Mittdreißiger-Satire Generation Gemetzel

Mein Haus, mein Mann, mein Mutterkuchen: Zwei Frauen kämpfen in der ARD-Satire "Zur Hölle mit den anderen" um moralische Überlegenheit. Ein grober Spaß. Ein großer Spaß.

SWR/ Jochen Klenk

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Zum Schluss liegt in dieser Pärchen-Satire über falsche und richtige, über konstruierte und erlogene Lebensentwürfe eine Plazenta auf den Dielen des Eigenheims. Eine der Freundinnen im Film hatte den Mutterkuchen nach der Geburt des Kindes in Glas gerahmt, die andere Freundin riss ihn in Rage aus dem Regal. Höhepunkt eines bizarr eskalierenden Wiedersehens zweier alter Studienkolleginnen und größtmögliche Verwüstung in der Entscheidungsschlacht um die Frage, wer das richtige, das echte, das wirklich wahre Leben lebt.

Dabei war die Ausgangsposition der beiden Mittdreißigerinnen die gleiche. Beide waren einst bei Gender-Studies eingeschrieben, beide hatten hochtrabende Pläne für ihr Leben. Aber ihre Lehren aus der Beschäftigung mit den Geschlechter- und Gesellschaftsbildern könnten nicht unterschiedlicher sein: Während Katrin (Britta Hammelstein) als Kulturmanagerin durch die Welt jettet, bezieht Sandra (Mira Bartuschek) Herdprämie und konzentriert sich ganz darauf, das optimale Lebensumfeld für den vierjährigen Sohn zu schaffen; Stillen und Milchabpumpen für das nicht mehr ganz so kleine Kerlchen inklusive.

An ihrer Seite haben die beiden Frauen Männer, die sich mustergültig in den jeweiligen weiblichen Lebensentwurf schmiegen. Katrins bärtiger Steffen (Felix Knopp) ist ökobewegter Journalist in Elternzeit und kümmert sich um die Tochter, Sandras Ellenbogenpatriarch Erik (Holger Stockhaus) leitet ein Chemieunternehmen. Steffen und Erik, zwei wandelnde Stereotype: Der eine ist Vegetarier, der andere hat im Garten Hightech-Barbecue für Fleischwaren aller Art stehen. Die Entscheidungsschlacht der Männer findet folglich am Grill statt.

Eigenheimbesichtigung als Seelenschau

Wer bin ich? Auf die schwierige Frage liefert diese plakativ konstruierte Komödie eine schlichte Antwort: Ich bin die Summe aller Teile, die ich um mich herum aufstelle. Da wird die Seelenschau zur Eigenheimbesichtigung; Motto: mein Haus, mein Steak, mein Mutterkuchen. Das ist die konsequente Überreizung jener Art von Selbstausstellung, wie sie Zielgruppengazetten wie das Junge-Eltern-Magazin "Nido" oder das Große-Jungs-Magazin "Beef" liefern. Identität ist, was auf zwei Hochglanzseiten passt.

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ARD-Film "Zur Hölle mit den anderen": Entscheidungsschacht am Grill

So zeichnet Regisseur Stefan Krohmer das Porträt einer ziemlich geheimnislosen Generation, die gelernt hat, noch den kleinsten Oberflächenreiz als Ausdruck der eigenen Haltung zu interpretieren. Krohmer hat - gemeinsam mit seinem Stammautor Daniel Nocke - immer wieder feinnervige, doppelbödige Generationenporträts vorgelegt, die Politaktivisten-Tragikomödie "Sie haben Knut" etwa, das Midlife-Crisis-Drama "Mitte 30" und zuletzt die Patchwork-Komödie "Neu in der Familie".

Rigoros brachte er Generationslügen auf den Punkt, ebenso rigoros lieferte er aber auch therapeutischen Beistand für die unterschiedlichen Jahrgänge, die jeweils manisch mit ihrer Selbstfindung beschäftigt sind. Das ist nun in "Zur Hölle mit den anderen" anders. Weil die Protagonisten nicht mehr sind, als sie nach außen darstellen, gibt es keine doppelten Böden, keine interessanten versteckten Lügen.

Das Drehbuch lieferte die junge Autorin Nicole Armbruster, bekannt für das schonungslose Heimkinderdrama "Freistatt". Krohmer und Armbruster betreiben die Generationsschau als satirisch überspitzte Demontage; indem ihre Charaktere im Laufe des Grillabends das sorgsam zusammengeraffte Mobiliar zerlegen, zerlegen sie auch ihre sorgsam zusammengerafften Selbstbilder. Wie in dem satirischen Theaterstück "Der Gott des Gemetzels" - von Yasmina Reza geschrieben, von Roman Polanski verfilmt - geht es hier weniger um eine Innenansicht der Charaktere als vielmehr um die gnadenlos vorangetriebene Gruppendynamik.

Angefacht wird der körperlich ausgetragene Wettstreit um die moralische Überlegenheit mit Bier, Schnaps und einem Restposten Hasch, den die Frauen in Umzugskartons im Keller finden. Und je besoffener sie ihre Individualität zu behaupten versuchen, desto mehr werden sie zu Abziehbildern ihrer Generation. Stereotype beim Amoklauf. Ein grober Spaß, ein großer Spaß.


"Zur Hölle mit den anderen", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD



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