Zum Tode Vicco von Bülows: Das wäre jetzt wirklich nicht nötig gewesen

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Loriot war einer der größten deutschen Künstler unserer Zeit, ein feiner Mensch mit einem Hang zur Perfektion und ein Humorist mit einem außergewöhnlichen Gespür. Sein Werk ist fester Bestandteil der Kultur dieses Landes, sein Tod daher nur äußerlich: Unsterblich ist er längst.

Loriot: Der große deutsche Humorist ist tot Fotos
DPA

Es wäre ihm wohl kaum recht, aber man muss es sagen, gleich am Anfang dieses Abschieds: Loriot war einer der größten deutschen zeitgenössischen Künstler. Und es gibt niemanden auf seinem Feld, dem Humor, der es mit ihm aufnehmen, der ihm auch nur das Wasser reichen könnte.

Nein, so etwas hätte er nicht hören wollen. Dafür war Bernhard Victor Christoph Carl von Bülow, genannt "Vicco", ein viel zu feiner, viel zu bescheidener Mensch. Wenn ihn etwas an seinem Werk nervte nach all den Jahren, dann waren es die Fragen dazu. Superlative wies er stets von sich, Eitelkeit war ihm ein Gräuel. Er hatte es nicht nötig, sich zu brüsten. Und wenn er sich einmal preisen ließ, bei einer dieser seltenen Gelegenheiten, zu welchen er in seinen letzten Lebensjahren an die Öffentlichkeit trat, dann tat er das offenbar nicht, weil ihm selbst daran gelegen war. Er tat es augenscheinlich, um dem Publikum eine Freude zu machen, seinem Publikum, das ihn liebte wie ein Familienmitglied.

2007 war es, da wählten ihn die ZDF-Zuschauer in der Serie "Unsere Besten" zum besten Humoristen der Deutschen, eine überflüssige Wahl von Anfang an, denn ihr Ergebnis stand ja sowieso schon fest, da kam Loriot tatsächlich selbst ins Studio, um die Auszeichnung anzunehmen: ein sehr alter, sehr liebenswürdiger Mann, der etwas verloren wirkte zwischen den anderen Gästen der Sendung. Rüdiger Hoffmann, Oliver Pocher, Barbara Schöneberger, was hatte Loriot dort verloren? Oder anders, besser gefragt: Wie konnte man ihn nur in eine Reihe stellen mit diesen vergleichsweise doch sehr bescheidenen Vertretern ihrer Kunst?

Loriot stand da auf der Bühne, noch immer blitzte es in seinen Augen, und allein dieses Funkeln, diese Erinnerung an den großen Schalk, war komischer als das Gesamtwerk aller anderen Anwesenden zusammengenommen. Warum war er gekommen? Loriot war wohl einfach zu höflich gewesen, um abzusagen. "Haben Sie Mario Barths Kinofilm schon gesehen?", wurde er in einem der letzten großen Interviews gefragt, und Loriot antwortete nur: "Ich habe es noch vor mir." Eine feinere, vernichtendere Kritik als diese sechs Worte ist kaum vorstellbar.

Herr Müller-Lüdenscheidt! Herr Doktor Klöbner!

Es ist nicht nötig, an dieser Stelle Loriots Werk im Detail zu beschreiben. Seine Sketche und Zeichnungen sind Teil der kollektiven Erinnerung der Bewohner dieses Landes, schon seit vielen Jahren. Jetzt, zum Tod Bülows, werden seine Werke wieder gezeigt werden, vor allem die berühmte, seinen Ruhm festigende sechsteilige TV-Serie "Loriot" aus den siebziger Jahren, und wer sie dieser Tage im Fernsehen sieht und jede Zeile auswendig mitsprechen kann, der ist kein Exot, sondern einer von vielen. Bülow selbst hat sich die anhaltende Popularität in einem Interview mit dem SPIEGEL einmal so erklärt: "Es mag auch daran liegen, dass ich immer versucht habe, mich von aktuellen Trends und Moden fernzuhalten und stattdessen Allgemeingültiges zu erzählen."

"Das Frühstücksei" bei Youtube

Das ist ihm zweifellos gelungen. Loriots Kunst war vor allem auch deshalb so komisch, weil seine Figuren oft vollkommen humorlose Typen sind - und solche kommen leider niemals aus der Mode. Von Herrn Müller-Lüdenscheidt und Herrn Doktor Klöbner, den unnachgiebigen "Zwei Herren im Bad" bis zu Heinrich Lohse, dem pensionierten "Pappa ante Portas": Stets sind Loriots Geschöpfe viel zu sehr mit dem Versuch beschäftigt, den äußeren Anschein einer respektablen Person zu wahren, als dass sie bemerken könnten, wie sehr sie sich mit diesem Versuch lächerlich machen. Es ist dieser manchmal verzweifelte, manchmal stoisch geführte Kampf um die Würde und gegen widrige Umstände, der Loriots Sketche ausmacht, meist mit ihm selbst in der Hauptrolle des Unbeholfenen.

So hat er den Deutschen gezeigt, über sich selbst zu lachen, über "Die Nudel", das geschenkte Klavier und den Heinzelmann, der saugt und bläst, wo Mutti sonst nur blasen kann. Die Erwähnung solcher Stichworte ist völlig ausreichend, die Bilder im Kopf sind sofort wieder da, nicht nur die Bilder seiner Sketche, sondern auch die Situationen, in welchen man sie gesehen hat: oft gemeinsam, als Familie. Bei Loriot konnten Großeltern genauso herzlich lachen wie Enkelkinder und die Eltern ebenso.

Vom Krieg ans Zeichenpult

Vicco von Bülow, geboren am 12. November 1923 in Brandenburg an der Havel als Sohn eines preußischen Polizeioffiziers, hatte in den jungen Jahren seines Lebens selbst recht wenig zu lachen. Die Eltern trennten sich, die Mutter starb früh, da war der Sohn erst sechs Jahre alt. Bülow wuchs mit seinem Bruder bei der Großmutter in Berlin auf. 1941 Notabitur, dann Kriegsdienst, Russland-Feldzug, Oberleutnant des Panzergrenadierregiments 3. Die Kriegserlebnisse, hat Loriot später erzählt, habe er "hingenommen und eingeordnet", das beschäme ihn, denn einerseits bewahre einen die Verdrängung zwar vor dem Wahnsinn, wie in jener Nacht, als ihn im Schützengraben etwas beim Schlafen störte und es die Hand eines Toten war, die ihn streichelte; doch andererseits wäre man ohne Verdrängung doch gar nicht in der Lage, Krieg zu führen: "Und das wäre doch eigentlich gut."

Schon zu Schulzeiten war Vicco von Bülows zeichnerisches Talent aufgefallen, nach der Kriegsheimkehr riet ihm der Vater, ebenfalls mit einer künstlerischen Ader ausgestattet, zu einem Studium der Malerei und Grafik an der Hamburger Landeskunstschule. Ab 1950 veröffentlichte der junge Künstler erste Karikaturen, sich ab da "Loriot" nennend nach der französischen Bezeichnung für den Pirol, den Wappenvogel der Bülows. Ab Mitte der fünfziger Jahre erschienen erste Cartoon-Bücher ("Der gute Ton" und "Auf den Hund gekommen") mit den mittlerweile klassischen Knollennasen-Figuren, stereotypen Alltagsmenschen in allzu menschlichen Situationen, an deren Beispiel dem Leser satirische Lebenshilfe erteilt wurde.

Spätes Kinodebüt

Ab 1967 lief Loriots erste Fernsehserie "Cartoon", ab 1971 zeichnete er den Hund "Wum" und lieh ihm so erfolgreich seine Stimme, dass er 1973 neun Wochen lang die deutschen Singlecharts mit dem Hit "Ich wünsch mir 'ne kleine Miezekatze" anführte. 1973 erhielt Loriot den Adolf-Grimme-Preis, 1974 das Große Bundesverdienstkreuz, dabei war er da noch nicht einmal auf dem Höhepunkt seines Schaffens angelangt: Das erreichte er mit der bereits erwähnten Fernsehserie "Loriot" von 1976 bis 1978. Nach der Produktion der sechsten Folge eröffnete Loriot seinem entgeisterten Team und der kongenialen Sketchpartnerin Evelyn Hamann, dies sei die letzte Episode gewesen. Er hatte nicht den Eindruck, sich noch steigern zu können.

"Herren im Bad" bei Youtube

Zwischendurch widmete sich Loriot seiner Leidenschaft für die sogenannte ernste Musik, inszenierte den "Freischütz" und "Wagners Ring an einem Abend", schrieb Texte für "Peter und der Wolf" und den "Karneval der Tiere", und 1988, da war er bereits 65 Jahre alt, erschien "Ödipussi", sein erster Spielfilm, für welchen er sogleich den Ernst-Lubitsch-Preis und den Deutschen Filmpreis erhielt. Dass es trotz des großen Erfolgs nur einen einzigen weiteren Spielfilm ("Pappa ante Portas") von Loriot geben sollte, lag nach eigener Aussage daran, dass er Sorge hatte, den eigenen Qualitätsstandard nicht mehr halten zu können. 34-mal ließ der Perfektionist Evelyn Hamann in einer Szene für "Pappa ante Portas" wie beiläufig in einen Hundehaufen treten, bis es ihm beiläufig genug aussah. Ein weiterer Film, bekannte Loriot, hätte ihn gelangweilt.

Vicco von Bülow hatte wie kaum ein anderer ein exaktes Gespür für Timing - sowohl in seinen Sketchen als auch im großen Zusammenhang seiner Arbeit. Er wusste stets, wann der richtige Zeitpunkt zum Aufhören war. Als die ARD ihn zum 75. Geburtstag mit einer Gala ehrte, da wollte der Künstler selbst schon nicht mehr auftreten und ließ die Öffentlichkeit wissen, sein "Fernseh-Gesamtkunstwerk" 1996 abgeschlossen zu haben.

Seinen Ruhestand verbrachte Loriot, seit 1951 mit seiner Frau Rose-Marie Schlumbom verheiratet, in Oberbayern am Starnberger See, mutmaßlich umgeben von einem ganzen Rudel Möpsen, ohne welche, wie er einmal sagte, ein Leben zwar möglich, aber sinnlos wäre.

Abschließend bleibt zu sagen, dass Loriots Tod absolut nicht nötig gewesen wäre. Unsterblich war er längst. Er wird es bleiben.

"Die Nudel" bei Youtube

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes stand, Loriot habe ein Leben ohne Möpse als "nicht wünschenswert" bezeichnet. Tatsächlich nannte er es "sinnlos". Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 169 Beiträge
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1. Krawehl, Krawehl
Pepito_Sbazzagutti 23.08.2011
Das ist für mich persönlich die traurigste Nachricht seit langem. Loriot hat mich durch meine Jugend begleitet und noch heute kann ich über die Nudel, das Jodelpiplom und den Kosakenzipfel lachen. Wovor mir graust: Wenn "Comedians" von heute versuchen, sich mit Loriot auf eine Stufe zu stellen. Namen werde ich hier nicht nennen, sonst graust es mich noch mehr. Darauf ein Hupfheimer Jungferngärtchen, abgezapft und verkork(s)t von Pahlhuber & Söhne.
2. Was bleibt
willem.fart 23.08.2011
sind die Realkomiker. Die man heute wahrnimmt, weil Loriot den Blick dafür geschärft hat.
3. Danke
Baron Riedesel 23.08.2011
an Spiegel online für diesen schönen, gut geschriebenen Nachruf.
4. Da war noch was
Ulrich Hartmann 23.08.2011
In der Aufzählung von Loriots Werken im Artikel fehlen die Sketche zur Bundestagswahl 1980, die trotz ihrer aktuellen Bezüge - wie eigentlich alles von ihm - zeitlos sind.
5. Traurig,
ogniflow 23.08.2011
aber,....ich mach uns ein paar Schnittchen (mit Ei ) und leg eine Loriot-DVD ein. Vielen Dank!
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