Von Christian Bartels
Sagt Bernie von Flausch, der eine Packung Frühstücksflocken "mit vielen Vitaminen zum Fröhlichsein" in der Hand hält: "Das Haltbarkeitsdatum ist seit 20 Jahren abgelaufen". Entgegnet Tippsi Tapps: "Ach, das kann man doch überkleben!"
Die Comedy "Ausgekuschelt" mit Muppets-artigen, derangierten Tierpuppen hat in der Abstimmung beim "TV-Lab" auf dem ZDF-Digitableger ZDFNeo bloß Platz 6 belegt. Aber sie trifft zumindest den Punkt, um den es geht: um Haltbarkeit. Wie wird es in zwanzig Jahren um das Zweite Deutsche Fernsehen bestellt sein, das im August 2011 nur noch 5,3 Prozent der Unter-50-Jährigen eingeschaltet haben?
Um gegen die Überalterung vorzugehen, hat das ZDF seine drei Digitalkanäle ZDFneo, ZDFkultur und ZDFinfo umgestaltet und startet mit vollmundigen Versprechen laufend neue Formate wie "WISO plus" ("Nützlich, netzig, neu") oder "Bauerfeind 28:30" in diesen Nischen. Auf ZDFneo ist nun der Wettbewerb "TV-Lab" mit gleich zehn neuen Formaten zu Ende gegangen.
Youtube-Star Tedros Teclebrhan auf Platz Eins
Die meisten der über 16.000 Zuschauer, die sich zum Bewerten der Sendungen auf der Webseite von ZDF-Neo einloggten, stimmten für "Teddy's Show": Standup-Comedy mit Tedros Teclebrhan. Der durch ein Youtube-Video bekannt gewordene Deutsch-Eritreer kann deutsche (und denglische) Dialekte imitieren und auf Zuruf Wörter wie "Radarfalle" und "Erdmännchen" in Soulsongs integrieren, so dass sie sich mehr oder weniger reimen. Klar, dass es bei einem dunkelhäutigen Comedian oft um die Frage geht, ob Deutsche immer deutsch aussehen - wobei er sich die Philipp-Rösler-Witzchen wirklich hätte verkneifen können.
Womöglich hat hier einfach die am besten organisierte Fangemeinde den Sieger bestimmt - doch immerhin hat mit "Teddy's Show" ein für den Wettbewerb adäquates Format gewonnen: Eine Late-Night-Show, die vom Improvisationstalent ihres Stars lebt und die sich in einer knappen Zeitspanne sinnvoll realisieren lässt.
Zentrale Elemente aus "Teddy's Show" fanden sich auch in vielen anderen "TV-Lab"-Sendungen: Das Megathema Integration kam oft vor, ebenso das Prinzip der Passantenverarschung in Fußgängerzonen.
In "German Angst", der zweitplatzierten Sendung, wird dieses Mittel, Vorurteile über den Islam abzubauen, für den guten Zweck strapaziert. "Wir haben's überlebt" sagt am Ende, nicht richtig begeistert, der prominente Plauderpartner des Moderators Micky Beisenherz, der deutsch-türkische Comedian Murat Topal. Zuvor hat er ein wenig über seine entspannte Auffassung des Islam erzählen können. Daneben hat man in einer Mischung aus "Sendung mit der Maus"- und "Frontal"-Machart erfahren, dass es in einer Welt ohne Muslime weder das dezimale Zahlensystem, noch den Kaffee oder Mesut Özil gäbe. Ob die hibbelige Oberflächlichkeit, die alle Fragen mit den ersten Sätzen der ersten Antwort abhakt, tatsächlich Vorurteile abbaut, darüber ließe sich streiten.
Ferner zählten zu den "TV-Lab"-Kandidaten die Krawallsatire "Bullshit", die ausschließlich auf die Veralberung von Passanten setzt, eine Datingshow, die viel Anlauf nimmt, um ein paar triste Flirts vor versteckter Kamera zu zeigen, und ein Reisemagazin mit VJs, die auf der Grundlage von Internet-Bewertungen "die besten Burger der Stadt" und andere "Super-Ausgehtipps" für Istanbul empfehlen; dieses Format könnte mit seiner Schleichwerbungs-Affinität sicher im Privatfernsehen Karriere machen. In dem rätselhaften Magazin "Wie geil ist das denn!?" präsentiert sich Caro Korneli als eine Art Sarah Kuttner in wortkarg und parkt mit einem Panzer ein oder sticht sich ein Tattoo.
Bokelberg überzeugt als Filmnerd-Darsteller
Sarah Kuttner selbst war natürlich auch dabei. Sie trägt ihr Schicksal, für öffentlich-rechtliche Randprogramme eine vermeintlich junge Sendung nach der anderen pilotieren zu müssen, mit Fassung. In "Bambule", nach eigenen Angaben "Trendscout, Personalityshow und Reportermagazin" in einem, will sie dem "Lebensgefühl der 20- bis 40-jährigen Großstadtbewohner" nachspüren. Kuttner stellt ausführlich ihre Unsicherheit vor, ob sie Kinder kriegen soll und klingt bisweilen, als wolle sie sich als Werbeträgerin für einen bekannten Versicherungskonzern empfehlen: "Ich will auf der einen Seite Freiheit, und dann aber eben doch auch Sicherheit." "Bambule" hat interessante Beiträge - etwa über die neuen Neonazis, die mit ihrem Look noch vor kurzem "in ihr eigenes Opferschema" gefallen wären. Schade, dass das Thema in den Inszenierungsmätzchen der vollgestopften 28-Minuten-Show untergeht.
Nils Bokelberg, der wie Kuttner einst bei Viva wirkte und sich jetzt "Nilz" nennt, präsentiert gemeinsam mit Donnie O'Sullivan ein selbst ernanntes "Filmmagazin mit Eiern". Tatsächlich könnte "Moviacs" die karge Kinomagazin-Fernsehlandschaft beleben. Es erfrischt durch undevoten Umgang mit den Star-Interviews, die jeder Filmverleih als PR-Material zur Verfügung stellt, und zeigt sich mit Mashups wie Ausschnitten aus Paul Thomas Andersons Film "There Will Be Blood" zu einer deutschen Bud-Spencer-Tonspur auf der Höhe der Zeit. Nicht zuletzt überzeugt der inzwischen etwas aufgeschwemmte Bokelberg als Filmnerd-Darsteller.
Doch lässt sich ein Kinomagazin, das vergleichsweise preiswert produziert werden kann, mit völlig anderen Fernsehformaten überhaupt vergleichen?
Die aufwändigste Produktion belegte Platz fünf: Als eine Art Krimikomödie versucht sich "Scharfe Hunde" mit Thomas Heinze in der Hauptrolle eines abgehalfterten Fernsehkrimiserien-Helden, der zum echten Detektiv wird, aber ohne seinen Drehbuchautor Matthias Matschke selten weiß, was er sagen soll. Die mit 35 Minuten für "TV-Lab"-Verhältnisse lange, für Serienverhältnisse kurze Folge ahmt den Tonfall der Sat.1-Serien "Pastewka" und "Der letzte Bulle" nach und enthält durchaus Gags, aber keine sinnvolle Handlung. Was bloß beweist, dass sich durchdachte Konzepte für komplexe Fiktion nicht in der für das "TV Lab" vorgesehenen Produktionszeit von drei Monaten aus dem Ärmel schütteln lassen.
Puppen-Comedy mit Abführmittel
Mehr Raffinesse besitzt die Puppen-Comedy "Ausgekuschelt". Die Grundidee: Einst erfolgreiche Kuscheltierstars trauern den alten Zeiten hinterher - und zwar unter Einbeziehen der real existierenden Medienwelt. Den Abführmittelwerbespot, an dem Tippsi Tapps wegen ihrer Stardünkel scheitert, spricht am Ende das Endneunziger-Popsternchen Oli P. Und als beneidete reiche Nachbarn der Tierpuppen kichern "die fiesen M.s aus Mainz", die Mainzelmännchen. "Ausgekuschelt" leidet allenfalls unter seiner Dauer. Etwas weniger wäre mehr gewesen, aber in den besseren Momenten ist das Niveau einer schlechteren "Simpsons"-Folge erreicht.
Natürlich steht jede Innovation dem in Formaten und Sendeslots verkrusteten öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramm gut. Doch wenn völlig unterschiedliche Formate, die teils gründlicher Vorbereitung bedürfen, teils mehr, teils weniger Sendezeit benötigen, in ein Wettrennen nach dem Gefällt-mir-Prinzip geschickt werden, kommt naturgemäß viel Möchtegern-Mainstream heraus.
Bei den "TV-Lab"-Sendungen lässt über sich einiges diskutieren - und sei es nur, ob die TV-Macher das Publikum nicht als viel zu einfältig einschätzen. Doch vielleicht sollte das ZDF lieber neuen Ideen etwas mehr Vertrauen schenken und dann den potenziellen Fans ausgereifte Folgen zur Wahl stellen. Wenn es zur Finanzierung auf ein paar Inga-Lindström-Filme und ein paar Markus-Lanz-Talkshows verzichtete, wäre das für die Programmqualität in jedem Fall ein Gewinn. Für die Einschaltquote vielleicht nicht auf Anhieb, dafür aber bestimmt für die Haltbarkeit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.
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