten Mittwoch in der ARD läuft. Gut zehn Jahre verkörperte Pfaff den Psychotherapeuten; die Rolle stellte in seiner späten Schaffensphase einen absoluten Glücksfall dar, konnte er mit ihr doch aus all den Missverständnissen, die über ihn kursierten, erzählerisches Kapital schlagen.

Dieter Pfaff? Das war doch dieser gemütliche Dicke, dieser Bär mit den zärtlichen Tatzen? Von wegen. Wer bei Dieter Pfaff genau hinsah, der konnte sehen, dass seine Figuren auch in den sonnigsten Momenten des deutschen Vorabend- oder Primetime-TV stets mit sich selbst rangen. Ganz egal ob Pfaff in "Bruder Esel" einen Franziskanerpater verkörperte, der den Zölibat in Frage stellt. Oder in der Krimi-Reihe "Sperling" den Chef einer Spezialeinheit, der die ganz aussichtslosen Fälle übernimmt. Oder ob Pfaff in "Der Dicke" als Anwalt der einfachen Leute auf St. Pauli Hamburger Pfeffersäcke zurechtstößt.

Unruhe, Sehnsucht, Nervosität

Hinter dem aufrechten Kämpfer trat stets der aufrechte Selbsthinterfrager hervor. Kaum verwunderlich, dass Dieter Pfaff einen denkbar unruhigen Lebenslauf hat. Nach wilden Wanderjahren über etliche deutsche Bühnen schien er 1983 - er war gerade mal Mitte 30 - eigentlich schon am Ende seiner Karriere angekommen; da wurde er Professor für Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Graz. Und hätte es auch bis zu seiner Pensionierung bleiben können.

Doch die Unruhe und die Sehnsucht trieben Pfaff zurück in die aktive Schauspielerei - und diesmal verstärkt vor die Kamera. In der grandiosen Cop-Serie "Der Fahnder" sorgte er ab 1984 als Sidekick-Polizist Otto Schatzschneider für Comic Relief. Eine tolle Rolle, aber der lustige Runde wollte Pfaff nicht bleiben. Lieber nervös und neugierig sein, auch wenn es mit großen Rollen für Dicke im deutschen Fernsehen nicht eben rosig aussieht. Aber einer wie Pfaff, an dem der Dreck und die Lüge des deutschen Fernsehens wundersam abperlten, stand eben auch in "Manta - der Film" oder "Traumschiff" unbeschadet herum.

Anfang der Nullerjahre schrieb das Autorenduo Pea Fröhlich und Peter Märthesheimer ihm dann die Rolle des Psychotherapeuten Bloch auf den nervösen Leib. Jeder Fall eine Krankenakte, aber mit einer Empathie und emotionalen Wucht gespielt und inszeniert, dass die Pathologisierung der Charaktere niemals kaltherzig wirkte. Das lag vor allem an Dieter Pfaff, der sich nie an seine Patienten rankumpelte, aber sich auch nie über sie erhob. Stets stellte er klar: Ihr tanzt mit euren Dämonen, ich mit meinen.

In Interviews erklärte Dieter Pfaff unmissverständlich, dass er noch immer in Unfrieden über die private Vergangenheit als auch die seiner Generation sei. Offen sprach über die Wunden und Fragen der 68er, die er noch nicht verheilt und geklärt sah. Offen sprach er über das schwierige Verhältnis zu seinem strengen Vater, einem Dortmunder Polizisten, der schon früh starb und den Sohn mit seiner Wut allein zurückließ. Offen sprach er über seine zweite Leidenschaft neben der Schauspielerei, über die Musik, mit der ihm leider kein Erfolg vergönnt gewesen ist.

In der bewegendsten aller "Bloch"-Folgen vor gut einem Jahr sah man Pfaff an der Seite von Vadim Glowna. Die beiden spielten ehemalige Muckerfreunde, die nach den wilden Sechzigern und Siebzigern im Zorn voneinander geschieden waren. Hier sah man sie dann wiedervereint in schwarzen Anzügen Songs von Johnny Cash spielen, der einst wie kein Zweiter die eigenen Dämonen besungen hatte. Vadim Glowna war kurz nach dem Dreh gestorben.

Nun ist auch Dieter Pfaff tot. Er erlag in Hamburg im Kreise seiner Familie den Folgen eines Lungenkrebsleidens und wurde 65 Jahre alt. Das deutsche Fernsehen hat mit ihm einen Koloss kreativer Unruhe verloren. Im öffentlich-rechtlichen Radio sollte an diesem traurigen Tag nur Johnny Cash laufen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wahnsinn, wie kann so einer einfach gehen müssen!
criticus nixalsverdruss 06.03.2013
Zitat von sysopEr war ein Koloss kreativer Unruhe: In seiner Paraderolle als Psychotherapeut Bloch zeigte Dieter Pfaff, dass in jedem Menschen ein Stückchen Wahsinn steckt. Jetzt starb der große Schauspieler in Hamburg an Lungenkrebs, er wurde 65 Jahre alt. Zum Tode des "Bloch"-Darstellers Dieter Pfaffs - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/zum-tode-des-bloch-darstellers-dieter-pfaffs-a-887159.html)
Es ist einer gegangen, dessen Herz noch um ein Vielfaches größer war, als sein Körperumfang! Es fühlt sich an, als wäre ein guter Freund gegangen. Ein herzlicher und ein geistreicher! Dieter Pfaff hinterlässt ein großes Loch. Jeder Film mit ihm war ein Leuchtturm in der deutschen Fernsehlandschaft.
2. Wie traurig!
Lektorat Berlin 06.03.2013
Ein großartiger Schauspieler und ein sehr, sehr, SEHR sympathischer Mensch. Einer von wenigen Authentischen und auf dem Boden Gebliebenen in dem Business. Mein tiefes Mitgefühl für seine Familie! Lieber Dieter Pfaff: Danke! Und jetzt mach eine (schmerzfreie!) Sause mit Deinem alten Freund Diether Krebs, der hat sich bestimmt schon auf Dich gefreut.
3. Ein toller Mensch ist gegangen.
monty54 06.03.2013
Sein Tod macht mich traurig. Er war eine Persönlichkeit. Ein toller Schauspieler. Bloch und Sperling waren meine Lieblingsfilme mit ihm. Er wird mir fehlen.
4. Eine sehr traurige Nachricht ...
Brummi 06.03.2013
... dieser zutiefst beeindruckende, so menschliche Schauspieler konnte die Krankheit nicht besiegen. Einer der ganz Großen, einer der Besten muss gehen, viel zu früh.
5. guter Artikel!
mehrgedanken 06.03.2013
Zitat von sysopEr war ein Koloss kreativer Unruhe: In seiner Paraderolle als Psychotherapeut Bloch zeigte Dieter Pfaff, dass in jedem Menschen ein Stückchen Wahsinn steckt. Jetzt starb der große Schauspieler in Hamburg an Lungenkrebs, er wurde 65 Jahre alt. Zum Tode des "Bloch"-Darstellers Dieter Pfaffs - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/zum-tode-des-bloch-darstellers-dieter-pfaffs-a-887159.html)
Ein guter Artikel, das war ein sehr feiner Mann und Schauspieler. Meine Lieblingsrollen von ihm sind im Fahnder und Bloch. Besonders Bloch mag ich auch beim zweiten Sehen. Soviel Tiefe und Herz an ganz vielen Stellen wenn man sich drauf einlässt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik TV
RSS
alles zum Thema Dieter Pfaff
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 24 Kommentare